Metric, Paris, 26.05.10


Konzert: Metric

Ort: La Cigale, Paris
Datum: 26.05.10
Zuschauer: ausverkauft
Konzertdauer. 70 Minuten


Als "accident de voyageur ou de personne" (Personenschaden) wird in der nüchternen Amtssprache der Pariser Verkehrsbetriebe RATP der Umstand bezeichnet, daß sich jemand vor den Zug geworfen hat. Diese menschlische Tragödie passiert leider nicht selten und heute war es wieder soweit: der Verkehr in der Metrolinie 8 sei unterbrochen, meldete eine Frauenstimme per Lautsprecherdurchsage. Zu jucken schien das kaum jemanden der wartenden Passagiere. Gelangweilt schauten die Leute auf ihre Blackberries oder Iphone und warteten einfach drauf, daß es gleich weitergeht. Von Betroffenheit keine Spur. Erst als 10-15 Minuten später immer noch nicht die nächste Metro eingetrudelt kam, wurden einige unruhig und verließen das unterirdische Labyrinth. Auch ich begab mich nach draußen, denn es war inzwischen 20 Uhr 45 und ich wollte zum Konzert von Metric in die Cigale. Ich fühlte mich mies, denn Suizide in der U-Bahn lassen mich nie ganz kalt. Früher dachte ich immer, daß sich Obdachlose in ihrem Elend vor die Züge stürzen, aber in einem Bericht über das Leben der Clochards auf der Straße habe ich neulich erfahren, daß sie sich ganz selten das Leben nehmen. Begründung eines befragten Psychiaters: Obdachlose denken nur an den nächsten Tag und nicht weiter und irgendwie sorgt dies bei ihnen für weniger Zukunftsängste als bei Leuten, die an die nächsten 5 bis 10 Jahre oder noch weiter denken und dementsprechend planen.

Ich musste nun ein Taxi nehmen, um noch rechtzeitig zum Konzert zu kommen. Dies gelang mir auch und als ich in das stickige und übervölkerte Theater im Pigaleviertel eintrat, erklang gerade das erste Lied. Als hätte ein Schiedsrichter bei einem Wettlauf den Startschuss abgegeben, gingen hunderte Leute ab wie ein Zäpfchen. Wie auf Befehl. Alle hüpften und sangen jede einzelne Strophe mit. Ich fühlte mich wie ein nüchterner Mensch, der ins Hofbräuhaus eintritt, wo quasi jeder besoffen wie ein Schwein ist und grundlos auf den Tischen rumtanzt. Grauenvoll. Wo war ich hier gelandet? Im Club Robinson, bzw. Med? Emily Haines war die Animateurin und das Publikum die vergnügunsgeilen Clubgäste. Es war schwül warm, ich stand bedrängt auf einer Treppenstufe in der Nähe der Boxen und der Sound war dumpf, basslastig und scheppernd. Alles andere als ein Vergnügen, diese Veranstaltung! Ich ermahnte mich selbst und sagte mir innerlich: "Hey, Oliver, mach dich locker und amüsier' dich doch auch. Sei kein Spielverderber!" Emily Haines keifte derweil eine von den Beastie Boys entlehnte Songzeile: "We gonna fight for our right to party." Das machte mich fertig. Ich konnte mich einfach nicht amüsieren, weil ich schmerzlich erkennen musste, wie flach die Musik von Metric ist. Indie-Disko für den Ballermann, schoß es mir durch den Kopf. Dümmliche Refrains, die jeder Heini mitgrölen kann ("Beating like a hammer, beating like a hammer") und Gitarrenriffs, die wie auf Bestellug kamen. Dabei waren die Gitarren letztlich nur Staffage um cool zu wirken, denn seien wir ehrlich: Metric machen Pop und nichts anderes. Klar, Emily Haines sah prima aus wie immer, stylische goldene Stiefelchen, ein kurzes Glitzerkleidchen und makellos schöne Beine. Aber deshalb gleich pausenlos ausrasten? Nö! Ich jedenfalls nicht. Die (meist männlichen) Fans hingen ihr aber an den Lippen und wenn sie nach vorne an den Bühnenrand kam, grapschte jeder nach ihren Händen. Ich fand das affig. Dennoch war es ratsam, immer nur auf Emily zu glotzen, denn den Anblick des Bassisten und des Gitarristen konnte ich nicht ertragen. Zwei überaus eitle, permanent posende Schönlinge, die die abgedroschensten Rockstargesten darboten und sich dabei obercool vorkamen. Hilfe!

Am schlimmsten war aber, das jeder Song gleich klang. Ein ungenießbarer Brei aus garagigen Bässen und wummernden Synthiebeats, der eklige Assoziationen zu Placebo, den verfluchten Killers oder anderen ätzenden Bands bei mir hervorrief. Egal ob Help I'm Alive, Gimme Sympathy, Dead Disco oder den oberfeisten Abschlußsong Stadium Love, ich fand jeden dieser Hits kacke, die Gestik von Haines einstudiert, die Euphorie künstlich. Gut, daß das Trauerspiel nur eine Stunde dauerte. Zwei doofe Zugaben (Monster Hospital und das schnulzige Combat Baby) und zehn Minuten später und ich war erlöst. Das Publikum jubelte, als ob Frankreich die WM gewonnen hätte, aber ich spielte die Spaßbremse, zog eine schlechtgelaunte Fluppe und suchte das Weite. Musikalisch hatte ich trotz überbordender Energie der Frontlady eines der schlechtesten Konzertes des Jahres gesehen. Möglicherweise hat mir der eingangs geschilderte "Personenschaden" den Abend versaut (ich Sensibelchen!), ich denke aber, daß ich auch mit besserer Laune nicht den gleichen Spaß wie die meisten Zuschauer gehabt hätte. Mir drängt sich immer mehr der Verdacht auf, daß ich durch meine Wohnzimmersessions und die kleinen Clubkonzerte verwöhnt bin und Massenveranstaltungen wie der heutigen kaum noch etwas abgewinnen kann. Aber ich bin es auch selbst Schuld. In der Flèche d'or spielten heute Micah P Hinson und The Leisure Society, im Scopitone Gemma Ray und in der Maroquinerie The New Pornographers und Here We Go Magic. Die Auswahl an guten Indiekonzerten war also groß und der Besuch des Konzertes von Metric nicht zwingend nötig.

Pour nos lecteurs français:

Par moment je me sentais comme au Club Med ce soir à la Cigale. Emily Haines de Metric était la Go et le public surchauffé les GM. Dès le premier morceau la foule se déchaîna comme s'il fallait faire la fête de l'année. Un public conquis d' avance donc qui se foutait un peu des chansons, qui, pour moi, sonnaient toutes plus au moins pareilles. Refrains catchy ("beating like a hammer, beating like a hammer") melodies entêtantes et un beat dansant, melangé avec des riffs sanglants, voila la recette qui faisait danser de joie tout le monde. Sauf moi. Certes, Emily faisait preuve d'une énergie remarquable, se donnait à fond et justifiait complètement son statut de bête de scène, mais musicalement le tout restait étrangement plat. Les riffs venaient comme sur commande, les morceaux allaient toujours droit au but et le son était pourri, au moins dans mon coin. Pas étonnant donc que le public n'était pas composé des personnes qui vont regulièrement au petits concerts indés. Ici reignait une ambiance quasi festivaliaire, dominé par des gens qui tapaient sur le moindre rythme dans la main. J'ai trouvé cela plutot génant. Pourtant Emily etait sublime comme d'habitude. Petites bottines (des low boots plus précisement) dorées très chic, jambes impeccables et mini jube paillettée. Jolie ca! A ces côtés deux mecs qui posaient comme des clowns en faisant sans cesse des gestes des rock stars. Ridicule. Finalement j'étais content que le concert ne dure pas plus que 70 petites minutes, rappels inclus. Le public hurlait de joie comme si la France avait gagné la coupe du monde, mais moi j'étais plutôt deçu que je n'avais pas opté pour les concerts de Micah P Hinson à la Flèche d'or où de The New Pornographers à la Maro. Des concerts grand public comme ce soir à la Cigale me passionnent de moins en moins. Mais bon, c'est mon goût personnel, c'est compréhensible que la très grande majorité du public avait passé une excellente soirée avec une Emily Haines survoltée et sexy en diable.

Setlist Metric, La Cigale, Paris:

01: Twilight Galaxy
02: Satellite Mind
03: Front Row
04: Help I'm Alive
05: Empty
06: Gold Gun Girls
07: Gimme Sympathy
08: Sick Muse
09: Dead Disco
10: Stadium Love

11: Monster Hospital
12: Combat Baby

Aus unserem Archiv:

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