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Chaim - Alive (Remixes)

Weg von mythisch überhöhten Orten, den zwei, drei beinahe schon heiligen Städten, ihren Produzentengenerationen und der unantastbaren Soundarchitektur. Es schreibt sich auf viel leichter, druckbefreiter, da es sich nicht um das Werk irgendwelcher Legenden [spätestens mit der dritten Platte sollte dieser Ausnahmestatus erworben sein, ansonsten wird das nichts mehr], sondern von Menschen aus Fleisch und Blut handelt. Albern. Fleischliche, menschliche, irdische Wesen sind auch die Detroiter Produzenten, auch wenn wir der Verehrung unserer Helden oftmals mehr Platz einräumen, als ihnen eigentlich gebührt. Letztendlich kann die Musik auch in der Einsamkeit eines kleinen Ardennendorfes produziert werden. Hauptsache "my feet keep dancings", um es einmal mit Chic zu halten.

Von etwas weiter weg kommt Chaim Avital, der unter Verwendung seines Vornamens - Chaim - seit Jahren schon eine House-/Techno-Platte nach der anderen veröffentlicht. Auf die Frage "Where Is Jack" hat er zwar noch immer keine allgemeingültige Antwort, keine Weltformel gefunden, mit der sich das Phänomen des "Jack" komplett beschreiben liesse. Aber seither ist ihm ein Platz in der Stammelf von BPitch Control sicher.

Chaim Avital zählt mit Guy Gerber, Shlomi Aber, Itamar Sagi, Gel Abril, Guy J, und wie sie alle heissen, zur "Golden Generation" israelischer House-/Techno-Produzenten. Ihr Sound lässt sich weniger leicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Wiederkehrende ähnliche Eigenschaften, Muster und Themen in der Musik dieser Produzenten lassen sich zwar herausarbeiten. Es sind epische, sonnendurchflutete Klangbilder, die immer auch ein wenig Open Air-geeignet sind. Manche Riffs und Harmoniebögen strotzen nur so vor Auftriebspotential, die Hände gehen beinahe ohne eigenes Zutun in die Luft. Dabei aber von einem "Sound Of Israel" zu sprechen, halte ich persönlich für überzogen.

Anyway. Chaim Avital hat zum Jahresanfang sein Debütalbum "Alive" auf BPitch Control veröffentlicht. Es zeichnet sich aus durch eine verblüffende klanggestalterische Form zwischen sinnlichem, melodischem Elektronika-Pop und Tanzflächeneuphorie. Er baut langsam eine Dramaturgie auf, ohne sich in der Suche nach dem grossen Überraschungsmoment zu verzetteln. Dazu laufen die einzelnen Handlungsstränge zu deutlich auf den (nach-)mitternächtlichen Club zu. Hört selbst:

Chaim - Alive (BPC233CD) by BPitch Control


Nun aber endlich zur vorliegenden EP. Auf ihr befindet sich neben dem Original von "Alive" eine Vielzahl Remixe. Chaim beziehungsweise BPitch Control schart darauf eine Anzahl Produzenten um sich, die ich in dieser so nicht erwartet hätte. So trifft man einmal auf den Finnen Joakim Ijäs alias Kiki. Er gehört zum Inner Circle von BPitch Control, bildet mit seiner Vielzahl Releases einen wesentlichen Bestandteil des Rückgrats des Labels, hat auch die erste hauseigene Mix-Compilation "Boogy Bytes Vol. 1" herausgebracht (die ich mir übrigens in einem Anflug von Mittnuller-Nostalgie erst die Tage wieder einmal angehört habe). Er befreit das Original von seiner süssen Pop-Melancholie und unterfüttert es mit einem machtvollen Elektro-Bass. Die Vocals entkleidet Kiki von ihrem wolkenverhangenen Synth-Beiwerk, lässt sie gewissermassen im Lichtkegel des Tracks erstrahlen.

Einen weiteren Beitrag für diese 12" geliefert haben Philip Lauer und Christian Beisswenger, mit ihrem Projekt Arto Mwambe Hüter über klassische Moral und Wertvorstellungen im zeitgenössischen (Deep) House. Da ich ihre Platten auf Brontosaurus, ihre Remixe und ihre Live At Robert Johnson-Compilation liebe - diese starke Gefühlsbekundung ist aufrichtig und ehrlich gemeint -, bin ich vielleicht ein wenig voreingenommen und befangen und deswegen nicht wirklich unparteilich, was ihren Remix betrifft. Aber ihr Track vermittelt einfach eine Stimmung, wie sie an einem kalten, klaren Frühlingsmorgen herrscht, an dem die Sonne über dem Horizont erscheint und den morgendlichen Rauhreif schnell verschwinden lässt. Der pumpend-federnde Arto Mwambe-Bass, die warmen Synth-Chords, orgelähnliche Klänge, und irgendwann steht die Sonne hoch im Mittagszenit.

Bleibt noch Deniz Kurtel. Die türkischstämmige, in New York residierende Produzentin hat sich ja in kürzester Zeit einen hohen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad erarbeitet. Eine EP, "Whisper", auf Wolf+Lamb, dann war sie da und stand unter aller Beobachtung. "Shootingstar" könnte man schreiben. Nur das Wort "Legende" habe ich bisher noch nicht im Zusammenhang mit ihr gelesen. Kann aber sicher noch kommen. Ihre Überarbeitung hat etwas sehr Behutsames an sich, sie lässt Ruhe einkehren, wie das abendliche Eindunkeln, das eine gravitätische Stille über die Welt legt. Ein Glas schweren, körperreichen Rotweins mit intensiven Aromen dazu, und die Gedanken ziehen lassen.


English (short) version: Israeli producer Chaim recently debuted with a full length album on BPitch Control. It is not his first record ever but his first long player. It is accompanied by a single on which the title track - an overwhelming emotive song in between house music and electronic pop - gets a special treatment by three artists. The first is Kiki, a BPitch Control stalwart. He brings a strong electro form into "Alive". Second is Arto Mwambe, the Frankfurt based keepers of the law of House. Their remix is rising sun, energy throughout and creates a feeling of well-being and euphoria. Third is Deniz Kurtel, rising star, shooting star, with a subtle treatment that works early at night or late in the morning.


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Kiki - Noice Mixtape @ Pulseradio.net
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Deniz Kurtel

B. F. H. V. - ET 01 - 06

Retro. Schimpfwort oder Kompliment? Lob oder Tadel? Gut oder Böse? Meines Erachtens stellt sich diese Frage, stellen sich diese Fragen, nicht mehr. Spätestens seit Mercedes Bunz' Blogeintrag "Dieses Jahr wird groß. Nix retro. Let's go." nicht mehr. Sie beginnt ihn mit folgenden Worten: "Heute morgen beschlossen, dass [das neue Jahr] richtig gut wird... Alleine die Musik, die in den ersten [Wochen des neuen Jahres] erschienen ist oder gerade erscheint, könnte einen durch das gesamte Jahr tragen."

Geschrieben hat sie diese Zeilen vor vier Jahren, am 26. Februar 2007. Sie könnten aber geradeso gut vom 26. Februar 2011 stammen und die ersten beiden Monate des Jahres 2011 beschreiben. [Vielleicht stehen diese Zeilen sogar jeder Kurzretrospektive zu Beginn eines neuen Jahres gut. Es herrscht eine gewisse Aufbruchstimmung, der Blick ist noch unbeschwert der Zukunft zugewandt und man wünscht sich, dass reges Leben herrsche.] Ein paar Zeilen später dann der Absatz, den ich mir verinnerlicht habe, der meine regelmässig aufkeimenden Stillstandsbefürchtungen entrkäftet hat und den Rückbezug auf das Vorhandene - oder das Vergangene - weitaus weniger bedrückend erscheinen lässt. Dieser nämlich ist unumgänglich. Man muss an das bereits bestehende Kulturgut anknüpfen - bejahend oder ablehnend - und es mit neu erworbenen Fähigkeiten, Fertigkeiten, Techniken et cetera bearbeiten. Doch erstmal das Zitat:

Die gerne vorgetragene Beobachtung, dass wir in einer Zeit leben, in der alles nur noch Retro wäre, in einer Zeit, in der nichts “eigenes” los ist, weil alle – so sagt man – noch auf das neue Jahrtausend warten und sich solange die Zeit damit vertreiben, das Archiv aufzurufen: Stimmt nicht. Denn dieses Retro ist gar keines. Das Archiv wird nicht nur anders benutzt als früher, die Musik ist auch so auf den Punkt gebracht, besticht durch ihre Präzision und ihre Konsistenz, dass man sich darin ausstreckt und wohl fühlt. Das ist kein billiger Abklatsch, es ist keine einfache Wiederholung – das alles, das ist weit mehr als einfach nur Retro. Was wir hören, ist, wie D. gestern quer über sein zweites Becks hinweg bemerkte, aber eben auch kein Zitat. Und das stimmt. Es ist etwas anderes. (Mercedes Bunz: Dieses Jahr wird groß. Nix retro. Los geht's.)

Unter diesem Blickwinkel ist nach meinem persönlichen Dafürhalten auch die neue 12" auf Live At Robert Johnson zu hören / zu verstehen. Die beiden Tracks, "ET 01" und "ET 06", haben produziert Christian Beisswenger a.k.a. CB Funk und Oliver Hafenbauer. Der Erstere ist beispielsweise verantwortlich für "Subway To Cologne" auf Story Records und zusammen mit Philip Lauer als Arto Mwambe für eine Vielzahl Platten, Remixe und eine Reise durch die wundervolle Welt der Acid Synthlines, Piano Keys, Muskelbeats und Power Basslines auf ihrer Live At Robert Johnson-Compilation. Der Zweite, Oliver Hafenbauer, ist mit dem Goldenen Musikvereinssaal der elektronischen Clubmusik in Offenbach wie nicht gleich ein anderer verbunden. Er kümmert sich um Booking-Angelegenheiten, um Fragen rund um das hauseigene Label, veranstaltet zusammen mit Manuel Raven eigene Clubnächte, und, und, und. Beide also Club- und Musik-erfahren in jeder Hinsicht und nun als B.H.F.V. unterwegs.

Ihren Tracks, "ET 01" und "ET 06", kann man sich auf zwei unterschiedlichen Wegen annähern. Es ist einmal der Weg, den ein Hörer mit einem gleichsam bibliothekarischen Wissen und einem vollgepackten Rucksack an Cluberfahrung beschreiten wird. Dieser wird unschwer ein Fundament ausmachen, das mit einer Mische aus schwarzem Funk und Düsseldorfer Kraftwerk-Elektro ausgegossen ist. Mitreissend, energetisch. Wer immer auch das Schlagwort Electric Boogaloo einbringen mag, der darf dies gerne tun. Zum anderen ist es der Weg, den ein zwar verständiger, in dieser Hinsicht jedoch unbedarfter Hörer beschreiten wird. Für ihn spielt keine Rolle, wie dreckig der Funk, wie rotzig der Elektro damals waren, wie rough sie heute zu sein haben. Unerheblich auch, ob der Magengrubentritt aus einer 808 stammt oder nicht. Für diesen Hörer werden beide Tracks eine Musik sein, "in der man sich ausstrecken und wohlfühlen kann." (Quelle: s.o.)


English (short) version: Christian Beisswenger a.k.a. CB Funk of Arto Mwambe fame and Oliver Hafenbauer, Live At Robert Johnson label manager, Robert Johnson booking manager, dj and music enthusiast, deliver two energetic tracks that combine funk rhythms and electronic music and unleash passion on the dancefloor.


Mehr im Web:

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It's OK To Hate Your Job
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Nr. 39: Oliver Hafenbauer (Live at Robert Johnson) by ROOF.FM

Lauer - H. R. Boss / Banned

Es gibt wohl kaum etwas Schlimmeres für einen Künstler - ob Literat, bildender Künstler oder Musiker - als beständig auf eines seiner Werke reduziert zu werden, das zwar auch einen starken, persönlichen Charakter sowie zeitüberdauernde Qualitätsmerkmale aufweist, aber dennoch auch einem Zeitgeist entspricht und daher auch ein breites Publikum anspricht.

Dem Frankfurter DJ und Produzenten Philip Lauer ist so etwas, eine Art ikonengleich glänzenden Track, eine Blaupause zu schaffen, nicht nur einmal gelungen. Ob als Teamplayer gemeinsam mit Christian Beisswenger unter dem Brontosaurus-Deckmantel ("Une Seule Nuit", "Greatest Love", "Hum Along", u.s.w.), ob zusammen mit Gerd Janson als Tuff City Kids (Remix für "L-O-V-E" von den Boom Clap Bachelors) oder als Einzelstreiter mit "Delta NRG" - das sind Werke mit Blaupausen-Charakter, an denen es sich (vielleicht aber auch nur die schreibende Zunft) abzuarbeiten gilt.

Philip Lauers "Delta NRG" wurde in diesem Jahr von Münchens Permanent Vacation lizensiert und zusammen mit einem Mock & Toof - Remix weiterveröffentlicht. Zwischen House und Disco ist dieser Track zu verorten, dabei die Marshall Jefferson'sche Chi-Town-Zeit und italienische Piano House-Ära nicht plakativ beschwörend, sondern mit viel Feingefühl für deren Klang und Rhythmik in ein Jetzt zu übertragen.

Impulsiv auf der einen, verinnerlicht auf der anderen Seite, hedonistisch ichbezogen sowie lustvoll auf ein Gegenüber ausgerichtet, zeigt sich Philip Lauer auch auf der neunten 12" von Live At Robert Johnson, dem hauseigenen Label des Frankfurter / Offenbacher Tempels der Clubmusik. Wer "H. R. Boss" bis dato noch nicht gehört hat, kann und sollte dies umgehend nachholen, beispielsweise in der jüngsten Ausgabe von Tim Sweeneys Radio Show Beats In Space, in der er des Frankfurters Nummer zwischen "I Feel Good All Over" von Bang The Party und Newworldaquariums "Trespassers" packt. Die 80er Jahre stellen denn auch hierauf das Sprungbrett in die Klanglandschaften des Tracks dar. Philip Lauer erreicht mit seiner Synthesizer-Arbeit und glockenähnlichen Sounds eine epische Intensität, die sich zwischen den Extremen Dunkelheit und anrüchigem Rotlicht-Schimmer sowie einer mit Margeriten übersäten Frühlingswiese bewegt. Beschaulicher, Blümchensex vs. Fesselspiele von zart bis hart. Musik ist halt auch eine Art sexueller Ausdrucksform, erst recht, wenn ein wenig midnight sleaze hinzukommt. Von letzterem hat Philip Lauer eine grosszügige Portion in seinen zweiten Track, "Banned", miteingebaut. Die Melodiöse Innigkeit tritt hinter den schnelleren Rhythmus, die härteren Sequenzerbeats in Kombination mit röhrenden Synthesizerbässen zurück. Der Schweiss rinnt über die angespannte Muskulatur, der Körper beginnt zu zittern, vor Anstrengung und Erregung. That's how we used to do it!


English (short) version: Philip Lauer, also engaged in Arto Mwambe (alongside Christian Beisswenger) and Tuff City Kids (alongside Gerd Janson), with a solo 12" on Frankfurt / Offenbach based Robert Johnson club-affiliated imprint Live At Robert Johnson. Both tunes, "H.R. Boss" and "Banned" are built around mid-to-late eighties disco and early house music with a dash of Italo and Chi-Town. Vanilla sex on a midnight sleazy train changing into a red-lighted kinky affair.


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Robert Johnson

Erdbeerschnitzel - 4 Months

In einer Zeit, in der täglich / wöchentlich / monatlich gefühlte weissichwieviel Produktionen auf den Markt geschwemmt werden, bedarf es entweder eines individuellen Namens oder hoher Qualität, um aus der grossen grauen Masse herausstechen zu können. Letzteres versteht sich von selbst - fluffy weak shit braucht kein Mensch! Ersteres muss nicht sein und kann zu einer grossen Enttäuschung führen, wenn der (erfrischend) originelle und (möglicherweise) vielversprechende Name den aufgebauten Erwartungshorizont nicht einzuhalten vermag.

Im Falle Tim Keilings sind - idealerweise - beide Voraussetzngen erfüllt: ein aus dem Künstlernamen-Wust hervorstechendes Pseudonym und quality music. Über Tim Keiling und seinen Output als Erdbeerschnitzel bin ich zum ersten Mal im Oktober 2009 gestolpert, als ich auf Resident Advisor den Podcast der Brontosauri Arto Mwambé heruntergeladen und anschliessend, Tage später, diesen Namen in einer zum Podcast dazugehörigen Tracklist erblickte. Der Name weckte mein Interesse, und in einem meiner vielen nächtlichen Streifzüge durch das World Wide Web gelangte ich (unter anderem) zu Tim Keilings alias Erdbeerschnitzels eingangs bereits verlinkten Website. Dort, und auf einigen anderen Seiten, konnte ich Einblick nehmen in sein bisheriges Schaffenswerk, allesamt humorvolle Klang- und Rhythmuskollisionen sowie enthusiastische Frickeleien.

Wochenspäter, nachdem das Erdbeerschnitzel längst verdaut und in Vergessenheit geraten war, stiess ich wieder auf diesen sehr eigentümlichen Künstlernamen. David Griffiths, Labelgründer von Jiscomusic und Under The Shade gab die Lancierung von 3rd Strike, einem (weiteren) Label, bekannt, und dessen erstes Release solle von Tim Keiling stammen. So schliesst sich der erste Kreis.

Jetzt liegt die 12" "4 Months" vor, ein Viertracker mit zwei Stücken von Tim Keiling, die zugleich einer Überarbeitung von überaus namhaften (und auch von mir sehr geschätzten) Produzenten unterzogen wurden - Mark E und Arto Mwambé. So schliesst sich der zweite Kreis, denn diesen Remix verwurstelten die Frankfurter in ihrem Resident Advisor-Podcast.

"4 Months" besticht in seinem Original mit einem entspannten, leicht wobbelingen Bass-Groove, der drückt, schiebt und die federnden Drums dennoch nicht überrollt, welche dem Track gemeinsam mit spacigen Soundeffekten sowie frühlingshaft zartem Geklicker eine swingende Leichtigkeit verleihen. Davon ist bei "4 Months" im Mark E Remix leider nicht mehr allzu viel enthalten. Der (Gross-)Meister der entschleunigten House-Grooves transferiert das Original mit seiner Arbeit in den Bereich hpynotisch verschraubter, bis auf die Knochen reduzierter EBM-, analoger Synth Pop- oder Elektro Disco-Orgien.

Klangfarbenfroh ist hingegen wiederum Tim Keilings Arrangement auf "Tonight Is Today Is Tomorrow". Mit (vermutet) überschäumender Spielfreude schichtet der (junge) Produzent hierauf Soundeffekte, Vocal- und Instrumentalsamples übereinander, so dass vor meinem inneren Auge unweigerlich das Bild einer bunt blühenden Frühlingswiese erscheint, in die der Mensch nicht korrigierend eingegriffen hat: auf den ersten Blick scheinbar unstrukturiert, und gerade deswegen von einer natürlich gewachsenen Harmonie gekennzeichnet. Im Arto Mwambe Remix wird "Tonight Is Today Is Tomorrow" zu einem Midtempo-Track mit schwerem Synth-Bass. Diese Besetzung darf zu gegebener Zeit gerne wieder Auflaufen.


English (short) version: What do you expect from a producer with a moniker as nutty as a fruitcake? Don't be deterred by the unusual meal combination including strawberries (= Erdbeer) and scallop / cutlet (= Schnitzel) as i honestly suggest you trying out the output by Tim Keiling a.k.a. Erdbeerschnitzel. This newcomer producer is delivering two fresh sounding tracks full of anything-goes easiness and spring-flowering sound elements, moulded into slow motion house shape. Remixes coming from Mark E and Arto Mwambe. Great package!


Mehr im Web:

Erdbeerschnitzel @ MySpace
Erdbeerschnitzel @ Soundcloud
Under The Shade

"4 Months" @ Soundcloud:
4 Months by erdbeerschnitzel


"Tonight Is Today Is Tomorrow" @ Soundcloud:
Tonight is Today is Tomorrow by erdbeerschnitzel

Arto Mwambe - Love Lift

Welch stark emotionale, euphorische Entäusserungen das Verliebtsein hervorzurufen vermag, habe ich erst kürzlich wieder in einer E-Mail erfahren, die mir ein guter Freund vor nicht allzu langer Zeit schrieb. Während einer Fahrt mit dem ICE von S. nach F. begegnete dieser einer jungen Frau, die ihn vom sprichwörtlich ersten Augenblick an sofort in seinen Bann gezogen hatte. Er beschrieb, dass zwischen ihr und ihm von Anfang an eine mit positiver Energie aufgeladene Stimmung herrschte, auch wenn sie sich über die ganzen Zugfahrt hinweg nur anlächelten und er es dennoch nicht vermochte, sie anzusprechen.

Zu verliebten Höhenflügen dieser Art treibt mich regelmässig (auch) die Kraft und Macht, die der Musik von Philip Lauer und Christian Beisswenger innewohnt, seit ich vor zwei (oder doch schon drei?) Jahren das erste Mal eine Platte von Arto Mwambe, so der Name ihres (Musik-)Projekts, in einem düsteren Kellerklub vorgespielt bekam. Es war Noh Ngamebo, erschienen 2007 auf der 12" "Mudhutma". Im Unterschied zu einer Anfangsverliebtheit, die schnell verfliegt, verflüchtigte sich meine Leidenschaft für Arto Mwambe- beziehungsweise Brontosaurus-Releases in keiner Weise. Sie, die Leidenschaft, gipfelte in einem ersten, rauschhaften Höhepunkt vor rund einem Jahr, als die Jungs von Arto Mwambe im Waldsee, in Freiburg, aus Anlass des 13. Geburtstags der Root Down ein funkensprühendes Live Set abfeuerten (Arto Mwambe @ Root Down, Part 1, Arto Mwambe @ Root down, Part 2).

[off topic: bei allem Respekt vor Rainer Trüby und Alex Barck, aber meiner bescheidenen Meinung nach konnte die am vergangenen Wochenende stattfindende Feier zum 14. Geburtstag der Vorjahresveranstaltung auf musikalischer Ebene nicht das Wasser reichen.]

Diese Liebe zur Musik von Arto Mwambe wird durch die (inzwischen) vierzehnte EP auf Brontosaurus weiterhin nachhaltig genährt. "Love Lift" heisst sie bezeichnenderweise, und beinhaltet mit dem Original einen hochexplosiven und zugleich sanften Song (ihn als Track zu beschreiben, würde dem hymnischen Charakter nicht gerecht werden), der einen, aller Erdenschwere zum Trotz, Schritt für Schritt (also Takt für Takt) emporhebt. (Beinahe) unverkennbar das Drumprogramming, die Bassline und die Synth-Chords sowie die Rhodes(-ähnlichen) Pianosounds, die den Garage / New Jersey House der 90er-Jahre grüssen. Allerdings nur von weitem, denn "Love Lift" weist zu keiner Zeit epigonenhaft historisierende Züge auf (wie man sie bei so vielen zeitgenössischen Soulful House-Produktionen verzeichnen kann).

"Love Lift" erscheint gemeinsam mit zwei Remixen. Da wäre zum einen der "c.b. funk dub". Hinter diesem steht das Arto Mwambe-Mitglied Christian Beisswenger alias c.b. funk, der hierfür die Bassline- und Beatstruktur ein wenig umgekrempelt sowie kleine Veränderungen an den Vocals und Synth-Chords vorgenommen hat, aber dennoch sehr nahe am Original geblieben ist. Ausserdem durfte auch der Detroiter soundmurderer Todd Osborn daran herumwerkeln. Sein Remix holt "Love Lift" ein wenig aus der Dunkelheit heraus, was unter anderem auch auf die mäandrierende Harmonik der Synthesizer zurückzuführen ist. Mein Favorit ist dennoch das Original. Love lifted me up!

Mehr im Web:

Arto Mwambe @ MySpace
Arto Mwambe @ Facebook
Todd Osborne @ MySpace

Moscow - Throw Up EP

Wer mich persönlich kennt, weiss, dass ich eine sehr hohe Affinität zu Russland, insbesondere zu Literatur und Küche dieses Landes, habe. Dem Reiz der traditionell gefüllten Teigtäschchen, ob Manty, Pelimeny oder Vareniky, bin ich schon längst erlegen. So ist für Aussenstehende vielleicht ein wenig nachvollziehbar, weshalb ich sofort auf den Produzentennamen Moscow angesprungen bin und doch leicht enttäuscht, als ich feststellen musste, dass sich dahinter kein der russischen Hauptstadt entspringender neuer Produzent verborgen hält, sondern Matthew Nicholas Waites.

Bis zu dieser kürzlich auf Endless Flight (Sublabel der Mule-Familie) habe ich noch nie etwas von Herrn Waites vernommen, geschweige denn seine Basteleien gehört. Wie auch! Matthew Nicholas Waites war, beziehungsweise ist in den letzten Jahren vornehmlich als Nightmoves auf Imprints wie Kitsuné oder Godlike And Electric unterwegs gewesen - und diese habe ich fürwahr nicht auf dem Radar.

Auf Endless Flight präsentiert er sich zum ersten Mal in neuem, eingangs bereits erwähnten Namensgewand, arbeitet sich am kosmischen Elektro-Discosound ab, und wird promt Opfer eines Verrisses. Klar, auch ich habe zuvor schon Tracks mit deutlich schlankerem Klangbild gehört, die weniger barock mit sämtlichen Gestaltungs- und Verzierungselementen überladen sind, wie "Throw Up", der Titeltrack. Aber im Kontext Cosmic / Electric Disco darf es gerne auch einmal schwulstig zu und her gehen. Dan Hartners "it's all just a little bit of a mess" kann ich so nicht ganz nachvollziehen.

Genauso wenig, was er über den Brontosaurus Remix zu berichten weiss. Entweder habe ich ein durch die Digitalisierung degeneriertes Gehör - zu viel Klangqualität geht durch die Komprimierung verloren - oder ich bin bereits derart betriebsblind, dass ich das Label Brontosaurus (oder Arto Mwambe) von vornherein wohlwollend und gutheissend abnicke. Für den Remix der im Grossraum Frankfurt beheimateten Analog-Dinosaurier muss eben einiges an Zeit, um sein schroff-analoges Eigenleben geniessen zu können. Doch auch hier entfachen die beiden einen wunderbaren Euphoriesturm voller warm-analoger Klänge. Und was bitteschön heisst da "but here it comes off limp — neither builder nor primetime player", mein lieber Dan Hartner? Und wem dieser Track im Aufbau doch ein wenig zu langatmig und monoton ist, kann damit ja arbeiten und in seinem Set unmittelbar das Filet-Stück präsentieren.


English (short) version: a twelve inch on Endless Flight always catches my attention. This one's produced by Matthew Nicholas Waites a.k.a. Moscow who had and still has a large remix output for elektroish flavoured labels like Kitsuné or Godlike And Electric. Under his Moscow-moniker he takes the first step into a diverse cosmic and electric disco sound. With "Throw Up", Moscor is taking us deep into opulent baroque sound dimensions - but where else than in this genre could you pick from an embarrassement of flourishing musical ornaments? On the flip you'll have Frankfurt / Germany based Arto Mwambe on remixing duties. Their remix is over ten minutes, but it needs the time to build and raise a storm of analoge euphoria. Feel free to listen to it on the Kompakt Site.


Mehr im Web:

Moscow @ MySpace
Arto Mwambe / Brontosaurus
Mule Musiq