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Beach House, Frankfurt, 16.08.10


Konzert: Beach House

Ort: Das Bett, Frankfurt
Datum: 16.08.2010
Zuschauer: ungefähr 260 (von maximal möglichen 400)
Konzertdauer: etwa eine Stunde


Der Frankfurter Indieclub Das Bett hat mit den Senkrechtstartern Beach House einen ganz dicken Fisch an Land gezogen. Spätestens seit der Veröffentlichung ihres aktuellen, dritten Albums Teen Love geht bei dem gemischten Duo so richtig die Post ab. in Frankfurt füllen sie zwar nicht wie vor ein paar Monaten in Paris eine 700er Location, aber gut besucht war das Bett heute trotzdem. Der nette Veranstalter Frank sprach von ungefähr 260 Gästen, die nach dem Auftritt eines Folkbarden gespannt auf die live zu einem Quartett angewachsene Band (ein echter Drummer und ein Bassist/zweiter Keyboarder ergänzten das Line-Up) wartete. Auf der noch verwaisten Bühne sah man drei Dreiecke, die man je nach Fantasie als Indianerzelte oder Pyramiden deuten konnte. Zwei dieser Dreiecke bewegten sich auch während der Songs und waren zudem Lichtquelle.

Dann endlich marschierte die Formation ein. Richtig gut zu erkennen waren die vier Musiker nie, aber das meist rosafarbene oder bläuliche nebelige Licht passte enfach perfekt zum dreampoppigen und verhuschten Sound von Beach House. Die Amis waren gerade aus Haldern (bzw. Helsinki wo sie einen Tag später gespielt hatten) gekommen und wirkten ob der Tourstrapazen anfänglich ein wenig müde. Die ersten paar Lieder verpufften somit ein bißchen. Spätestens mit dem Hit Norway war aber der Knoten geplatzt und das junge, sehr hübsche und in vielen Fällen weibliche Publikum schnalzte mit der Zunge. Victoria Legrand hauchte wieder einmal so eindringlich, daß es einem durch Mark und Bein ging! Zwar traf sie insbesonders die ganz hohen Töne nicht ganz so famos wie bei vorher erlebten Gigs, aber auch in für sie mittelmäßiger Form war sie ziemlich beeindruckend. Mein Freund Thomas, der neben mir stand, raunte mir zu: "Klingt stark nach Nico oder Mazzy Star." Und damit hatte er natürlich recht, wenngleich Victoria ihrer Stimme ihre ganz besondere Note verleiht. Die Mischung aus raunender, greinender Depressivität (manche behaupten, sie singe wie ein Mann), sinnlich gehauchter Erotik und glasklarer Purheit hat man in dieser Form noch nie zuvor erlebt. Und wie charismatisch sie ist! Trotz ihrer Distanziertheit (längere Ansagen gab es so gut wie keine, es fiel ihr einfach nichts ein) kommt bei ihr unglaublich viel Emotionalität rüber. Toll wie sie regelmäßig nach hinten hüpfte und ihre schöne Lockenpracht im Stile eines Headbangers wild über ihre Orgel schleuderte! Die Herren in der Band fielen hingegen weniger auf. Allerdings hatte der neue Keyboarder die Lacher auf seiner Seite, als er einen Song als Celin Dion Cover ankündigte, aber zum Glück nur rumalberte. Celine Dion mag zwar stimmgewaltig sein, aber als Einfluss für die Musik von Beach House wäre sie mir doch wesentlich zu schmalzig. Wobei natürlich nicht zu leugnen ist, daß der Zuckeranteil bei Victoria Legrand und Alex Scrally nicht gerade niedrig ist. Aber gerade die süßlich-kitschige Note ist es, die dem Stil des Duos die Besonderheit verleiht. Zucker macht süchtig und genau trifft auch auf die vielen tollen Songs von Beach House zu! Norway und Zebra kennen inzwischen die meisten, aber Fans der ersten Stunde wie ich, erfreuten sich besonders an alten Stücken wie Master Of None, Gila oder Heart Of Chambers. Gerade der letztgenannte Song zog mich heute am stärksten in seinen Bann. Victoria legte hierbei besonders viel Inbrunst in die Wagschale und bereitete mir ein tolles Finish, das sie noch mit einem herzzereißenden Take Care ("I'll take care of you, if you ask me to", simple Lyrics, große Wirkung!) krönte. Dann war Schluß. Vorerst. Nach einer relativ langen Pause kamen die vier Künstler aber noch einmal zurück und schafften mit einem sehr sphärischen 10 Miles Stereo auch noch einen gelungenen Abgang.

Hinterher gab es auch noch die Gelegenheit zum Plausch oder Erinnerungsfoto mit Alex und Victoria, zumindest wenn man wie ich groupiehaft lang wartete. Die beiden waren nett und herzlich und werden sicherlich auch noch die Fans in Graz (Österreich), Schorndorf (Manufaktur), Hasselt (Belgien) und Erlangen (E-Werk) begeistern, wo sie demnächst spielen werden.

Setlist Beach House, Das Bett, Frankfurt:
01: Better Times
02: Used To Be
03: Walk In The Park
04: Silver Soul
05: Norway
06: Master Of None
07: Gila
08: Zebra
09: Heart Of Chambers
10: Take Care

11: Real Love
12: 10 Miles Stereo

Anmerkung: Die Fotos stammen zum Teil aus Paris (Trabendo), aber auch aktuell aus Frankfurt.



Beach House, Frankfurt, 16.08.10


Konzert: Beach House

Ort: Das Bett, Frankfurt
Datum: 16.08.2010
Zuschauer: ungefähr 260 (von maximal möglichen 400)
Konzertdauer: etwa eine Stunde


Der Frankfurter Indieclub Das Bett hat mit den Senkrechtstartern Beach House einen ganz dicken Fisch an Land gezogen. Spätestens seit der Veröffentlichung ihres aktuellen, dritten Albums Teen Love geht bei dem gemischten Duo so richtig die Post ab. in Frankfurt füllen sie zwar nicht wie vor ein paar Monaten in Paris eine 700er Location, aber gut besucht war das Bett heute trotzdem. Der nette Veranstalter Frank sprach von ungefähr 260 Gästen, die nach dem Auftritt eines Folkbarden gespannt auf die live zu einem Quartett angewachsene Band (ein echter Drummer und ein Bassist/zweiter Keyboarder ergänzten das Line-Up) wartete. Auf der noch verwaisten Bühne sah man drei Dreiecke, die man je nach Fantasie als Indianerzelte oder Pyramiden deuten konnte. Zwei dieser Dreiecke bewegten sich auch während der Songs und waren zudem Lichtquelle.

Dann endlich marschierte die Formation ein. Richtig gut zu erkennen waren die vier Musiker nie, aber das meist rosafarbene oder bläuliche nebelige Licht passte enfach perfekt zum dreampoppigen und verhuschten Sound von Beach House. Die Amis waren gerade aus Haldern (bzw. Helsinki wo sie einen Tag später gespielt hatten) gekommen und wirkten ob der Tourstrapazen anfänglich ein wenig müde. Die ersten paar Lieder verpufften somit ein bißchen. Spätestens mit dem Hit Norway war aber der Knoten geplatzt und das junge, sehr hübsche und in vielen Fällen weibliche Publikum schnalzte mit der Zunge. Victoria Legrand hauchte wieder einmal so eindringlich, daß es einem durch Mark und Bein ging! Zwar traf sie insbesonders die ganz hohen Töne nicht ganz so famos wie bei vorher erlebten Gigs, aber auch in für sie mittelmäßiger Form war sie ziemlich beeindruckend. Mein Freund Thomas, der neben mir stand, raunte mir zu: "Klingt stark nach Nico oder Mazzy Star." Und damit hatte er natürlich recht, wenngleich Victoria ihrer Stimme ihre ganz besondere Note verleiht. Die Mischung aus raunender, greinender Depressivität (manche behaupten, sie singe wie ein Mann), sinnlich gehauchter Erotik und glasklarer Purheit hat man in dieser Form noch nie zuvor erlebt. Und wie charismatisch sie ist! Trotz ihrer Distanziertheit (längere Ansagen gab es so gut wie keine, es fiel ihr einfach nichts ein) kommt bei ihr unglaublich viel Emotionalität rüber. Toll wie sie regelmäßig nach hinten hüpfte und ihre schöne Lockenpracht im Stile eines Headbangers wild über ihre Orgel schleuderte! Die Herren in der Band fielen hingegen weniger auf. Allerdings hatte der neue Keyboarder die Lacher auf seiner Seite, als er einen Song als Celin Dion Cover ankündigte, aber zum Glück nur rumalberte. Celine Dion mag zwar stimmgewaltig sein, aber als Einfluss für die Musik von Beach House wäre sie mir doch wesentlich zu schmalzig. Wobei natürlich nicht zu leugnen ist, daß der Zuckeranteil bei Victoria Legrand und Alex Scrally nicht gerade niedrig ist. Aber gerade die süßlich-kitschige Note ist es, die dem Stil des Duos die Besonderheit verleiht. Zucker macht süchtig und genau trifft auch auf die vielen tollen Songs von Beach House zu! Norway und Zebra kennen inzwischen die meisten, aber Fans der ersten Stunde wie ich, erfreuten sich besonders an alten Stücken wie Master Of None, Gila oder Heart Of Chambers. Gerade der letztgenannte Song zog mich heute am stärksten in seinen Bann. Victoria legte hierbei besonders viel Inbrunst in die Wagschale und bereitete mir ein tolles Finish, das sie noch mit einem herzzereißenden Take Care ("I'll take care of you, if you ask me to", simple Lyrics, große Wirkung!) krönte. Dann war Schluß. Vorerst. Nach einer relativ langen Pause kamen die vier Künstler aber noch einmal zurück und schafften mit einem sehr sphärischen 10 Miles Stereo auch noch einen gelungenen Abgang.

Hinterher gab es auch noch die Gelegenheit zum Plausch oder Erinnerungsfoto mit Alex und Victoria, zumindest wenn man wie ich groupiehaft lang wartete. Die beiden waren nett und herzlich und werden sicherlich auch noch die Fans in Graz (Österreich), Schorndorf (Manufaktur), Hasselt (Belgien) und Erlangen (E-Werk) begeistern, wo sie demnächst spielen werden.

Setlist Beach House, Das Bett, Frankfurt:
01: Better Times
02: Used To Be
03: Walk In The Park
04: Silver Soul
05: Norway
06: Master Of None
07: Gila
08: Zebra
09: Heart Of Chambers
10: Take Care

11: Real Love
12: 10 Miles Stereo

Anmerkung: Die Fotos stammen zum Teil aus Paris (Trabendo), aber auch aktuell aus Frankfurt.



Shearwater, Frankfurt, 06.08.10


Konzert: Shearwater (Nils Frahm)

Ort: Das Bett, Frankfurt
Datum: 06.08.2010
Zuschauer: etwa 120
Konzertdauer: Nils Frahm 35 Minuten, Shearwater 60-70 Minuten


Als wir gegen Viertel vor neun vor dem Frankfurter Indieclub Das Bett aufkreuzen, stehen wir vor verschlossenen Türen. Ein kleiner weißer (nein nicht der mit den Klopapier-Ersatzrollen!) Zettel am runtergelassenen Rollladen liefert die Erklärung: Einlass heute um 21 Uhr. Zu früh gekommen! So etwas passiert mir in meinem heimischen Konzertjagdrevier in Paris nie. Aber ich bin nun einmal mit meinem für seine Pünktlichkeit bekannten Bloggerfreud Christoph unterwegs und da wird keine Minute verpasst. Von Verpassen kann aber ohnehin nicht die Rede sein, denn bevor es mit dem jungen Berliner Pianisten Nils Frahm losgeht, vergehen quälend lange 70 Minuten. Um 21 Uhr hatte der Clubchef pünktlich den Rollladen hochgelassen und danach war erst einmal Dauerbeschallung durch die aktuelle Beach House CD Teen Love angesagt. Als die Scheibe zum dritten Mal durchläuft, würde ich am liebsten Amok laufen, denn der eiernde Orgelsound hängt mir bis zum geht nicht mehr zum Halse raus. Irgendwann ist die Qual zu Ende und Nils Frahm setzt sich hinter sein vor der Bühne aufgebautes Piano. Sein Spiel ist anmutig, traumversunken, hochmelancholisch. Es ist ein Genuss ihm zuzuhören. Das hinter und vor ihm stehende Publikum dankt es ihm durch vorbildliche Stille und applaudiert auch angemessen lang. Frahm selbst spricht scheinbar überrascht vom längsten Applaus, den er auf der Tour mit Shearwater bekommen hat. Seine Bescheidenheit macht ihn sympathisch, aber er muss sich wirklich nicht verstecken, denn er hat jede Menge Talent und sein rein instrumentales Set , das aus Stücken (insgesamt vier) von Wintermusik und Bells besteht, passt atmosphärisch auch gut zum Headliner des heutigen Abends.

Shearwater bequemen sich schließlich erst nach 23 Uhr auf die Bühne. Fünf amerikanische Musiker mit dem hochaufgeschossenen Sänger, Gitarristen und Pianisten Jonathan Meiburg an der Spitze und der schönbeinigen Bassistin Kimberley Burke als optisches Highlight. Natürlich hat sie mehr zu bieten als nur tadellose Beine und ein entzückendes Lächeln. Ihr graziles Baßspiel (mal gezupft, mal gestrichen) ist hochfein und ich kann meine Augen nicht von ihr lassen. Ihr friedlicher, verträumter Blick hätte allein schon das Kommen gerechtfertigt (am Ende habe ich ungefähr 400 Fotos von ihr, ...ähem, ja). Klarer Chef von Shearwater ist aber Jonathan, der wie immer mit seiner von zarten Anmut zur heroischen Stürmigkeit wechselnden Stimme begeistert. Sein anrührender Falsettgesang ist schlicht und einfach sensationell! Auch seine Mimik zu beobachten lohnt sich. Wenn er in den rockigen Passagen alle Zügel losläßt (der Kerl kommt aus dem Pferdeland Texas!) und den Mund wie ein angriffslustiger Löwe aufreißt, bleibt kein Auge trocken. Auch die anderen drei Musiker agieren effizient und hochklassig, fallen aber abgesehen von dem lustig frisierten Drummer mit dem Mickey Mouse T-Shirt nicht sonderlich auf. Letztgenannter hat gegen Ende seinen großen Auftritt, als er am vorderen rechten Bühnenrand zusammen mit Kimberley um die Wette klöppelt und dem Glockenspiel wahre Wohlklänge entlockt. Witziger als diese Szene ist aber eine Passage, in der er auf der Bühne nicht gebraucht wird, sich in aller Seelenruhe eine Flasche Bier holt und sich seitlich neben Kimberley kauert, um ihr Bein zu tätscheln. Ob der langmähnige Muskelprotz wirklich mit der Beauty zusammen ist? Eifersucht! Aber musikalisch ist er ja wirklich unumstritten toll, denn er spielt nicht nur formidabel Schlagzeug, sondern auch Klarinette.

Hinsichtlich des Songmaterials steht eindeutig das aktuelle Werk The Golden Archipelago im Vordergrund. Für mich nicht unproblematisch, weil ich von dem Vorgänger Rook so dermaßen bgeistert war, daß ich mich bis zum heutigen Konzert nicht getraut hatte, das neue Opus zu hören. Meine Bedenken werden aber ziemlich schnell zerstreut, denn schon der Opener Black Eyes ist betörend schön und auch Castaways lässt mich mit der Zunge schnalzen. Absolute Highlights bleiben aber Rooks und Century Eyes im Doppelpack, an diese mit jubilierenden Trompeten untersetzten Perlen kommen die neuen Sachen einfach nicht ran. Euphorisierend allerdings auch 74/75, das live noch mehr rockt als aus der Konserve. Ohnehin werden sämtliche Lieder leicht abgewandelt gespielt, nichts klingt wie vom Band und es bleibt Platz für Improvisation und Spontaneität, kleine Patzer inklusive. Schade, daß das Frankfurter Publikum so zurückhaltend bleibt und nur bedingt mitswingt, aber die Hessen sind wahrscheinlich stille Genießer, denn zufriedene Gesichter sieht man hinterher reichlich. Auch die deutsche Folksängerin Caroline (Projekt Radio Caroline) ist hingerissen. Sie kannte Shearwater vorher nicht und ist innerhalb von einer guten Stunde zum Fan geworden.

Das lange Warten auf die Bands hat sich letztlich also mehr als gelohnt. Dann läuft wieder Beach House vom Band. Die sehen wir am 15. August an gleicher Stelle und darauf freue ich mich bereits sehr. Trotz der nervigen Dauerberieselung bin ich nämlich glühender Anhänger des Duos...

Setlist Shearwater, Am Bett, Frankfurt:

01: Black Eyes
02: Landscape At Spead
03: Castaways
04: White Waves
05: God Made Me
06: Corridors
07: Hidden Lakes
08: Home Life
09: Rooks
10: Century Eyes
11: I Was A Cloud
12: 74/75
13: Uniforms

14: Missing Islands
15: Snow Leopard

Shearwater:

Past shows:

05.08.2010: München, Ampere
06.08.2010: Das Bett, Frankfurt
07.08.2010: Beatpol, Dresden

Demnächst:

09.08.2010: Comet Club, Berlin
10.08.2010: Übel & Gefährlich, Hamburg


Shearwater, Frankfurt, 06.08.10


Konzert: Shearwater (Nils Frahm)

Ort: Das Bett, Frankfurt
Datum: 06.08.2010
Zuschauer: etwa 120
Konzertdauer: Nils Frahm 35 Minuten, Shearwater 60-70 Minuten


Als wir gegen Viertel vor neun vor dem Frankfurter Indieclub Das Bett aufkreuzen, stehen wir vor verschlossenen Türen. Ein kleiner weißer (nein nicht der mit den Klopapier-Ersatzrollen!) Zettel am runtergelassenen Rollladen liefert die Erklärung: Einlass heute um 21 Uhr. Zu früh gekommen! So etwas passiert mir in meinem heimischen Konzertjagdrevier in Paris nie. Aber ich bin nun einmal mit meinem für seine Pünktlichkeit bekannten Bloggerfreud Christoph unterwegs und da wird keine Minute verpasst. Von Verpassen kann aber ohnehin nicht die Rede sein, denn bevor es mit dem jungen Berliner Pianisten Nils Frahm losgeht, vergehen quälend lange 70 Minuten. Um 21 Uhr hatte der Clubchef pünktlich den Rollladen hochgelassen und danach war erst einmal Dauerbeschallung durch die aktuelle Beach House CD Teen Love angesagt. Als die Scheibe zum dritten Mal durchläuft, würde ich am liebsten Amok laufen, denn der eiernde Orgelsound hängt mir bis zum geht nicht mehr zum Halse raus. Irgendwann ist die Qual zu Ende und Nils Frahm setzt sich hinter sein vor der Bühne aufgebautes Piano. Sein Spiel ist anmutig, traumversunken, hochmelancholisch. Es ist ein Genuss ihm zuzuhören. Das hinter und vor ihm stehende Publikum dankt es ihm durch vorbildliche Stille und applaudiert auch angemessen lang. Frahm selbst spricht scheinbar überrascht vom längsten Applaus, den er auf der Tour mit Shearwater bekommen hat. Seine Bescheidenheit macht ihn sympathisch, aber er muss sich wirklich nicht verstecken, denn er hat jede Menge Talent und sein rein instrumentales Set , das aus Stücken (insgesamt vier) von Wintermusik und Bells besteht, passt atmosphärisch auch gut zum Headliner des heutigen Abends.

Shearwater bequemen sich schließlich erst nach 23 Uhr auf die Bühne. Fünf amerikanische Musiker mit dem hochaufgeschossenen Sänger, Gitarristen und Pianisten Jonathan Meiburg an der Spitze und der schönbeinigen Bassistin Kimberley Burke als optisches Highlight. Natürlich hat sie mehr zu bieten als nur tadellose Beine und ein entzückendes Lächeln. Ihr graziles Baßspiel (mal gezupft, mal gestrichen) ist hochfein und ich kann meine Augen nicht von ihr lassen. Ihr friedlicher, verträumter Blick hätte allein schon das Kommen gerechtfertigt (am Ende habe ich ungefähr 400 Fotos von ihr, ...ähem, ja). Klarer Chef von Shearwater ist aber Jonathan, der wie immer mit seiner von zarten Anmut zur heroischen Stürmigkeit wechselnden Stimme begeistert. Sein anrührender Falsettgesang ist schlicht und einfach sensationell! Auch seine Mimik zu beobachten lohnt sich. Wenn er in den rockigen Passagen alle Zügel losläßt (der Kerl kommt aus dem Pferdeland Texas!) und den Mund wie ein angriffslustiger Löwe aufreißt, bleibt kein Auge trocken. Auch die anderen drei Musiker agieren effizient und hochklassig, fallen aber abgesehen von dem lustig frisierten Drummer mit dem Mickey Mouse T-Shirt nicht sonderlich auf. Letztgenannter hat gegen Ende seinen großen Auftritt, als er am vorderen rechten Bühnenrand zusammen mit Kimberley um die Wette klöppelt und dem Glockenspiel wahre Wohlklänge entlockt. Witziger als diese Szene ist aber eine Passage, in der er auf der Bühne nicht gebraucht wird, sich in aller Seelenruhe eine Flasche Bier holt und sich seitlich neben Kimberley kauert, um ihr Bein zu tätscheln. Ob der langmähnige Muskelprotz wirklich mit der Beauty zusammen ist? Eifersucht! Aber musikalisch ist er ja wirklich unumstritten toll, denn er spielt nicht nur formidabel Schlagzeug, sondern auch Klarinette.

Hinsichtlich des Songmaterials steht eindeutig das aktuelle Werk The Golden Archipelago im Vordergrund. Für mich nicht unproblematisch, weil ich von dem Vorgänger Rook so dermaßen bgeistert war, daß ich mich bis zum heutigen Konzert nicht getraut hatte, das neue Opus zu hören. Meine Bedenken werden aber ziemlich schnell zerstreut, denn schon der Opener Black Eyes ist betörend schön und auch Castaways lässt mich mit der Zunge schnalzen. Absolute Highlights bleiben aber Rooks und Century Eyes im Doppelpack, an diese mit jubilierenden Trompeten untersetzten Perlen kommen die neuen Sachen einfach nicht ran. Euphorisierend allerdings auch 74/75, das live noch mehr rockt als aus der Konserve. Ohnehin werden sämtliche Lieder leicht abgewandelt gespielt, nichts klingt wie vom Band und es bleibt Platz für Improvisation und Spontaneität, kleine Patzer inklusive. Schade, daß das Frankfurter Publikum so zurückhaltend bleibt und nur bedingt mitswingt, aber die Hessen sind wahrscheinlich stille Genießer, denn zufriedene Gesichter sieht man hinterher reichlich. Auch die deutsche Folksängerin Caroline (Projekt Radio Caroline) ist hingerissen. Sie kannte Shearwater vorher nicht und ist innerhalb von einer guten Stunde zum Fan geworden.

Das lange Warten auf die Bands hat sich letztlich also mehr als gelohnt. Dann läuft wieder Beach House vom Band. Die sehen wir am 15. August an gleicher Stelle und darauf freue ich mich bereits sehr. Trotz der nervigen Dauerberieselung bin ich nämlich glühender Anhänger des Duos...

Setlist Shearwater, Am Bett, Frankfurt:

01: Black Eyes
02: Landscape At Spead
03: Castaways
04: White Waves
05: God Made Me
06: Corridors
07: Hidden Lakes
08: Home Life
09: Rooks
10: Century Eyes
11: I Was A Cloud
12: 74/75
13: Uniforms

14: Missing Islands
15: Snow Leopard

Shearwater:

Past shows:

05.08.2010: München, Ampere
06.08.2010: Das Bett, Frankfurt
07.08.2010: Beatpol, Dresden

Demnächst:

09.08.2010: Comet Club, Berlin
10.08.2010: Übel & Gefährlich, Hamburg


The Indelicates, Frankfurt, 05.08.10



Konzert: The Indelicates
Ort: Das Bett, Frankfurt
Datum: 04.08.2010
Zuschauer: ca 60
Dauer: 80 min


Auf Konzerte der Indelicates habe ich immer Lust. Obwohl die nächste richtige Tour Ende des Jahres kommt, und ich auch erst dann damit gerechnet hatte, sie wiederzusehen, kündigten sie vor ein paar Wochen noch ein paar Termine in Deutschland zwischendurch an. Glücklicherweise kam auch irgendwann Frankfurt dazu und verwarf damit alle irren Pläne, zur Not nach Osnabrück zu fahren.

Im Bett in Frankfurt hatte die Band um Julia und Simon Indelicate schon einmal gespielt, allerdings im alten in Sachsenhausen. Der tolle kleine Club war früher in einer Fußgängerzone voller Äppelwoi-Kneipen und hatte sich wegen seines ausgezeichneten Programms schnell zu einem Liebling gemacht. Vor ein, zwei Jahren
zog das Bett dann um und befindet sich jetzt in einem gemischten Wohn- und Gewerbegebiet am Stadtrand.

Als wir ankamen, fiel mir zuerst der riesige, englisch
beschriftete Bus auf der anderen Straßenseite auf. Ziemlich groß für eine kurze Tour.*

Drinnen war bereits alles aufgebaut. Das Bett sieht aus, als sei das Gebäude früher als Werkstatt oder Lackiererei genutzt worden. Die Beleuchtung macht aus dem weißen Saal etwas sehr Kühles, Stylishes. Dazu passte die elektronische Musik vom Band - Ladytron oder New Young Pony Club - perfekt. Der Bühnenaufbau schien sich dem angepasst zu haben, das Setup der Indelicates war deutlich elektronischer als sonst, es herrschte nämlich Keyboard/Gitarren-Parität. Das lag allerdings nicht an neuen Keyboards sondern an der einen, einsamen Gitarre, die da stand. Auch war kein Schlagzeug da, es würde also abgespeckt gespielt werden.

Um neun guckte Julia zum ersten Mal aus dem Backstageeingang. Fünf Minuten vorher wäre der Blick noch besonders ernüchternd gewesen, da waren kaum Leute im Saal. Dann füllte es sich etwas besser, sodaß es wenigstens einigermaßen voll
aussah. Daß die Tatsache, daß die Indelicates in einer Stadt wie Frankfurt selbst an einem Mittwoch nicht mehr Leute anlocken, eine himmelschreiende Ungerechtigkeit ist, muß ich nicht mehr betonen...

J
ulia und Simon kamen ein paar Minuten später nach draußen. Es waren wirklich nur die beiden Indelicate-Köpfe, die heute auftraten. "Our band is dead!" erklärte der Sänger. "Nein, sind sie natürlich nicht, wir spielen aber heute Lieder, die die nicht kennen, daher sind wir alleine. Aber wenn ihr genug daran denkt, kommt vielleicht nachher noch ein Trompetenelf!" Na dann.

Das Programm begann mit Europe und America, Stücken vom zweiten und ersten Album. Songs for swinging lovers war vor einigen Wochen bei einem innovativen Netlabel erschienen; eine Vermarktungsidee, der sich immer mehr Bands anschließen (großartig ist das Beispiel von I like trains, die sich das Geld fürs Mastern ihrer Platte und die anschließende Tour bei (künftigen) Käufern innerhalb eines Tages besorgt haben und dabei lustige Sachen wie Skype Konzerte, Scrabble-Partien oder Gitarrenstunden verkauft haben).

Danach gab es Neues, The Alamo vom im Herbst erscheinenden Konzeptalbum David Koresh Superstar über den ausgeschiedenen Vorsitzenden der Davidianer-Sekte, der in Waco sein Alamo erlebte. Das Lied gefiel mir gut, auch wenn es schwer war, das richtig einzuschätzen, weil die Instrumentierung so vollkommen anders klang als mit drei Gitarren, Bass, Schlagzeug und Klavier.

Beim nächsten Stück (Be afraid of your parents), das Simon wieder deutsch/englisch sang - wunderbar! - gab es erste hörbare Gitarrenprobleme. Die Gitarre oder eine Saite, keine Ahnung, ich bin blutiger Laie, klang enorm schief. Unglaublich schief!
"With the whole band you would never have noticed!" Er drehte und drehte, und es klang weiter nach Pekingoper. Julia langweilte sich und spielte "Tuning music", sensationell gut improvisierte Fahrstuhlmusik, zu der sie mit sehr lustigem Gesichtsausdruck mitwippte. Wenn sie das als CD aufnimmt, kaufe ich die blind.

Die leiernde Gitarre zog sich danach wie ein roter Faden durch das Konzert. Es klang teilweise schrecklich, was Simons Instrument abgab. Bei anderen Bands wäre das eine Katastrophe gewesen, hier machte es wenig aus. Vielmehr boten die schiefen Töne Gelegenheit für viele Späße der beiden.

Pannen gab es eh reichlich. Simon verpasst häufiger Einsätze, auch heute. Dann gibt es strafende Blicke von Julia und viele Lacher der beiden. Phänomenal auch eine Szene bei If Jeff Buckley had lived. Da sang Julia am Ende irgendetwas. Daran konnte ich mich gar nicht erinnern, ich habe das Lied aber auch lange nicht mehr gehört. Simon guckte sie hinterher fragend an. Auch die Keyboarderin war überrascht: "Huch, ich habe ja gesungen!" - "Ja. Das war das erste Mal, daß Julia bei diesem Lied gesungen hat! Und es war das letzte Mal!"

Bei Roses von der aktuellen zweiten Platte (Simon: "Second album - new ideas: Not so much!" - natürlich ausgemachter Blödsinn!), begann Julia mit Klavier, brach aber schnell ab. "How to play this one? I don't know!" Das sind solche Details, die ich an Konzerten liebe, kleine Pannen, die in großem Spaß enden. Beim anschließenden
Sympathy for the devil bediente Simon den Schellenkranz, der auf dem Boden lag, indem er im Rhythmus darauf trat. Das klappte und klang toll, bis er sich das Ding auf einmal aus Versehen über den Fuß zog und plötzlich ein klingelndes Fußkettchen anhatte - meine Lieblingszene!

Vom Koresh-Album ("wir machen jetzt immer zwei Platten pro Jahr") spielten Julia
& Simon noch ein zweites Stück. Ich glaube, es heißt I am Koresh. Auch das hat mich neugierig auf DK Superstar gemacht.

Für die letzten beiden Lieder vor den Zugaben, wobei das das falsche Wort ist, kam der imaginäre Trompeter auf die Bühne, der durchaus echt war (und Bastian Eppler
heißt und, wie es der Nachname verrät, aus Frankfurt stammt, auch wenn das ein schlechter Wortwitz ist). Bastian spielte bei Flesh und Jerusalem. Bei letzten schien auch er kräftig improvisieren zu müssen, denn nach und nach wurden Bastians Anteile innerhalb des Stücks größer, weil Simon mal wieder die Gitarre stimmte. Aber auch diese Improvisation klappte prima und war enorm sympathisch.

"Wir können jetzt von der Bühne gehen, und ihr klatscht und holt uns zurück. Oder wir bleiben hier und spielen weiter! Wollt ihr, daß wir gehen? Ok!" Sie verschwanden kurz und kamen nach zehn Sekunden wieder, um Wünsche für die Zugaben anzunehmen. Heroin und Fun is for the feeble minded (eines der tollsten Lieder der Band!) wurden gewünscht, schieden aber wegen der "Gitarrensituation" aus.

Our daughters will never be free (Simon: "dieses Feministen-Lied") und We hate the kids mit der Zeile "absolutely anyone can play this fucking guitar" wurden es dann. Aber die beiden Musiker mussten noch einmal zurückkommen und spielten dann Waiting for Pete Doherty to die. Das heißt, sie versuchten es. Denn Simon vergaß plötzlich den Text. Das Pärchen in meiner Nähe, das alles komplett mitgesungen hat, hätte sicher helfen können, der Sänger klärte die Situation aber souverän. "Damals musste man damit rechnen, daß er stirbt. Heute hat sich das Lied doch erledigt, er wird vermutlich niemals sterben!" Und er stimmte wieder eine vorher schon gesungene Strophe an, textete um und brachte das Stück mit "at least someone should die" zu Ende.

Wieder einmal ein unglaublich unterhaltsames Konzert dieser fabelhaften Band! Langweilig waren sie noch nie, so komisch (also gut-komisch) waren sie aber auch noch nie. Ich hoffe, daß sich Simon an das zwei-Alben-pro-Jahr Versprechen hält und auch jedesmal eine Tour stattfindet, wo soll ich sonst Stoff für die besten Konzertmomente des Jahres herbekommen?


Setlist The Indelicates, Das Bett, Frankfurt:

01: Europe
02: America
03: The Alamo (neu)
04: Stars
05: Be afraid of your parents
[Tuning music]
06: We love you, Tania
07: Unity Mitford
08: If Jeff Buckley had lived
09: New art for the people
10: I am Koresh (neu)
11: Roses
12: Sympathy for the devil
13: Savages
14: Flesh
15: Jerusalem

16: We hate the kids (Z)
17: Our daughters will never be free (Z)

18: Waiting for Pete Doherty (and others) to die (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- The Indelicates, Köln, 09.06.10
- The Indelicates, Heidelberg, 14.08.08
- The Indelicates, Frankfurt, 12.08.08
- The Indelicates, Münster, 30.04.08
- The Indelicates, Köln, 24.04.08
- The Indelicates, Köln, 04.10.07
- The Indelicates, Frankfurt, 30.09.07

- unser Interview mit den Indelicates

- mehr Fotos von den Indelicates in Frankfurt hier (klick!).



* natürlich waren die Indelicates nicht mit dem riesigen Tourbus unterwegs, der stand nur zufällig auf der anderen Straßenseite





The Indelicates, Frankfurt, 05.08.10



Konzert: The Indelicates
Ort: Das Bett, Frankfurt
Datum: 04.08.2010
Zuschauer: ca 60
Dauer: 80 min


Auf Konzerte der Indelicates habe ich immer Lust. Obwohl die nächste richtige Tour Ende des Jahres kommt, und ich auch erst dann damit gerechnet hatte, sie wiederzusehen, kündigten sie vor ein paar Wochen noch ein paar Termine in Deutschland zwischendurch an. Glücklicherweise kam auch irgendwann Frankfurt dazu und verwarf damit alle irren Pläne, zur Not nach Osnabrück zu fahren.

Im Bett in Frankfurt hatte die Band um Julia und Simon Indelicate schon einmal gespielt, allerdings im alten in Sachsenhausen. Der tolle kleine Club war früher in einer Fußgängerzone voller Äppelwoi-Kneipen und hatte sich wegen seines ausgezeichneten Programms schnell zu einem Liebling gemacht. Vor ein, zwei Jahren
zog das Bett dann um und befindet sich jetzt in einem gemischten Wohn- und Gewerbegebiet am Stadtrand.

Als wir ankamen, fiel mir zuerst der riesige, englisch
beschriftete Bus auf der anderen Straßenseite auf. Ziemlich groß für eine kurze Tour.*

Drinnen war bereits alles aufgebaut. Das Bett sieht aus, als sei das Gebäude früher als Werkstatt oder Lackiererei genutzt worden. Die Beleuchtung macht aus dem weißen Saal etwas sehr Kühles, Stylishes. Dazu passte die elektronische Musik vom Band - Ladytron oder New Young Pony Club - perfekt. Der Bühnenaufbau schien sich dem angepasst zu haben, das Setup der Indelicates war deutlich elektronischer als sonst, es herrschte nämlich Keyboard/Gitarren-Parität. Das lag allerdings nicht an neuen Keyboards sondern an der einen, einsamen Gitarre, die da stand. Auch war kein Schlagzeug da, es würde also abgespeckt gespielt werden.

Um neun guckte Julia zum ersten Mal aus dem Backstageeingang. Fünf Minuten vorher wäre der Blick noch besonders ernüchternd gewesen, da waren kaum Leute im Saal. Dann füllte es sich etwas besser, sodaß es wenigstens einigermaßen voll
aussah. Daß die Tatsache, daß die Indelicates in einer Stadt wie Frankfurt selbst an einem Mittwoch nicht mehr Leute anlocken, eine himmelschreiende Ungerechtigkeit ist, muß ich nicht mehr betonen...

J
ulia und Simon kamen ein paar Minuten später nach draußen. Es waren wirklich nur die beiden Indelicate-Köpfe, die heute auftraten. "Our band is dead!" erklärte der Sänger. "Nein, sind sie natürlich nicht, wir spielen aber heute Lieder, die die nicht kennen, daher sind wir alleine. Aber wenn ihr genug daran denkt, kommt vielleicht nachher noch ein Trompetenelf!" Na dann.

Das Programm begann mit Europe und America, Stücken vom zweiten und ersten Album. Songs for swinging lovers war vor einigen Wochen bei einem innovativen Netlabel erschienen; eine Vermarktungsidee, der sich immer mehr Bands anschließen (großartig ist das Beispiel von I like trains, die sich das Geld fürs Mastern ihrer Platte und die anschließende Tour bei (künftigen) Käufern innerhalb eines Tages besorgt haben und dabei lustige Sachen wie Skype Konzerte, Scrabble-Partien oder Gitarrenstunden verkauft haben).

Danach gab es Neues, The Alamo vom im Herbst erscheinenden Konzeptalbum David Koresh Superstar über den ausgeschiedenen Vorsitzenden der Davidianer-Sekte, der in Waco sein Alamo erlebte. Das Lied gefiel mir gut, auch wenn es schwer war, das richtig einzuschätzen, weil die Instrumentierung so vollkommen anders klang als mit drei Gitarren, Bass, Schlagzeug und Klavier.

Beim nächsten Stück (Be afraid of your parents), das Simon wieder deutsch/englisch sang - wunderbar! - gab es erste hörbare Gitarrenprobleme. Die Gitarre oder eine Saite, keine Ahnung, ich bin blutiger Laie, klang enorm schief. Unglaublich schief!
"With the whole band you would never have noticed!" Er drehte und drehte, und es klang weiter nach Pekingoper. Julia langweilte sich und spielte "Tuning music", sensationell gut improvisierte Fahrstuhlmusik, zu der sie mit sehr lustigem Gesichtsausdruck mitwippte. Wenn sie das als CD aufnimmt, kaufe ich die blind.

Die leiernde Gitarre zog sich danach wie ein roter Faden durch das Konzert. Es klang teilweise schrecklich, was Simons Instrument abgab. Bei anderen Bands wäre das eine Katastrophe gewesen, hier machte es wenig aus. Vielmehr boten die schiefen Töne Gelegenheit für viele Späße der beiden.

Pannen gab es eh reichlich. Simon verpasst häufiger Einsätze, auch heute. Dann gibt es strafende Blicke von Julia und viele Lacher der beiden. Phänomenal auch eine Szene bei If Jeff Buckley had lived. Da sang Julia am Ende irgendetwas. Daran konnte ich mich gar nicht erinnern, ich habe das Lied aber auch lange nicht mehr gehört. Simon guckte sie hinterher fragend an. Auch die Keyboarderin war überrascht: "Huch, ich habe ja gesungen!" - "Ja. Das war das erste Mal, daß Julia bei diesem Lied gesungen hat! Und es war das letzte Mal!"

Bei Roses von der aktuellen zweiten Platte (Simon: "Second album - new ideas: Not so much!" - natürlich ausgemachter Blödsinn!), begann Julia mit Klavier, brach aber schnell ab. "How to play this one? I don't know!" Das sind solche Details, die ich an Konzerten liebe, kleine Pannen, die in großem Spaß enden. Beim anschließenden
Sympathy for the devil bediente Simon den Schellenkranz, der auf dem Boden lag, indem er im Rhythmus darauf trat. Das klappte und klang toll, bis er sich das Ding auf einmal aus Versehen über den Fuß zog und plötzlich ein klingelndes Fußkettchen anhatte - meine Lieblingszene!

Vom Koresh-Album ("wir machen jetzt immer zwei Platten pro Jahr") spielten Julia
& Simon noch ein zweites Stück. Ich glaube, es heißt I am Koresh. Auch das hat mich neugierig auf DK Superstar gemacht.

Für die letzten beiden Lieder vor den Zugaben, wobei das das falsche Wort ist, kam der imaginäre Trompeter auf die Bühne, der durchaus echt war (und Bastian Eppler
heißt und, wie es der Nachname verrät, aus Frankfurt stammt, auch wenn das ein schlechter Wortwitz ist). Bastian spielte bei Flesh und Jerusalem. Bei letzten schien auch er kräftig improvisieren zu müssen, denn nach und nach wurden Bastians Anteile innerhalb des Stücks größer, weil Simon mal wieder die Gitarre stimmte. Aber auch diese Improvisation klappte prima und war enorm sympathisch.

"Wir können jetzt von der Bühne gehen, und ihr klatscht und holt uns zurück. Oder wir bleiben hier und spielen weiter! Wollt ihr, daß wir gehen? Ok!" Sie verschwanden kurz und kamen nach zehn Sekunden wieder, um Wünsche für die Zugaben anzunehmen. Heroin und Fun is for the feeble minded (eines der tollsten Lieder der Band!) wurden gewünscht, schieden aber wegen der "Gitarrensituation" aus.

Our daughters will never be free (Simon: "dieses Feministen-Lied") und We hate the kids mit der Zeile "absolutely anyone can play this fucking guitar" wurden es dann. Aber die beiden Musiker mussten noch einmal zurückkommen und spielten dann Waiting for Pete Doherty to die. Das heißt, sie versuchten es. Denn Simon vergaß plötzlich den Text. Das Pärchen in meiner Nähe, das alles komplett mitgesungen hat, hätte sicher helfen können, der Sänger klärte die Situation aber souverän. "Damals musste man damit rechnen, daß er stirbt. Heute hat sich das Lied doch erledigt, er wird vermutlich niemals sterben!" Und er stimmte wieder eine vorher schon gesungene Strophe an, textete um und brachte das Stück mit "at least someone should die" zu Ende.

Wieder einmal ein unglaublich unterhaltsames Konzert dieser fabelhaften Band! Langweilig waren sie noch nie, so komisch (also gut-komisch) waren sie aber auch noch nie. Ich hoffe, daß sich Simon an das zwei-Alben-pro-Jahr Versprechen hält und auch jedesmal eine Tour stattfindet, wo soll ich sonst Stoff für die besten Konzertmomente des Jahres herbekommen?


Setlist The Indelicates, Das Bett, Frankfurt:

01: Europe
02: America
03: The Alamo (neu)
04: Stars
05: Be afraid of your parents
[Tuning music]
06: We love you, Tania
07: Unity Mitford
08: If Jeff Buckley had lived
09: New art for the people
10: I am Koresh (neu)
11: Roses
12: Sympathy for the devil
13: Savages
14: Flesh
15: Jerusalem

16: We hate the kids (Z)
17: Our daughters will never be free (Z)

18: Waiting for Pete Doherty (and others) to die (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- The Indelicates, Köln, 09.06.10
- The Indelicates, Heidelberg, 14.08.08
- The Indelicates, Frankfurt, 12.08.08
- The Indelicates, Münster, 30.04.08
- The Indelicates, Köln, 24.04.08
- The Indelicates, Köln, 04.10.07
- The Indelicates, Frankfurt, 30.09.07

- unser Interview mit den Indelicates

- mehr Fotos von den Indelicates in Frankfurt hier (klick!).



* natürlich waren die Indelicates nicht mit dem riesigen Tourbus unterwegs, der stand nur zufällig auf der anderen Straßenseite