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Godspeed You! Black Emperor, Paris, 14.01.11


Godspeed You! Black Emperor

Ort: La Grande Halle de la Villette, Paris
Datum: 14.01.11
Zuschauer: ausverkauft, 4000!
Konzertdauer: fast 2 1/2 Stunden


Für den 14. Januar hatte ich eigentlich das Konzert von Joanna Newsom im Théatre des Bouffes Du Nord fest eingeplant. Aber daraus wurde nichts, weil die Harfenlady krankheitsbedingt absagen musste. Ich erfuhr davon erst an der Eingangstür des Theaters. Wie ein Depp stand ich da und wusste nicht, was ich mit dem angebrochenen Abend tun sollte. Vernünftig sein und brav nach Hause fahren zu Frau und Kater? Nö, pure Vernunft darf niemals siegen (wer sang das? Heino, oder?). Ich also ab in die Metro Richtung La Villette wo Godspeed You! Black Emperor aufspielen sollten. Gegen 21 Uhr 15 kam ich dort an. Spät, denn das Konzert der wiederformierten Postrock-Legenden hatte bereits begonnen. Dummerweise hatte ich auch keine Karte oder Akkreditierung für den ausverkauften Gig und so hoffte ich, zufälligerweise auf Leute vom Label oder Veranstalter zu treffen, die mich, den stadtbekannten Bloggertitanen Oliver Peel (lol), einschleusen. Vor dem Eingang lungerten aber nur noch Ordner rum, die Sache schien aussichtslos. Da sah ich plötzlich eine junge Frau anstürmen. Ich guckte genauer hin und stellte fest, daß es sich um meine Konzertgängerfreundin Meg handelte. Sie erblickte mich und fragte völlig verdattert: "Ist das Konzert etwa schon aus?" Ich verneinte und ließ durchblicken, daß ich keine Karte hatte. Da grinste sie und öffnete ihre Tasche. Eine ihrer Freundinnen konnte heute abend nicht und so hatte sie ein Ticket zuviel, das sie noch zu verhökern hatte. Ich zahlte ihr den regulären Preis, also 30 Euro. Wir mussten uns nun beeilen, Godspeed ließen es in der Halle ja schon längst krachen.

Drinnen angekommen, stießen wir auf eine riesige Menschenmasse. Angeblich soll die Location 4000 Leute fassen und die standen sich die Füße platt und glotzten auf eine Leinwand, auf die Videos projeziert wurden. Düstere Bilder offenbarten sich meinen fast vierzig Jahre alten Augen. Das schwarze-
weiße Geflimmer erinnerte unter anderem an einen Fluß schwarzen Wassers. Morbide. Die Band konnte ich allerdings von weitem nicht gut sehen, aber mir gelang es, mich Stück für Stück weiter nach vorne zu arbeiten. Aus der Ferne glaubte ich Jessica Moss (A Silver Mount Zion) an der Geige zu erblicken, was mich allerdings sehr verwunderte weil ich doch wußte, daß lediglich Sophie Trudeau als einzige Fiedlerin sowohl bei A Silver Mount Zion als auch bei Godspeed zum Line-Up gehört. Erst als ich ziemlich weit vorne angekommen war, war mir klar, daß dort natürlich Sophie und nicht Jessica agierte. Ihre Geige war ein ganz wichtiges Element innerhalb der sphärischen Soundlandschaften , die von einer siebenköpfigen Band hochgezogen wurden. Ihr klassisches Instrument klang verhallt, verzerrt, irgendwie irreal. Die Töne schwebten durch die riesige Halle und vermengten sich mit den mal kontemplativen, mal brachialen Gitarren und dem sich oft langsam anpirschenden Schlagzeug. Auffällig und ungewohnt die Positionierung der Band auf der Bühne. Niemand stand vorne im Mittelpunkt, sondern die Anordnung der Mitglieder war hufeisenförmig um die turmhohen Marschall-Boxen herum. Eine Hälfte der Musiker performte im Sitzen (darunter Obergodspeed Efrim), die andere Hälfte, so z.B Sophie und Kontrabassist Thierry Amar, im Stehen. Kommunikation mit dem Publikum? Null. Man ließ die wuchtigen instrumentalen Songs und die verstörenden Videos sprechen, das musste genügen. Jeder konnte sich selbst die Message, die hinter den ellenlangen Stücken verbarg, herleiten. Ging es um Gesellschaftskritik? Sicherlich, denn Godspeed sind für ihre anarchistischen und antikapitalistischen Äußerungen bekannt. Aus dem spektakulären Video mit den Flammen konnte man so einiges ableiten. Zunächst sah man auf der großen Leinwand nur zwei kleine Feuerquellen, als hätte jemand sich eine Zigarette mit einem Feuerzeug angezündet. Im Verlaufe aber entwickelten sich diese kleinen Flammen zu einem gewaltigen Inferno, in dem Städte, Industrieanlagen (und Atomkraftwerke?) niederbrannten Alles fackelte lichterloh. Was war das? Die Hölle auf Erden? Der Brand, der unseren Planeten für immer auslöscht?

Zu einem anderen Stück gab es ebenfalls eine fast abstoßend zu nennende Illustrierung. Ein Bagger schaufelte industriellen Unrat meterhoch auf und dies genau unter einer Brücke. Vermutlich ein Bild für die Entfremdung des Menschen von seiner Umwelt, für die fatalen Folgen der Bauwut für unsere Lebensqualität. Und dann sah man später auch noch einen Mann mit grauem Jacket, der uns den Rücken zukehrend auf einer Bank saß. Sein Gesicht war nicht zu sehen und es war nicht klar, was er tat. Rauchte er? Irgendwie sehr befremdend das Ganze...


Erst gegen 23 Uhr, nach fast 2 1/2 Stunden Spielzeit, verklangen die letzten bizarren Töne und die Band verließ ohne sich groß feiern zu lassen wortlos die Bühne. Zu einer Zugabe kamen die Kanadier nicht mehr zurück. Als Zuschauer war man ziemlich verdutzt und etwas ratlos. Wie war diese Comeback-Konzert nun musikalisch zu bewerten. Ein Hammer? Ein einmaliges, nie dagewesenes Erlebnis? Nicht ganz. Zwar gab es immer wieder mal unglaublich packende Passagen, in der sich die ganze aufgebaute Spannung extatisch entlud und ein Bild von Dramatik Kraft, Erhabenheit, Freiheit und Schönheit im Kopfe hinterließ, aber auch Momente zähen Verweilens, in denen scheinbar nichts passierte. Als Zuschauer war man gefordert, musste sich konzentrieren, um nicht den Faden zu verlieren, wenn minutenlang lediglich düstere sphärische Töne durch die Halle schwebten. Auch Stehvermögen war verlangt, denn fast 150 Minuten lang stand man sich in der Grande Halle de la Villette die Füße platt. Ein paar Leute verließen im Laufe des Konzertes dann auch den vorderen Bereich (weil sie nach Hause wollten, oder weil es ihnen einfach viel zu laut war?), so daß ich immer näher und näher an die Bühne rückte. Dies erlaubte mir auch, die Musiker genauer zu sehen, was aber nicht viel änderte, denn ihre Mimik und Körpersprache gab so gut wie nichts her. Allesamt agierten sie stoisch, auf sich selbst konzentriert und ohne den Blick zum Publikum zu richten. Es war fast wie bei einem klassischen Orchester, obwohl im Falle von Godspeed ein vor der Band agierender Dirigent fehlte. Zwar gilt Efrim als Bandleader , tat aber rein gar nichts, um dies nach außen kundzutun. Die Musiker kannten ihren Part wohl allzu genau (faszinierend, wie merken sich sich das alles?), brauchten niemanden, der sie dirigiert. Als letztes Stück hatten sie BBFIII performt, was Kenner der Band (wozu ich nicht gehöre) als Höhepunkt des Konzertes bezeichneten. Zu Beginn hörte man hier wie auch bei anderen Tracks gesampelte Stimmen von einem Band, es klang nach Kriegsberichterstattung.

Die Fans verhielten sich aber hier und heute nicht kriegerisch, sondern friedlich. Einzig und allein am Merchandisingstand wurde hinterher ein wenig um den besten Platz gekämpft. Immer wieder erstaunlich, welch reißenden Absatz T-Shirts, CDs und Platten vor allem bei solchen Noise-und Postrockkonzerten finden und dies trotz gesalzener Preise von 20 Euro. Dies zum Thema Antikapitalismus. Und die wie im Rausch gekauften CDs hört hinterher meistens doch kein Arsch, weil man die bei den Konzerten erlebten Gefühle mit Musik aus der Konserve nicht reproduzieren kann...

Fotos folgen in Kürze.

Setlist Godspeed You! Black Emperor, Grande Halle de la Villette, Paris:

01: Hope Drone
02: Storm
03: Monheim
04: Albanian
05: Chart # 3
06: World Police And Friendly Fire
07: Dead Metheny
08: Rocket Fall On Rocket Falls
09: BBFIII

- Fotos von dieser Show Konzertfotografenzar Robert Gil, klick!


Artverwandtes aus unserem Archiv

Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra, Paris, 11.11.08
Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra, Paris, 13.04.08
The Silver Mt. Zion Memorial Orchestra, Paris, 17.04.07 (damals nur mit einem e)


Godspeed You! Black Emperor, Paris, 14.01.11


Godspeed You! Black Emperor

Ort: La Grande Halle de la Villette, Paris
Datum: 14.01.11
Zuschauer: ausverkauft, 4000!
Konzertdauer: fast 2 1/2 Stunden


Für den 14. Januar hatte ich eigentlich das Konzert von Joanna Newsom im Théatre des Bouffes Du Nord fest eingeplant. Aber daraus wurde nichts, weil die Harfenlady krankheitsbedingt absagen musste. Ich erfuhr davon erst an der Eingangstür des Theaters. Wie ein Depp stand ich da und wusste nicht, was ich mit dem angebrochenen Abend tun sollte. Vernünftig sein und brav nach Hause fahren zu Frau und Kater? Nö, pure Vernunft darf niemals siegen (wer sang das? Heino, oder?). Ich also ab in die Metro Richtung La Villette wo Godspeed You! Black Emperor aufspielen sollten. Gegen 21 Uhr 15 kam ich dort an. Spät, denn das Konzert der wiederformierten Postrock-Legenden hatte bereits begonnen. Dummerweise hatte ich auch keine Karte oder Akkreditierung für den ausverkauften Gig und so hoffte ich, zufälligerweise auf Leute vom Label oder Veranstalter zu treffen, die mich, den stadtbekannten Bloggertitanen Oliver Peel (lol), einschleusen. Vor dem Eingang lungerten aber nur noch Ordner rum, die Sache schien aussichtslos. Da sah ich plötzlich eine junge Frau anstürmen. Ich guckte genauer hin und stellte fest, daß es sich um meine Konzertgängerfreundin Meg handelte. Sie erblickte mich und fragte völlig verdattert: "Ist das Konzert etwa schon aus?" Ich verneinte und ließ durchblicken, daß ich keine Karte hatte. Da grinste sie und öffnete ihre Tasche. Eine ihrer Freundinnen konnte heute abend nicht und so hatte sie ein Ticket zuviel, das sie noch zu verhökern hatte. Ich zahlte ihr den regulären Preis, also 30 Euro. Wir mussten uns nun beeilen, Godspeed ließen es in der Halle ja schon längst krachen.

Drinnen angekommen, stießen wir auf eine riesige Menschenmasse. Angeblich soll die Location 4000 Leute fassen und die standen sich die Füße platt und glotzten auf eine Leinwand, auf die Videos projeziert wurden. Düstere Bilder offenbarten sich meinen fast vierzig Jahre alten Augen. Das schwarze-
weiße Geflimmer erinnerte unter anderem an einen Fluß schwarzen Wassers. Morbide. Die Band konnte ich allerdings von weitem nicht gut sehen, aber mir gelang es, mich Stück für Stück weiter nach vorne zu arbeiten. Aus der Ferne glaubte ich Jessica Moss (A Silver Mount Zion) an der Geige zu erblicken, was mich allerdings sehr verwunderte weil ich doch wußte, daß lediglich Sophie Trudeau als einzige Fiedlerin sowohl bei A Silver Mount Zion als auch bei Godspeed zum Line-Up gehört. Erst als ich ziemlich weit vorne angekommen war, war mir klar, daß dort natürlich Sophie und nicht Jessica agierte. Ihre Geige war ein ganz wichtiges Element innerhalb der sphärischen Soundlandschaften , die von einer siebenköpfigen Band hochgezogen wurden. Ihr klassisches Instrument klang verhallt, verzerrt, irgendwie irreal. Die Töne schwebten durch die riesige Halle und vermengten sich mit den mal kontemplativen, mal brachialen Gitarren und dem sich oft langsam anpirschenden Schlagzeug. Auffällig und ungewohnt die Positionierung der Band auf der Bühne. Niemand stand vorne im Mittelpunkt, sondern die Anordnung der Mitglieder war hufeisenförmig um die turmhohen Marschall-Boxen herum. Eine Hälfte der Musiker performte im Sitzen (darunter Obergodspeed Efrim), die andere Hälfte, so z.B Sophie und Kontrabassist Thierry Amar, im Stehen. Kommunikation mit dem Publikum? Null. Man ließ die wuchtigen instrumentalen Songs und die verstörenden Videos sprechen, das musste genügen. Jeder konnte sich selbst die Message, die hinter den ellenlangen Stücken verbarg, herleiten. Ging es um Gesellschaftskritik? Sicherlich, denn Godspeed sind für ihre anarchistischen und antikapitalistischen Äußerungen bekannt. Aus dem spektakulären Video mit den Flammen konnte man so einiges ableiten. Zunächst sah man auf der großen Leinwand nur zwei kleine Feuerquellen, als hätte jemand sich eine Zigarette mit einem Feuerzeug angezündet. Im Verlaufe aber entwickelten sich diese kleinen Flammen zu einem gewaltigen Inferno, in dem Städte, Industrieanlagen (und Atomkraftwerke?) niederbrannten Alles fackelte lichterloh. Was war das? Die Hölle auf Erden? Der Brand, der unseren Planeten für immer auslöscht?

Zu einem anderen Stück gab es ebenfalls eine fast abstoßend zu nennende Illustrierung. Ein Bagger schaufelte industriellen Unrat meterhoch auf und dies genau unter einer Brücke. Vermutlich ein Bild für die Entfremdung des Menschen von seiner Umwelt, für die fatalen Folgen der Bauwut für unsere Lebensqualität. Und dann sah man später auch noch einen Mann mit grauem Jacket, der uns den Rücken zukehrend auf einer Bank saß. Sein Gesicht war nicht zu sehen und es war nicht klar, was er tat. Rauchte er? Irgendwie sehr befremdend das Ganze...


Erst gegen 23 Uhr, nach fast 2 1/2 Stunden Spielzeit, verklangen die letzten bizarren Töne und die Band verließ ohne sich groß feiern zu lassen wortlos die Bühne. Zu einer Zugabe kamen die Kanadier nicht mehr zurück. Als Zuschauer war man ziemlich verdutzt und etwas ratlos. Wie war diese Comeback-Konzert nun musikalisch zu bewerten. Ein Hammer? Ein einmaliges, nie dagewesenes Erlebnis? Nicht ganz. Zwar gab es immer wieder mal unglaublich packende Passagen, in der sich die ganze aufgebaute Spannung extatisch entlud und ein Bild von Dramatik Kraft, Erhabenheit, Freiheit und Schönheit im Kopfe hinterließ, aber auch Momente zähen Verweilens, in denen scheinbar nichts passierte. Als Zuschauer war man gefordert, musste sich konzentrieren, um nicht den Faden zu verlieren, wenn minutenlang lediglich düstere sphärische Töne durch die Halle schwebten. Auch Stehvermögen war verlangt, denn fast 150 Minuten lang stand man sich in der Grande Halle de la Villette die Füße platt. Ein paar Leute verließen im Laufe des Konzertes dann auch den vorderen Bereich (weil sie nach Hause wollten, oder weil es ihnen einfach viel zu laut war?), so daß ich immer näher und näher an die Bühne rückte. Dies erlaubte mir auch, die Musiker genauer zu sehen, was aber nicht viel änderte, denn ihre Mimik und Körpersprache gab so gut wie nichts her. Allesamt agierten sie stoisch, auf sich selbst konzentriert und ohne den Blick zum Publikum zu richten. Es war fast wie bei einem klassischen Orchester, obwohl im Falle von Godspeed ein vor der Band agierender Dirigent fehlte. Zwar gilt Efrim als Bandleader , tat aber rein gar nichts, um dies nach außen kundzutun. Die Musiker kannten ihren Part wohl allzu genau (faszinierend, wie merken sich sich das alles?), brauchten niemanden, der sie dirigiert. Als letztes Stück hatten sie BBFIII performt, was Kenner der Band (wozu ich nicht gehöre) als Höhepunkt des Konzertes bezeichneten. Zu Beginn hörte man hier wie auch bei anderen Tracks gesampelte Stimmen von einem Band, es klang nach Kriegsberichterstattung.

Die Fans verhielten sich aber hier und heute nicht kriegerisch, sondern friedlich. Einzig und allein am Merchandisingstand wurde hinterher ein wenig um den besten Platz gekämpft. Immer wieder erstaunlich, welch reißenden Absatz T-Shirts, CDs und Platten vor allem bei solchen Noise-und Postrockkonzerten finden und dies trotz gesalzener Preise von 20 Euro. Dies zum Thema Antikapitalismus. Und die wie im Rausch gekauften CDs hört hinterher meistens doch kein Arsch, weil man die bei den Konzerten erlebten Gefühle mit Musik aus der Konserve nicht reproduzieren kann...

Fotos folgen in Kürze.

Setlist Godspeed You! Black Emperor, Grande Halle de la Villette, Paris:

01: Hope Drone
02: Storm
03: Monheim
04: Albanian
05: Chart # 3
06: World Police And Friendly Fire
07: Dead Metheny
08: Rocket Fall On Rocket Falls
09: BBFIII

- Fotos von dieser Show Konzertfotografenzar Robert Gil, klick!


Artverwandtes aus unserem Archiv

Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra, Paris, 11.11.08
Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra, Paris, 13.04.08
The Silver Mt. Zion Memorial Orchestra, Paris, 17.04.07 (damals nur mit einem e)


Owen Pallett & Young Marble Giants & Arto Lindsay, Paris, 01.06.10


Konzert: Owen Pallett & Young Marble Giants & Arto Lindsay, Festival Villette Sonique

Ort: La Grande Halle de la Villette, Paris
Datum: 01.06.10
Zuschauer: etwa 2000 erneut
Konzertdauer: pro Act jeweils rund eine Stunde


Aber das sind doch..., nein sind sie das wirklich?, doch, doch, das sind... Georgia Hubley & Ira Kaplan von Yo La Tengo! Echte Indie-Helden, die mich bereitwillig ein Erinnerungsfoto von ihnen schießen ließen. Wenn die beiden heute zu den Konzerten in der Grande Halle de la Villette in Paris kamen, dann muss das Line-Up ja toll gewesen sein, schließlich haben Yo La Tengo einen ausgewiesen guten Geschmack. Nun, das war auch wirklich so. Krass geiles Programm heute, Alter,ey! Escht, ey! Aber auch anderswo in Paris spielte die Musik. Der junge Engländer Thos Henley (auf dem Foto links, weltberühmt geworden durch die Oliver Peel Session # 6) hatte heute die große Ehre, gemeinsam mit meinen französischen Lieblingen Syd Matters die kultige Maroquinerie zu erobern, Phosphorescent, Bruder im Geiste von Bonnie "Prince" Billy, trat im Espace B auf und Air teilten sich die Bühne mit Au Revoir Simone und zwar gleich um die Ecke in der Cité de la Musique. Dennoch war ich hinterher sicher, mich für das "richtige" Konzert entschieden zu haben. Und das lag vor allem an Owen Pallett. Der junge Kanadier war einfach sensationell!

Hier mein Resumée:

Arto Lindsay: Eine Kreuzung aus Woody Allen und Stephen Hawking, zumindest optisch. Der hagere Bursche mit dem Kassengestell auf der Nase, spielte auf einer noisigen Gitarre und wurde von einer afrikanischen Backing Band begleitet, in der auch ein Bongospieler agierte. Musikalisch schwer einzuordnen, das Ganze. Irgendwo zwischen Rock, Freejazz, Blues, Noise, Reggae und Funk. Alles sehr hochstehend und gekonnt dargeboten, aber auch bisweilen zäh und schwer verdaulich. Dennoch bin ich sicher, daß Yo La Tengo für ihn gekommen sind.

Young Marble Giants: Hier gingen hinterher die Meinungen auseinander. Uschi und Guillaume, mit denen ich gekommen war, fanden es kultig und cool, Fotografenzar Robert Gil nörgelte irgendwas von: "ist schlecht gealtert, die Mucke". Was sagt Oliver Peel? Hmm. Statisch wie beim letzten Mal in Boulogne Billancourt, aber für mich immer noch verblüffend modern. 1980 haben die Waliser mit diesem minimalistischen Sound die Blaupause für den Erfolg von The XX geliefert und musikalisch sind sie immer noch stark. Ein knarzig polternder Bass, rasierklingenscharfe Gitarrenriffs und der wunderschöne, weltentrückte Gesang von Alison Statton, alle Markenzeichen der einflußreichen Band (und dies mit einem einzigen Album!) gibt es nach wie vor, lediglich der Drumpart ist heute anders. Anstatt eines Drumcomputers agierte wie schon 2007 in Boulogne Billancourt Andrew Moxham, der dritte der Gebrüder Moxham (Stuart Moxham: Gitarre und Keys, Bass: Phil Moxham). Die Songs (Brand New Life, Wurlitzer Jukebox, Searching For Mr. Right, etc.) stammten von Colossal Youth, aber eine der Zugaben Taxi (ohne Allison) kam von der Testcard Ep. Ein gutes Konzert.

Owen Pallett: Alle Lobeshymen auf den jungen Kanadier sind gerechtfertigt! Donnerwetter, was die nonchalante Bohnenstange mit der engelsgleichen Stimme aus seiner Violine rausstrich, zupfte und loopte! Ein perfekter Sound machte diesen Auftritt zu einem Ohrenschmauß der allerersten Güteklasse. Begleitet von einem zusätzlichen Musiker namens Thomas (Drums, Gitarre), spielte mich der Bursche mit dem Waverscheitel in einen wahren Rausch. Ein Lied schöner als das andere, kein einziger Patzer und stimmlich eine brillante Vorstellung ließen mich zu einem unzweideutigen Urteil kommen: Owen muss als Kind in eine Zauberbrunnen gefallen sein. Ein Riesentalent! Wie sagte Stuart Moxham in einer Szene so treffend: "Es ist toll, vor Owen Pallett zu spielen, schließlich ist er Kanadier. Und aus Kanada kommen Leonard Cohen, Neil Youg und Joni Mitchell." Wenn der junge Geiger konstant so weiter macht, hat er wirklich das Zeug aus dem übergroßen Schatten dieser legendären Künstler zu treten. Eines der Konzerte des Jahres. Wahnsinn!! Und wer war eigentlich noch mal dieser Andrew Bird?



Setlist Young Marble Giants, La Grande Halle de la Villette, Festival Villette Sonique, Paris (tausend Dank an Uschi)

01: N.I.T.A.
02: Choci Loni
03: Eating Noddemix
04: Ode To Booker T.
05: Wurlitzer Jukebox
06: Music For Evenings
07: Cakewalking
08: The Man Amplifier
09: Final Day
10: Radio Silents
11: Include Me Out
12: Constantly Changing
13: Searching For Mister Right (pour Melodie)
14: Brand New Life

15: The Taxi
16: Salad Days
17: Credit In The Straight World

Setlist Owen Pallett, Festival Villette Sonique, Paris (noch einmal vielen lieben Dank an Uschi für die unglaubliche Mühe!!)

01. E Is for Estranged
02. This is the Dream of Win & Regine
03. Scandal at the Parkade
04. That's When The Audience Died
05. Midnight Directives
06. Keep the Dog Quiet
07. The Great Elsewhere
08. Lewis Takes Action
09. He Poos Clouds
10. Oh Heartland, Up Yours!
11. Flare Gun
12. The Butcher
13. Many Lives → 49 MP

14. Lewis Takes Off His Shirt
15. Cliquot (co-written with Beirut)
16. This Lamb Sells Condos

- tolle Fotos von diesen Konzerten gibt es bei Robert Gil:

Owen Pallett, klick!
Young Marble Giants, klick!
Arto Lindsay, klick!

Aus unsererm Archiv:

Young Marble Giants, Paris, 28.10.07

Owen Pallett, Barcelona, 28.05.10
Owen Pallett, Frankfurt, 15.03.10
Final Fantasy, Haldern, 14.08.09



Owen Pallett & Young Marble Giants & Arto Lindsay, Paris, 01.06.10


Konzert: Owen Pallett & Young Marble Giants & Arto Lindsay, Festival Villette Sonique

Ort: La Grande Halle de la Villette, Paris
Datum: 01.06.10
Zuschauer: etwa 2000 erneut
Konzertdauer: pro Act jeweils rund eine Stunde


Aber das sind doch..., nein sind sie das wirklich?, doch, doch, das sind... Georgia Hubley & Ira Kaplan von Yo La Tengo! Echte Indie-Helden, die mich bereitwillig ein Erinnerungsfoto von ihnen schießen ließen. Wenn die beiden heute zu den Konzerten in der Grande Halle de la Villette in Paris kamen, dann muss das Line-Up ja toll gewesen sein, schließlich haben Yo La Tengo einen ausgewiesen guten Geschmack. Nun, das war auch wirklich so. Krass geiles Programm heute, Alter,ey! Escht, ey! Aber auch anderswo in Paris spielte die Musik. Der junge Engländer Thos Henley (auf dem Foto links, weltberühmt geworden durch die Oliver Peel Session # 6) hatte heute die große Ehre, gemeinsam mit meinen französischen Lieblingen Syd Matters die kultige Maroquinerie zu erobern, Phosphorescent, Bruder im Geiste von Bonnie "Prince" Billy, trat im Espace B auf und Air teilten sich die Bühne mit Au Revoir Simone und zwar gleich um die Ecke in der Cité de la Musique. Dennoch war ich hinterher sicher, mich für das "richtige" Konzert entschieden zu haben. Und das lag vor allem an Owen Pallett. Der junge Kanadier war einfach sensationell!

Hier mein Resumée:

Arto Lindsay: Eine Kreuzung aus Woody Allen und Stephen Hawking, zumindest optisch. Der hagere Bursche mit dem Kassengestell auf der Nase, spielte auf einer noisigen Gitarre und wurde von einer afrikanischen Backing Band begleitet, in der auch ein Bongospieler agierte. Musikalisch schwer einzuordnen, das Ganze. Irgendwo zwischen Rock, Freejazz, Blues, Noise, Reggae und Funk. Alles sehr hochstehend und gekonnt dargeboten, aber auch bisweilen zäh und schwer verdaulich. Dennoch bin ich sicher, daß Yo La Tengo für ihn gekommen sind.

Young Marble Giants: Hier gingen hinterher die Meinungen auseinander. Uschi und Guillaume, mit denen ich gekommen war, fanden es kultig und cool, Fotografenzar Robert Gil nörgelte irgendwas von: "ist schlecht gealtert, die Mucke". Was sagt Oliver Peel? Hmm. Statisch wie beim letzten Mal in Boulogne Billancourt, aber für mich immer noch verblüffend modern. 1980 haben die Waliser mit diesem minimalistischen Sound die Blaupause für den Erfolg von The XX geliefert und musikalisch sind sie immer noch stark. Ein knarzig polternder Bass, rasierklingenscharfe Gitarrenriffs und der wunderschöne, weltentrückte Gesang von Alison Statton, alle Markenzeichen der einflußreichen Band (und dies mit einem einzigen Album!) gibt es nach wie vor, lediglich der Drumpart ist heute anders. Anstatt eines Drumcomputers agierte wie schon 2007 in Boulogne Billancourt Andrew Moxham, der dritte der Gebrüder Moxham (Stuart Moxham: Gitarre und Keys, Bass: Phil Moxham). Die Songs (Brand New Life, Wurlitzer Jukebox, Searching For Mr. Right, etc.) stammten von Colossal Youth, aber eine der Zugaben Taxi (ohne Allison) kam von der Testcard Ep. Ein gutes Konzert.

Owen Pallett: Alle Lobeshymen auf den jungen Kanadier sind gerechtfertigt! Donnerwetter, was die nonchalante Bohnenstange mit der engelsgleichen Stimme aus seiner Violine rausstrich, zupfte und loopte! Ein perfekter Sound machte diesen Auftritt zu einem Ohrenschmauß der allerersten Güteklasse. Begleitet von einem zusätzlichen Musiker namens Thomas (Drums, Gitarre), spielte mich der Bursche mit dem Waverscheitel in einen wahren Rausch. Ein Lied schöner als das andere, kein einziger Patzer und stimmlich eine brillante Vorstellung ließen mich zu einem unzweideutigen Urteil kommen: Owen muss als Kind in eine Zauberbrunnen gefallen sein. Ein Riesentalent! Wie sagte Stuart Moxham in einer Szene so treffend: "Es ist toll, vor Owen Pallett zu spielen, schließlich ist er Kanadier. Und aus Kanada kommen Leonard Cohen, Neil Youg und Joni Mitchell." Wenn der junge Geiger konstant so weiter macht, hat er wirklich das Zeug aus dem übergroßen Schatten dieser legendären Künstler zu treten. Eines der Konzerte des Jahres. Wahnsinn!! Und wer war eigentlich noch mal dieser Andrew Bird?



Setlist Young Marble Giants, La Grande Halle de la Villette, Festival Villette Sonique, Paris (tausend Dank an Uschi)

01: N.I.T.A.
02: Choci Loni
03: Eating Noddemix
04: Ode To Booker T.
05: Wurlitzer Jukebox
06: Music For Evenings
07: Cakewalking
08: The Man Amplifier
09: Final Day
10: Radio Silents
11: Include Me Out
12: Constantly Changing
13: Searching For Mister Right (pour Melodie)
14: Brand New Life

15: The Taxi
16: Salad Days
17: Credit In The Straight World

Setlist Owen Pallett, Festival Villette Sonique, Paris (noch einmal vielen lieben Dank an Uschi für die unglaubliche Mühe!!)

01. E Is for Estranged
02. This is the Dream of Win & Regine
03. Scandal at the Parkade
04. That's When The Audience Died
05. Midnight Directives
06. Keep the Dog Quiet
07. The Great Elsewhere
08. Lewis Takes Action
09. He Poos Clouds
10. Oh Heartland, Up Yours!
11. Flare Gun
12. The Butcher
13. Many Lives → 49 MP

14. Lewis Takes Off His Shirt
15. Cliquot (co-written with Beirut)
16. This Lamb Sells Condos

- tolle Fotos von diesen Konzerten gibt es bei Robert Gil:

Owen Pallett, klick!
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Arto Lindsay, klick!

Aus unsererm Archiv:

Young Marble Giants, Paris, 28.10.07

Owen Pallett, Barcelona, 28.05.10
Owen Pallett, Frankfurt, 15.03.10
Final Fantasy, Haldern, 14.08.09



Joanna Newsom, Paris, 31.05.10


Konzert: Joanna Newsom

Ort: Grande Halle de La Villette, Paris
Datum: 31.05.10
Zuschauer: ausverkauft, also etwa 2000
Konzertdauer: 1 Stunde 50 Minuten


Résumé en français ci-dessous!

Aber das ist doch..., nein ist sie das wirklich?, doch, doch, das ist... Aleks Campesinos! Unglaublich, daß ich beim Konzert von Joanna Newsom auf die "Aussteigerin" treffe! Gerade eben hat Roy Harper seinen Auftritt als Support der Harpistin beendet und das verschafft mir Gelegenheit, ein wenig mit der unwahrscheinlich netten Aleks zu plaudern. Sie habe gerade ihr Examen hinter sich gebracht und warte nun angespannt auf die Ergebnisse. Dieses Konzert hier hat sie sich sozusagen zur Belohnung geschenkt. In Paris wohne sie aber nicht, sie sei nur zu Besuch hier. Sie ist ziemlich platt, daß sie jemand außerhalb von einer Bühne erkennt und dann auch noch in Frankreich. Ich erzähle ihr, daß ich sie bei den Gigs mit Los Campesinos! oft genug vor der Linse hatte, um mich genauestens an ihr Gesicht zu erinnern. Außerdem trägt sie stilvolle Schuhe. Also wie immer. Wir wünschen uns gegenseitig ein schönes Konzert.

Und natürlich wird es auch das erwartet traumhaft schöne Konzert. Wie soll es auch anders sein? Schließlich ist Joanna Newsom ein Wunderkind. Oder so. Auf jeden Fall besser als Lena. Zumindest ein bißchen. Und sie lächelt auch oft. Schon während des ersten Liedes bekommt sie einen kurzen Kicheranfall und muss sich konzentrieren, um nicht aus dem Takt zu geraten. Dann läuft alles wie am Schnürchen. Ihre kleinen Finger gleiten behende durch die Saiten ihres imposanten Instrumentes und die Backing Band (zwei Violinen, Posaune, Mandoline, Banjo, Flöte, Schlagzeug, insgesamt sind es fünf zusätzliche Musiker, 3 Männer zwei Frauen) begleitet sie auf das Harmonischste. Ein Hörgenuß ersten Grades und auch der Sound ist brillant und glasklar. Etwa 2000 kultivierte Mitbürger lauschen andächtig auf ihren Sitzplätzchen und verhalten sich mucksmäuschenstill. Oder sind sie eingeschlafen? Schließlich haben wir es hier mit nicht allzu leicht verdaulicher Kost zu tun und die einzelnen Lieder sind oft endlos lang. Aber das Publikum hat trainierte Ohren und genug Konzentrationsfähigkeit, die knapp 2 Stunden durchzustehen, ohne den Nachbarn durch sein lautes Schnarchen zu stören. Ok, die Frau neben mir pennt, oder meditiert sie etwa nur? Egal, jeder genießt auf seine Weise die Musik der engelsgleichen Joanna Newsom. Unfassbar, diese moderne Rapunzel! "Lass Dein Haar hinab" würde ich ihr manchmal gerne zurufen, aber ich glaube das würde nicht gut ankommen. Womöglich würde man mich rausschmeißen. Schließlich herrscht hier eine Atmosphäre, die man eher von Klassikkonzerten kennt. Aber Joanne guckt zum Glück nicht so streng wie dereinst Claudio Abbado bei den Konzerten, die ich in der Berliner Philharmonie in meiner Studentenzeit gesehen habe. Im Gegenteil, sie lacht sogar ständig zwischen den Liedern und dieses Lachen hat etwas Ansteckendes. "You are a really good looking audience, what are you gonna do after the show?", fragt die Harfenzauberin in einer Szene kess. Das Kompliment kann man ihr guten Gewissens zurückgeben. "Good looking" ist sie auf jeden Fall. Zwar hat ihr Mund etwas Nußknackerhaftes, aber das fällt bei soviel Anmut und Grazie nicht ins Gewicht. Wunderbar ihr Kleid, atemberaubend der Augenaufschlag und sie hat sogar hochhackige Schuhe an. Für eine Folkkünstlerin ziemlich ungewöhnlich. Die performen ja oft barfuß, um den Boden unter den Füßen zu spüren und den Kontakt zur Erde nicht zu verlieren. Joanna Newsom ist in künstlerischer Hinsicht sowieso weltentrückt und schwebt mit ihrem grandiosen Talent über den Wolken, da kann sie ruhig Stöckeschuhe tragen!

Für ein paar Lieder begibt sie sich hinters Piano und man hat die Gelegenheit,
sie besser zu sehen. Hinter der riesigen Harfe verschwindet das zierliche Persönchen immer ein wenig, wenn sie aber klimpert, sieht man ihr hübsches Profil. Ihr Drummer vorne rechts (vom Publikum aus), spielt sensationell toll mit ihr zusammen und ihr Mandolinenmensch (oder auch Banjo- und Flötenspieler) links zupft die feinsten Melodien raus, die man sich vorstellen kann. Manchmal stößt dann auch noch von hinten eine Posaune (Trombone?) mit hinzu und dann streichen auch die Violinistinnen mit den Bögen durch ihre Saiten. Der Instrumentierung wird es mir dennoch nie zuviel (Puristen mögen das anderes sehen, die alten Nörgler!), da es immer wieder Passagen gibt, in denen man nur Joannas kindliche Stimme und ihre Harfe hört. Eigentlich singt sie weitestgehend noch wie früher, genauso knatschig, schrill und hoch, eben wie Kate Bush, obwohl ich in letzter Zeit immer mal wieder aufgeschnappt habe, daß sie sich das Infantile in der Stimme abgewöhnt hätte. Zum Glück ist das trotz eines weicher gewordenen Kehlchens nicht ganz so, denn kleinmädchenhaft singend habe ich sie mit dem ersten Album The Milk-Eyed Mender kennen- und lieben gelernt. Das neue Werk, die Tripple CD Have One On Me kannte ich hingegen vorher noch gar nicht. Irgendwie scheint es mir, daß auch das Publikum das zweite Album Ys am besten kennt, denn immmer wenn davon ein Stück ertönt ( Monkey & Bear) brandet der stärkste Applaus auf. Aber eigentlich ist es egal, aus welcher Schaffensphase die jeweiligen Stücke stammen, denn jedes einzelne ist an sich ein Kunst-, nein mehr, ein Meisterwerk! Zwar habe ich keine Ahnung von Harfen, aber irgendwie klingt das doch alles sehr fein, was die Kalifornierin da aus dem grobrahmigen Dingsbums rauskitzelt. Bei meinem Lieblinsglied des Abends lege ich mich aber dennoch fest, es ist Peach, Plum, Pear und bildet den vorläufigen Abschluß des famosen Konzertes. Vor allem das Zusammenspiel zwischen Joanna und ihrer Band ist hier nicht zu überbieten. Da stimmt bis auf das letzte I-Tüpfelchen alles und dennoch wirkt das Ganze nicht steril, oder glatt. Das sehen wohl auch die anderen Leute so und spenden begeistert Standing Ovations. 5 Minuten später geht es mit der Ballade Baby Birch weiter, aber das ist für mich kein wirkliches Highlight. Dennoch scheint dies der endgültige Abschluss zu sein. Joanna zieht zum zweiten Mal Leine, wird aber überraschenderweise doch noch einmal zurückgeklatscht. Ich bin inzwischen nah an die Bühne vorgedrungen und sehe die Newsom nun aus nächster Nähe. Wie gebannt schaue ich zu, wie ihre kleinen Händchen auf das Filigranste die Saiten bearbeiten. Sie singt Sawdust And Diamonds ein Kleinod wie es im Buche steht. Keiner im Publikum wagt zu plaudern, obwohl sich die Sitzordnung längst aufgelöst hat. Minutenlang glozten Leute wie unter Hypnose auf die Bühne und versuchen mit ihren Iphons Erinnerungsfotos zu schießen. Aber kein Iphon und keine Applikation dieser Welt kann die Grazie, die Eleganz und die Fingerfertigkeit von Joanna Newsom einfangen. Man muss sie live gesehen haben, um das Ganze zu kapieren.

Beim Rausgehen treffe ich noch einmal kurz Aleks Campesinos. "Incredible. unbelievable, amazing!", so ihr Urteil. Dem ist nichts mehr hinzufügen.

Pour nos lecteurs français:


Sublissime Joanna Newsom! Le jeune prodige californien a donné à la Grande Halle de la Villette un concert de rêve. Frôlant la perfection, l'harpiste et pianiste a impressionné pendant presque deux heures les 2000 spectateurs avec son jeu filigrane et habile et son chant infantile à la Kate Bush. Son groupe, composé de deux violonistes, d'un trompetiste, d'un multiinstrumentaliste (banjo, mandoline, flûte) et d'un batteur fabuleux, l'accompagna à merveille. Le public écoutait solennellement et calmement les chansons qui venaient dans la plupart des cas du nouveau triple album Have One On Me, mais s'exprima par des applaudissements nourris après la fin de chaque morcaeux époustoufflants. Malgré son immense talent Joanna paraissait naturelle, souriante, attachante et coquine. "You're a really good looking audience" disait-elle dans une scène, mais en fait c'était bien sûr elle "la best looking" avec ses cheveux longs (une sorte de rapunzel moderne?), sa robe simple, mais chic et ses talons hauts. Et surtout avec son sourire! Mais quel beau sourire!

Difficile parmi toutes ses compositions qu'on pourrait qualifier de chef d'oeuvres de choisir le meilleur morceau de la soirée.
J'ai eu une petite préference pour Peach, Plum, Pear qui finit la partie officielle du concert. Le premier rappel n'était pas forcément à mon goût, mais le deuxieme Stardust and Diamond m'a complétement épaté! De tout près je voyais ses petites mains traverser cet instrument imposant et chanter avec tout son coeur. Avec des frissons dans le dos je quittais la salle et je crois je ne suis pas le seul qui trouve que c'était très probablement le meilleur concert de l'année. Comment égaler cette prestation incroyable?


Aus unserem Archiv:

Joanna Newsom, Paris, 16.04.07

- j'ai plus de photo de ce concert sublime de Joanna Newsom sur mon flickr, click!
-die besten Fotos dieses Konzertes von Joanna Newsom hat der ebenfalls überwältigte (er verteilt rekorverdächtige vier Herzchen) Fotografenzar Robert Gil. Klick!

Setlist Joanna Newsom, Grande Halle de la Villette, Paris: siehe Zettel, den die charmante Blondine hochhält. Es fehlt darauf aber das letzte Lied Sawdust and Diamonds.



Joanna Newsom, Paris, 31.05.10


Konzert: Joanna Newsom

Ort: Grande Halle de La Villette, Paris
Datum: 31.05.10
Zuschauer: ausverkauft, also etwa 2000
Konzertdauer: 1 Stunde 50 Minuten


Résumé en français ci-dessous!

Aber das ist doch..., nein ist sie das wirklich?, doch, doch, das ist... Aleks Campesinos! Unglaublich, daß ich beim Konzert von Joanna Newsom auf die "Aussteigerin" treffe! Gerade eben hat Roy Harper seinen Auftritt als Support der Harpistin beendet und das verschafft mir Gelegenheit, ein wenig mit der unwahrscheinlich netten Aleks zu plaudern. Sie habe gerade ihr Examen hinter sich gebracht und warte nun angespannt auf die Ergebnisse. Dieses Konzert hier hat sie sich sozusagen zur Belohnung geschenkt. In Paris wohne sie aber nicht, sie sei nur zu Besuch hier. Sie ist ziemlich platt, daß sie jemand außerhalb von einer Bühne erkennt und dann auch noch in Frankreich. Ich erzähle ihr, daß ich sie bei den Gigs mit Los Campesinos! oft genug vor der Linse hatte, um mich genauestens an ihr Gesicht zu erinnern. Außerdem trägt sie stilvolle Schuhe. Also wie immer. Wir wünschen uns gegenseitig ein schönes Konzert.

Und natürlich wird es auch das erwartet traumhaft schöne Konzert. Wie soll es auch anders sein? Schließlich ist Joanna Newsom ein Wunderkind. Oder so. Auf jeden Fall besser als Lena. Zumindest ein bißchen. Und sie lächelt auch oft. Schon während des ersten Liedes bekommt sie einen kurzen Kicheranfall und muss sich konzentrieren, um nicht aus dem Takt zu geraten. Dann läuft alles wie am Schnürchen. Ihre kleinen Finger gleiten behende durch die Saiten ihres imposanten Instrumentes und die Backing Band (zwei Violinen, Posaune, Mandoline, Banjo, Flöte, Schlagzeug, insgesamt sind es fünf zusätzliche Musiker, 3 Männer zwei Frauen) begleitet sie auf das Harmonischste. Ein Hörgenuß ersten Grades und auch der Sound ist brillant und glasklar. Etwa 2000 kultivierte Mitbürger lauschen andächtig auf ihren Sitzplätzchen und verhalten sich mucksmäuschenstill. Oder sind sie eingeschlafen? Schließlich haben wir es hier mit nicht allzu leicht verdaulicher Kost zu tun und die einzelnen Lieder sind oft endlos lang. Aber das Publikum hat trainierte Ohren und genug Konzentrationsfähigkeit, die knapp 2 Stunden durchzustehen, ohne den Nachbarn durch sein lautes Schnarchen zu stören. Ok, die Frau neben mir pennt, oder meditiert sie etwa nur? Egal, jeder genießt auf seine Weise die Musik der engelsgleichen Joanna Newsom. Unfassbar, diese moderne Rapunzel! "Lass Dein Haar hinab" würde ich ihr manchmal gerne zurufen, aber ich glaube das würde nicht gut ankommen. Womöglich würde man mich rausschmeißen. Schließlich herrscht hier eine Atmosphäre, die man eher von Klassikkonzerten kennt. Aber Joanne guckt zum Glück nicht so streng wie dereinst Claudio Abbado bei den Konzerten, die ich in der Berliner Philharmonie in meiner Studentenzeit gesehen habe. Im Gegenteil, sie lacht sogar ständig zwischen den Liedern und dieses Lachen hat etwas Ansteckendes. "You are a really good looking audience, what are you gonna do after the show?", fragt die Harfenzauberin in einer Szene kess. Das Kompliment kann man ihr guten Gewissens zurückgeben. "Good looking" ist sie auf jeden Fall. Zwar hat ihr Mund etwas Nußknackerhaftes, aber das fällt bei soviel Anmut und Grazie nicht ins Gewicht. Wunderbar ihr Kleid, atemberaubend der Augenaufschlag und sie hat sogar hochhackige Schuhe an. Für eine Folkkünstlerin ziemlich ungewöhnlich. Die performen ja oft barfuß, um den Boden unter den Füßen zu spüren und den Kontakt zur Erde nicht zu verlieren. Joanna Newsom ist in künstlerischer Hinsicht sowieso weltentrückt und schwebt mit ihrem grandiosen Talent über den Wolken, da kann sie ruhig Stöckeschuhe tragen!

Für ein paar Lieder begibt sie sich hinters Piano und man hat die Gelegenheit,
sie besser zu sehen. Hinter der riesigen Harfe verschwindet das zierliche Persönchen immer ein wenig, wenn sie aber klimpert, sieht man ihr hübsches Profil. Ihr Drummer vorne rechts (vom Publikum aus), spielt sensationell toll mit ihr zusammen und ihr Mandolinenmensch (oder auch Banjo- und Flötenspieler) links zupft die feinsten Melodien raus, die man sich vorstellen kann. Manchmal stößt dann auch noch von hinten eine Posaune (Trombone?) mit hinzu und dann streichen auch die Violinistinnen mit den Bögen durch ihre Saiten. Der Instrumentierung wird es mir dennoch nie zuviel (Puristen mögen das anderes sehen, die alten Nörgler!), da es immer wieder Passagen gibt, in denen man nur Joannas kindliche Stimme und ihre Harfe hört. Eigentlich singt sie weitestgehend noch wie früher, genauso knatschig, schrill und hoch, eben wie Kate Bush, obwohl ich in letzter Zeit immer mal wieder aufgeschnappt habe, daß sie sich das Infantile in der Stimme abgewöhnt hätte. Zum Glück ist das trotz eines weicher gewordenen Kehlchens nicht ganz so, denn kleinmädchenhaft singend habe ich sie mit dem ersten Album The Milk-Eyed Mender kennen- und lieben gelernt. Das neue Werk, die Tripple CD Have One On Me kannte ich hingegen vorher noch gar nicht. Irgendwie scheint es mir, daß auch das Publikum das zweite Album Ys am besten kennt, denn immmer wenn davon ein Stück ertönt ( Monkey & Bear) brandet der stärkste Applaus auf. Aber eigentlich ist es egal, aus welcher Schaffensphase die jeweiligen Stücke stammen, denn jedes einzelne ist an sich ein Kunst-, nein mehr, ein Meisterwerk! Zwar habe ich keine Ahnung von Harfen, aber irgendwie klingt das doch alles sehr fein, was die Kalifornierin da aus dem grobrahmigen Dingsbums rauskitzelt. Bei meinem Lieblinsglied des Abends lege ich mich aber dennoch fest, es ist Peach, Plum, Pear und bildet den vorläufigen Abschluß des famosen Konzertes. Vor allem das Zusammenspiel zwischen Joanna und ihrer Band ist hier nicht zu überbieten. Da stimmt bis auf das letzte I-Tüpfelchen alles und dennoch wirkt das Ganze nicht steril, oder glatt. Das sehen wohl auch die anderen Leute so und spenden begeistert Standing Ovations. 5 Minuten später geht es mit der Ballade Baby Birch weiter, aber das ist für mich kein wirkliches Highlight. Dennoch scheint dies der endgültige Abschluss zu sein. Joanna zieht zum zweiten Mal Leine, wird aber überraschenderweise doch noch einmal zurückgeklatscht. Ich bin inzwischen nah an die Bühne vorgedrungen und sehe die Newsom nun aus nächster Nähe. Wie gebannt schaue ich zu, wie ihre kleinen Händchen auf das Filigranste die Saiten bearbeiten. Sie singt Sawdust And Diamonds ein Kleinod wie es im Buche steht. Keiner im Publikum wagt zu plaudern, obwohl sich die Sitzordnung längst aufgelöst hat. Minutenlang glozten Leute wie unter Hypnose auf die Bühne und versuchen mit ihren Iphons Erinnerungsfotos zu schießen. Aber kein Iphon und keine Applikation dieser Welt kann die Grazie, die Eleganz und die Fingerfertigkeit von Joanna Newsom einfangen. Man muss sie live gesehen haben, um das Ganze zu kapieren.

Beim Rausgehen treffe ich noch einmal kurz Aleks Campesinos. "Incredible. unbelievable, amazing!", so ihr Urteil. Dem ist nichts mehr hinzufügen.

Pour nos lecteurs français:


Sublissime Joanna Newsom! Le jeune prodige californien a donné à la Grande Halle de la Villette un concert de rêve. Frôlant la perfection, l'harpiste et pianiste a impressionné pendant presque deux heures les 2000 spectateurs avec son jeu filigrane et habile et son chant infantile à la Kate Bush. Son groupe, composé de deux violonistes, d'un trompetiste, d'un multiinstrumentaliste (banjo, mandoline, flûte) et d'un batteur fabuleux, l'accompagna à merveille. Le public écoutait solennellement et calmement les chansons qui venaient dans la plupart des cas du nouveau triple album Have One On Me, mais s'exprima par des applaudissements nourris après la fin de chaque morcaeux époustoufflants. Malgré son immense talent Joanna paraissait naturelle, souriante, attachante et coquine. "You're a really good looking audience" disait-elle dans une scène, mais en fait c'était bien sûr elle "la best looking" avec ses cheveux longs (une sorte de rapunzel moderne?), sa robe simple, mais chic et ses talons hauts. Et surtout avec son sourire! Mais quel beau sourire!

Difficile parmi toutes ses compositions qu'on pourrait qualifier de chef d'oeuvres de choisir le meilleur morceau de la soirée.
J'ai eu une petite préference pour Peach, Plum, Pear qui finit la partie officielle du concert. Le premier rappel n'était pas forcément à mon goût, mais le deuxieme Stardust and Diamond m'a complétement épaté! De tout près je voyais ses petites mains traverser cet instrument imposant et chanter avec tout son coeur. Avec des frissons dans le dos je quittais la salle et je crois je ne suis pas le seul qui trouve que c'était très probablement le meilleur concert de l'année. Comment égaler cette prestation incroyable?


Aus unserem Archiv:

Joanna Newsom, Paris, 16.04.07

- j'ai plus de photo de ce concert sublime de Joanna Newsom sur mon flickr, click!
-die besten Fotos dieses Konzertes von Joanna Newsom hat der ebenfalls überwältigte (er verteilt rekorverdächtige vier Herzchen) Fotografenzar Robert Gil. Klick!

Setlist Joanna Newsom, Grande Halle de la Villette, Paris: siehe Zettel, den die charmante Blondine hochhält. Es fehlt darauf aber das letzte Lied Sawdust and Diamonds.