Konzert: Fuck Buttons & Thee Oh Sees, Festival Villette Sonique
Ort: Festivalgelände Parc de la Villette, Paris
Datum: 06.06.10
Zuschauer: Tausende auf den Wiesen
Als Konzertblogger lebt man gefährlich. Prügel wurden mir angedroht. Ein scheinbar betrunkener Festivalbesucher keifte mich an und sagte, daß er das nächste mal seine Kumpels holen würde, die mir eine auf die Fresse hauen würden. Ich sei "un sale type" - ein fieses Schwein. Was war vorgefallen? Nun, ich hatte im Vorbeigehen ein Foto vom Publikum geschossen, auf dem möglicherweise seine Freundin drauf war. Genau weiß ich das nicht, denn er drückte sich unklar und nur schwer verständlich aus. Auf jeden Fall hatte er mitbekommen, daß ich ein Foto von den Festivalzuschauern geschossen hatte und wollte unbedingt das letzte Bild sehen, daß ich geknipst hatte. Ich verwehrte ihm diesen Wunsch, denn er wollte mir nicht sagen,
warum er dies begehre. Mehrfach schrie er mich an, daß ich ihm sofort mein letztes Foto zeigen solle. Irgendwann war mir die Sache zu doof, ich zeigte ihm das Display wo man eine Gruppe von Festivalgästen (und möglicherweiese seine Freundin im Vordergrund) sah und löscht es vor seine Augen.
Er warf mir einen bösen Blick zu und brachte dann den Spruch mit seinen Kumpels, die er holen wolle, um mich das nächste Mal umzunieten. Ein feiger Kerl, denn wenn er mutig gewesen wäre, hätte er nicht mit seinen kräftigen Freuden gedroht, wie ein kleines Kind im Sandkasten, welches dem Spielrivalen mit dem großen Bruder Angst einjagen will. Ohnehin hatte ich aus meiner Sicht nichts Anstößiges gemacht. Ja, ich knipse auch immer mal wieder Fotos vom Publikum. Von kuriosen Typen, witzig gekleideten Menschen, Leuten mit
auffälligen Tattoos und natürlich auch von hübschen Mädchen. So what? Jeder Tenniskameraman macht das in den Pausen zwischen den Spielen. Da werden Leute beim Schlafen eingefangen, beim Nasebohren erwischt und natürlich immer wieder attraktive Frauen gezeigt.
Genau wie beim Tennis oder anderen Sportarten ist das Publikum gerade bei Festivals oft interessanter als die Band die vorne spielt. Für mich gehören Fotos von den Besuchern einfach dazu, sonst wird es schnell langweilig. Eine Fixierung auf einzelne Personen (oder Mädchen) gibt es bei mir nicht, ich versuche möglichst viele verschiedene Leute abzulichten. Zudem schreibe ich auf meiner Flickr-Seite bei Crowdshots in der Regel mit dazu, daß ich die Fotos umgehend lösche, falls sich die Beteiligten gestört fühlen. Und im Übrigen: meine eigene Frau wird gerade beim Haldern Festival am Niederrhein jedes Jahr zigfach abgelichtet,
ohne daß ich mich darüber aufregen würde. Oft heimlich (ich muß dann schmunzeln, wenn ich die Jungs sehe, wie sie versuchen, möglichst diskret auf sie draufzuhalten), manchmal aber auch nachdem sie gebeten wird, für die Kamera zu posieren (wobei gestellte Bilder oft gekünstelt wirken, finde ich zumindest, grinsen auf Befehl ist meistens unnatürlich).
Aber nun gut, kommen wir mit diesem Exkurs zu Ende und konzentrieren uns auf die Musik. Aber da sind wir dann auch schon beim Stichwort: Oft ist das Publikum interessanter als die Band, die vorne spielt. Bei den Fuck Buttons war dies zumindest so. Zwei junge Kerle, die hinter einem Mixtable abrödeln wie wild und synthetische Sounds produzieren, die nach relativ kurzer Zeit langweilig werden. Und dies obwohl ihr letztes Album Tarot Sport in einigen Jahresbestenlisten 2009 zu finden war. Will gar nicht ausschließen, daß dieses Album in der Tat spannende Aspekte zu bieten hat, aber auf einer großen Festivalbühne kommt irgendwann nur noch Gezirpe und Gewummere rüber.
"Bumm, bumm bumm" oder auch "Peng, peng, peng", nach 10 Minuten verspürt man den Drang, das Weite zu suchen. Ging nicht nur mir, sondern auch den meisten meiner Freunde so. Also mehr etwas für Liebhaber experimenteller elektronischer Klänge und für den "normalen" Indiehörer eher anstrengend.Deutlich besser gefielen mir da schon Thee Oh Sees aus Kalifornien. Der Vierer aus San Francisco (drei Männer, eine Frau), bot jede Menge tätowierte Haut, garagenrockige Klänge mit einem gehörigen Schuß Psychedelic und eine tighte Performance. Ganz eng zusammen agierten die wilden Musiker und unterstrichen damit ihre Kompaktheit und ihr Teamplay. Schon beim Primavera Festival 2010 sollen sie für Furore gesorgt haben und auch heute in Paris machten sie unglaublich viel Dampf. Permanent stürzten sich mutige Crowdsurfer ins Publium und wurden von hunderten Händen nach hinten durchgereicht. In einer Szene stockte mir der Atem: Ein Zuschauer war auf die Bühne gelangt, nahm mächtig Anlauf und stürzte sich Kopfüber mit einem Affenzahn in die Meute. Wären die Leute zur Seite gegangen, er wäre auf dem Kopf gelandet und hätte sich schwer verletzt. Die kräftigen Kerle von der Security hatten jedenfalls mächtig Arbeit und schienen erleichtert, als das Konzert nach einer äußerst schwungvollen Stunde vorbei war. Das letzte Lied dauerte gefühlte 15 Minuten und klang als sei die Nadel eiens Plattenspielers hängengeblieben. Er dürfte sich lohnen, sich einmal mit Thee Oh Sees zu beschäftigen, die Band hat inzwischen 7 Longplayer auf ihrem Konto.
Unter dem Strich ein passabler letzter Festivaltag, an dem es natürlich noch etliche andere Bands (die ich allerdings nicht kannte) zu sehen und hören gab. Ich war jedoch erst um 19 Uhr erschienen und hatte den Rest verpasst. Schade bloß, daß der Abend für mich mit der oben geschilderten Szene endete. Ob ich demnächst Bodyguards brauche?
Anmerkung: Die obigen Fotos vom Publikum stammen allesamt vom Festival Rock en Seine 2009 und nicht vom Festival Villette Sonique 2010. Die Bilder von den Fuck Buttons sind Archivfotos vom Trabendo 2008.
Aus unserem Archiv:
Fuck Buttons, Paris, 22.05.08

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