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Get Well Soon & Menomena, Wien, 23.11.10

Konzert: Get Well Soon & Menomena
Ort: Arena, Wien
Datum: 23.11.2010
Zuschauer: gut gefüllt, wahrscheinlich nicht ganz ausverkauft
Dauer: Get Well Soon 90 Minuten


Eieiei - Konzertbericht schreiben und dann nicht auf veröffentlichen klicken, das geht mal gar nicht. Sorry dafür - aber umso schöner sind die Fotos von Elisabeth. Danke!

"Get Well Soon!" sagt ein Vogel zu einem Artgenossen mit Schal um den Hals auf der Tasche, die ich vorhin gerade erstanden habe. Würde man mir das gleiche in diesem Moment wünschen, könnte ich dankend auf mein derzeitiges Wohlbefinden verweisen. Und daran sind Get Well Soon alles andere als unschuldig!

Begonnen hatte der Abend aber nicht so toll. Schweinekalt war es und dank eines verlängerten Uni-Tages kam ich auch erst sehr spät in die Arena, wo ja Menomena als Support auf der Bühne stehen sollten. Taten sie auch, leider schon etwas zu lange, sodass mit Wet And Rusting, einem der fast-schon-Hits der Band, bereits das Finale eingeläutet war. In den Genuss zweier mickriger Songs (ja ich weiß eh, selber schuld - kein Mitleid) kam ich noch, alle sehr dicht atmosphärisch und auf der anderen Seite wieder quicklebendig vorgetragen, bevor die Portlander das Feld räumten.

Man könne sich gar nicht festlegen, welche Band besser sei, hatte ich im Vorfeld des Konzerts mehrmals von Freunden und Bekannten gehört, es sei zwar ein Ding der Unmöglichkeit, aber dieser Abend hätte zwei einfach Headliner verdient.

Und diese Dichte an Qualität hat einen Namen und der fiel in den letzten Tagen doch recht häufig. Es ist dies Cityslang. Ein Label, das man durch die Bank ins Herz geschlossen hat, das für ganze Bandkollektive Heimat geworden ist und dem man, als einem der wenigen richtigen Indies, guten Gewissens attestieren kann, dass hier noch hin und wieder das Herz über den Verstand siegt. Ökonomischen Imperativen wird hier auf draufgängerische Art und Weise eine lange Nase gedreht, mit so tollen Bands in der Hinterhand wie Notwist, Stars, Sophia, Arcade Fire, Health...kann man sich das auch leisten!
Nun gut, ich will mal nicht romantisch werden, das wurde es bei Get Well Soon eh noch, kurz und bündig, pressemeldungsfähig und -reproduzierbar festgehalten: Das deutsche Indie-Label Cityslang feierte dieser Tage seinen 20. Geburtstag.
In Berlin gabs aus diesem Anlass eine große Sause mit fantastischem Lineup, quasi einem Best Of des Labels, in Wien gabs eine kleinere Ausgabe der Cityslang-Schau.

Etwa eine halbe Stunde Umbau, begleitet von schrecklichem Metal-Gegrunze aus den Boxen, folgte nach Menomena, dann wurde es finster und Nausea wurde eingespielt. Es blieb finster und Get Well Soon kamen auf die Bühne, was aber die wenigsten bemerkten, der Begrüßungsapplaus also recht spärlich ausfiel. Erst als es zeitgleich hell wurde und We Are Safe Inside While They Burn Our House angestimmt wurde bekamen die Deutschen den Einstand, den sie verdienen.

Eine hübsche Sache, mit einem alten Song zu beginnen, die nächsten Songs entstammten dann aber dem jüngeren Album.
Die Singles Seneca's Silence, We Are Free und 5 Steps/7 Swords hatten schon im Jänner beim FM4-Geburtstagsfest am Open-Air-Gelände der Arena überzeugt, als der bei zweistelligen Minusgraden gefrierende Atem Groppers sich perfekt an die kühle Eleganz von Vexations geschmiegt hatte.

Nach 5 Steps/7 Swords, das vor ziemlich genau einem Jahr noch der erste Vorbote auf das Album gewesen war, entledigte sich Konstantin seines Sakkos (und damit auch ein wenig der liebenswerten Streber-Attitüde), freute sich, dass es "gefühlte 45°C mehr als im Janu...äh Jänner" habe und fragte, ob sich die Friererei wenigstens ausgezahlt hätte. Das wurde entschieden bejaht, auch wenn sich wohl die meisten Anwesenden so wie ich erbärmlichst ihre Zehen erforen hatten.
Über die angenehme Wärme in der Halle war man aber dennoch sehr froh. Auch Konstantin ("Wien hält jedesmal andere Klimazonen für uns bereit"), der sich für die vielen Besucher dieses "ersten richtigen Konzerts der Tour" (stimmt nicht ganz, aber ehrt uns natürlich) bedankte, er wisse vor Tourbeginn nie so genau, ob wieder Leute kommen würden oder ob diesmal der große Einbruch folge.

Dieser Einbruch dürfte noch länger auf sich warten lassen, jedenfalls solange Get Well Soon weiter so tolle Konzerte abliefern. Wunderbare Gänsehaut-Momente in denen man fast nicht zu atmen wagte wechselten mit wuchtigen Klanglandschaften, wo es einem niemand übel nahm, wenn man versehentlich auf einen der herumliegenden Plastikbecher (Hallo Arena - Öko, Mehrweg, Müllvermeidung - anyone?) trat. Akustische Gitarre und Breitwand-Instrumentarium, Flüstergesang und die Halle erfüllende Vollbrustkehlen - ein Konzert wie Winter und Frühling in einem. Alleine wie andächtig und mit gesenkten Köpfen die übrigen Bandmitglieder Konstantin bei Soli lauschten... toll!

Nach That Love kam Konstantin dann auf den eigentlichen Anlass der Tour zu sprechen - die kürzlich veröffentlichte Live-Aufnahme aus dem Dortmunder Konzerthaus, wo damals übrigens auch Kollege Christoph sehr angetan war.
"Wir machen ja jeden Blödsinn mit...", begann Konstantin, was ich so eigentlich nicht bestätigen kann, Get Well Soon sind in meinen Augen eine der besonnensten, unaufgeregtesten und geradlinigsten Bands made in Germany, und verkündete, dass jeder Besucher beim Merch-Stand eine 3D-Brille abholen dürfe, mit der man den Auftritt im Internet nacherleben könne (bereits erfolgreich getestet - eine sehr nette Spielerei!). Der Applaus war ein wenig verhalten, vermutlich wussten die meisten auch gar nicht, von was da die Rede war, was Konstantin auf den mangelnden Einsatz von Pyrotechnik bei der Präsentation zurückführte und damit Gelächter erntete: "Avatar war gestern!"

Als dann auch noch Maxis Vater gedankt wurde, der den Banner im Hintergrund gemalt hatte ("ein echter Künstler") und Konstantin erzählte, dass er heute schon auf dem Adventmarkt am Karlsplatz gewesen sei, war endgültig jegliche Distanz zwischen Band und Publikum verschwunden. Jemand rief dann laut nach Punsch, dürfte damit aber nicht ganz Konstantins Geschmack getroffen haben ("Äh ja, kann man machen").

Egal, man einigte sich auf ein Weihnachtslied, eines der besseren aus diesem kitschanfälligen Sektor, die je geschrieben wurden, nämlich
Listen! Those At Sea Sing A Song On Christmas Day und schritt so gemeinsam Richtung Ende, welches mit Angry Young Man den mit Abstand meisten Applaus erntete.

Doch auch die Zugabe war nicht von schlechten Eltern, altes Material wurde aus der Schatztruhe gefischt, persönliches Highlight war da Tick Tack! Goes My Automatic Heart, einfach ein toller Song. Tolle Band sowieso.

"This life ain't got no future" hieß es schlussendlich noch in
If This Hat Is Missing I've Gone Hunting. Auf ein Leben ohne solche Konzerte wie heute dürfte das wohl zutreffen. Aber so...


Routine und perfektes Handwerk waren selten so ergreifend schön, Nüchternheit selten so begeisternd. Ich will nur hoffen, dass die Aussage Groppers, man werde jetzt längere Zeit nicht mehr die Gelegenheit haben, Get Well Soon zu sehen, des Wahrheitsgehalts entbehrt.
Get Well Soon - please get back soon!


Setlist Get Well Soon, Wien:

01: Nausea
02: We Are Safe Inside While They Burn Our House
03: Seneca's Silence
04: We Are Free
05: 5 Steps/7 Swords
06: A Voice In The Louvre
07: Werner Herzog Gets Shot
08: Lost In The Mountains (Of The Heart)
09: A Burial At Sea
10: That Love
11: Listen! Those At Sea Sing A Song On Christmas Day
12: Angry Young Man

13: I Sold My Hands For Food So Please Feed Me (Z)
14: Tick Tack! Goes My Automatic Heart
(Z)
15: If This Hat Is Missing I've Gone Hunting (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Get Well Soon, Rüsselsheim, 09.07.10
- Get Well Soon, Dortmund, 05.05.10
- Get Well Soon, Paris, 16.03.10
- Get Well Soon, Heerlen, 07.03.10
- Get Well Soon, Frankfurt, 02.03.10
- Get Well Soon, Paris, 26.01.10
- Get Well Soon, Wiesbaden, 22.08.09
- Get Well Soon, Bonn, 04.07.09
- Get Well Soon, Paris, 06.05.09
- Get Well Soon, Nijmegen, 25.04.09
- Get Well Soon, Paris, 14.10.08
- Get Well Soon, Wiesbaden, 30.08.08
- Get Well Soon, Melt!, 20.07.08
- Get Well Soon, Evreux, 28.06.08
- Get Well Soon, Frankfurt, 15.04.08
- Get Well Soon, Köln, 09.04.08
- Get Well Soon, Berlin, 21.09.07
- Get Well Soon, Haldern, 02.08.07

Danke für die wunderschönen Fotos an Elisabeth Voglsam! Hier gibts noch mehr Fotos.

Get Well Soon & Menomena, Wien, 23.11.10

Konzert: Get Well Soon & Menomena
Ort: Arena, Wien
Datum: 23.11.2010
Zuschauer: gut gefüllt, wahrscheinlich nicht ganz ausverkauft
Dauer: Get Well Soon 90 Minuten


Eieiei - Konzertbericht schreiben und dann nicht auf veröffentlichen klicken, das geht mal gar nicht. Sorry dafür - aber umso schöner sind die Fotos von Elisabeth. Danke!

"Get Well Soon!" sagt ein Vogel zu einem Artgenossen mit Schal um den Hals auf der Tasche, die ich vorhin gerade erstanden habe. Würde man mir das gleiche in diesem Moment wünschen, könnte ich dankend auf mein derzeitiges Wohlbefinden verweisen. Und daran sind Get Well Soon alles andere als unschuldig!

Begonnen hatte der Abend aber nicht so toll. Schweinekalt war es und dank eines verlängerten Uni-Tages kam ich auch erst sehr spät in die Arena, wo ja Menomena als Support auf der Bühne stehen sollten. Taten sie auch, leider schon etwas zu lange, sodass mit Wet And Rusting, einem der fast-schon-Hits der Band, bereits das Finale eingeläutet war. In den Genuss zweier mickriger Songs (ja ich weiß eh, selber schuld - kein Mitleid) kam ich noch, alle sehr dicht atmosphärisch und auf der anderen Seite wieder quicklebendig vorgetragen, bevor die Portlander das Feld räumten.

Man könne sich gar nicht festlegen, welche Band besser sei, hatte ich im Vorfeld des Konzerts mehrmals von Freunden und Bekannten gehört, es sei zwar ein Ding der Unmöglichkeit, aber dieser Abend hätte zwei einfach Headliner verdient.

Und diese Dichte an Qualität hat einen Namen und der fiel in den letzten Tagen doch recht häufig. Es ist dies Cityslang. Ein Label, das man durch die Bank ins Herz geschlossen hat, das für ganze Bandkollektive Heimat geworden ist und dem man, als einem der wenigen richtigen Indies, guten Gewissens attestieren kann, dass hier noch hin und wieder das Herz über den Verstand siegt. Ökonomischen Imperativen wird hier auf draufgängerische Art und Weise eine lange Nase gedreht, mit so tollen Bands in der Hinterhand wie Notwist, Stars, Sophia, Arcade Fire, Health...kann man sich das auch leisten!
Nun gut, ich will mal nicht romantisch werden, das wurde es bei Get Well Soon eh noch, kurz und bündig, pressemeldungsfähig und -reproduzierbar festgehalten: Das deutsche Indie-Label Cityslang feierte dieser Tage seinen 20. Geburtstag.
In Berlin gabs aus diesem Anlass eine große Sause mit fantastischem Lineup, quasi einem Best Of des Labels, in Wien gabs eine kleinere Ausgabe der Cityslang-Schau.

Etwa eine halbe Stunde Umbau, begleitet von schrecklichem Metal-Gegrunze aus den Boxen, folgte nach Menomena, dann wurde es finster und Nausea wurde eingespielt. Es blieb finster und Get Well Soon kamen auf die Bühne, was aber die wenigsten bemerkten, der Begrüßungsapplaus also recht spärlich ausfiel. Erst als es zeitgleich hell wurde und We Are Safe Inside While They Burn Our House angestimmt wurde bekamen die Deutschen den Einstand, den sie verdienen.

Eine hübsche Sache, mit einem alten Song zu beginnen, die nächsten Songs entstammten dann aber dem jüngeren Album.
Die Singles Seneca's Silence, We Are Free und 5 Steps/7 Swords hatten schon im Jänner beim FM4-Geburtstagsfest am Open-Air-Gelände der Arena überzeugt, als der bei zweistelligen Minusgraden gefrierende Atem Groppers sich perfekt an die kühle Eleganz von Vexations geschmiegt hatte.

Nach 5 Steps/7 Swords, das vor ziemlich genau einem Jahr noch der erste Vorbote auf das Album gewesen war, entledigte sich Konstantin seines Sakkos (und damit auch ein wenig der liebenswerten Streber-Attitüde), freute sich, dass es "gefühlte 45°C mehr als im Janu...äh Jänner" habe und fragte, ob sich die Friererei wenigstens ausgezahlt hätte. Das wurde entschieden bejaht, auch wenn sich wohl die meisten Anwesenden so wie ich erbärmlichst ihre Zehen erforen hatten.
Über die angenehme Wärme in der Halle war man aber dennoch sehr froh. Auch Konstantin ("Wien hält jedesmal andere Klimazonen für uns bereit"), der sich für die vielen Besucher dieses "ersten richtigen Konzerts der Tour" (stimmt nicht ganz, aber ehrt uns natürlich) bedankte, er wisse vor Tourbeginn nie so genau, ob wieder Leute kommen würden oder ob diesmal der große Einbruch folge.

Dieser Einbruch dürfte noch länger auf sich warten lassen, jedenfalls solange Get Well Soon weiter so tolle Konzerte abliefern. Wunderbare Gänsehaut-Momente in denen man fast nicht zu atmen wagte wechselten mit wuchtigen Klanglandschaften, wo es einem niemand übel nahm, wenn man versehentlich auf einen der herumliegenden Plastikbecher (Hallo Arena - Öko, Mehrweg, Müllvermeidung - anyone?) trat. Akustische Gitarre und Breitwand-Instrumentarium, Flüstergesang und die Halle erfüllende Vollbrustkehlen - ein Konzert wie Winter und Frühling in einem. Alleine wie andächtig und mit gesenkten Köpfen die übrigen Bandmitglieder Konstantin bei Soli lauschten... toll!

Nach That Love kam Konstantin dann auf den eigentlichen Anlass der Tour zu sprechen - die kürzlich veröffentlichte Live-Aufnahme aus dem Dortmunder Konzerthaus, wo damals übrigens auch Kollege Christoph sehr angetan war.
"Wir machen ja jeden Blödsinn mit...", begann Konstantin, was ich so eigentlich nicht bestätigen kann, Get Well Soon sind in meinen Augen eine der besonnensten, unaufgeregtesten und geradlinigsten Bands made in Germany, und verkündete, dass jeder Besucher beim Merch-Stand eine 3D-Brille abholen dürfe, mit der man den Auftritt im Internet nacherleben könne (bereits erfolgreich getestet - eine sehr nette Spielerei!). Der Applaus war ein wenig verhalten, vermutlich wussten die meisten auch gar nicht, von was da die Rede war, was Konstantin auf den mangelnden Einsatz von Pyrotechnik bei der Präsentation zurückführte und damit Gelächter erntete: "Avatar war gestern!"

Als dann auch noch Maxis Vater gedankt wurde, der den Banner im Hintergrund gemalt hatte ("ein echter Künstler") und Konstantin erzählte, dass er heute schon auf dem Adventmarkt am Karlsplatz gewesen sei, war endgültig jegliche Distanz zwischen Band und Publikum verschwunden. Jemand rief dann laut nach Punsch, dürfte damit aber nicht ganz Konstantins Geschmack getroffen haben ("Äh ja, kann man machen").

Egal, man einigte sich auf ein Weihnachtslied, eines der besseren aus diesem kitschanfälligen Sektor, die je geschrieben wurden, nämlich
Listen! Those At Sea Sing A Song On Christmas Day und schritt so gemeinsam Richtung Ende, welches mit Angry Young Man den mit Abstand meisten Applaus erntete.

Doch auch die Zugabe war nicht von schlechten Eltern, altes Material wurde aus der Schatztruhe gefischt, persönliches Highlight war da Tick Tack! Goes My Automatic Heart, einfach ein toller Song. Tolle Band sowieso.

"This life ain't got no future" hieß es schlussendlich noch in
If This Hat Is Missing I've Gone Hunting. Auf ein Leben ohne solche Konzerte wie heute dürfte das wohl zutreffen. Aber so...


Routine und perfektes Handwerk waren selten so ergreifend schön, Nüchternheit selten so begeisternd. Ich will nur hoffen, dass die Aussage Groppers, man werde jetzt längere Zeit nicht mehr die Gelegenheit haben, Get Well Soon zu sehen, des Wahrheitsgehalts entbehrt.
Get Well Soon - please get back soon!


Setlist Get Well Soon, Wien:

01: Nausea
02: We Are Safe Inside While They Burn Our House
03: Seneca's Silence
04: We Are Free
05: 5 Steps/7 Swords
06: A Voice In The Louvre
07: Werner Herzog Gets Shot
08: Lost In The Mountains (Of The Heart)
09: A Burial At Sea
10: That Love
11: Listen! Those At Sea Sing A Song On Christmas Day
12: Angry Young Man

13: I Sold My Hands For Food So Please Feed Me (Z)
14: Tick Tack! Goes My Automatic Heart
(Z)
15: If This Hat Is Missing I've Gone Hunting (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Get Well Soon, Rüsselsheim, 09.07.10
- Get Well Soon, Dortmund, 05.05.10
- Get Well Soon, Paris, 16.03.10
- Get Well Soon, Heerlen, 07.03.10
- Get Well Soon, Frankfurt, 02.03.10
- Get Well Soon, Paris, 26.01.10
- Get Well Soon, Wiesbaden, 22.08.09
- Get Well Soon, Bonn, 04.07.09
- Get Well Soon, Paris, 06.05.09
- Get Well Soon, Nijmegen, 25.04.09
- Get Well Soon, Paris, 14.10.08
- Get Well Soon, Wiesbaden, 30.08.08
- Get Well Soon, Melt!, 20.07.08
- Get Well Soon, Evreux, 28.06.08
- Get Well Soon, Frankfurt, 15.04.08
- Get Well Soon, Köln, 09.04.08
- Get Well Soon, Berlin, 21.09.07
- Get Well Soon, Haldern, 02.08.07

Danke für die wunderschönen Fotos an Elisabeth Voglsam! Hier gibts noch mehr Fotos.

The National u.a., Wien, 18.08.10


Konzert: The National (+ Kissaway Trail, Fanfarlo, The Low Anthem)
Ort: Arena Open Air, Wien
Datum: 18.08.2010
Zuschauer: ausverkauft – ca. 3000
Konzertdauer: The National 100 Min., die anderen Bands jeweils etwa 30-40 Min.


von Julius aus Wien

Wochen, Monate hatte ich mich auf das Konzert von The National in der Arena gefreut. Ein tolles neues Album, die vorangegangenen, ebenfalls lieb gewonnenen Alben und gleich drei erstklassige Support-Bands – die Vorfreude kam nicht von irgendwo her. Einziger Wermutstropfen schien der Ort zu werden. Als solcher war nämlich die große Halle der Arena auserkoren, ein ebenso alter wie hässlicher Ziegelbau.

Als die Schlange gegen fünf Uhr – Beginn war für sechs angesetzt – allmählich länger wurde, hörte man auf einmal den Soundcheck von Kissaway Trail. Und zwar so laut, dass einfach nur das Open Air-Gelände in Frage kam. Der gerade aufkommende leichte Niesel-Regen tat meiner Freude darüber keinen Abbruch. Es besteht einfach kein Vergleich zwischen dem Ostblock-Charme (indoor) und dem gemütlichen Park-Flair (outdoor), wenn auch keine zehn Meter voneinander getrennt.

Kissaway Trail, die pünktlich um sechs begannen, mussten dafür mit den weniger angenehmen Seiten des Geländes kämpfen. Durch dessen Größe nämlich nahm sich das bereits anwesende Publikum verschwindend gering aus. Stimmung wollte auch nicht so recht aufkommen. Kissaway Trail dürften das kennen. Als sie vor zwei Jahren für Sigur Rós um etwa dieselbe Uhrzeit auf der selben Bühne eröffnen durften, waren ähnlich wenige Besucher da. Unverdrossen spielten sie ihr Set, hauptsächlich von Sleep Mountain-Songs bestritten, um dann plötzlich anzukündigen, dass sie einen ihrer absoluten Lieblinssong darbieten würden. Durch das charakteristische „uh-uh“ am Anfang war auch sofort klar, was hier gespielt wurde. Sofort stieg auch die Mitmach-Bereitschaft vor der Bühne. Interessant der Gesang von Thomas Fagerlund bei diesem Klassiker. Weiß er, wessen Song er hier covert? Vermutlich schon, das stimmliche Ergebnis war dann aber wesentlich näher bei Placebos Brian Molko als bei Black Francis. Und das Placebo-Cover ist ja auch in der Tat ein sehr gelungenes, wieso also nicht nachahmen?

Mit einem eigenen Song, SDP, und unter diesmal mehr als höflichem Beifall schlossen die Dänen ihren Auftritt ab. Mein zweites Konzert von ihnen, leider bis jetzt nur auf Support-Slots. Auf den großen Moment mit Kissaway Trail warte ich noch. Vielleicht stellt sich dieser nur bei annähernder Dunkelheit ein...

Mit den Londonern Fanfarlo habe ich da schon mehr Erfahrung. Das melodiös-fröhliche Folk-Indie-Zwischending, das von unzähligen Instrumenten und den dazugehörigen Spielern schwungvoll umgesetzt wird, harmonierte aber ebenfalls nicht wirklich mit den Rahmenbedingungen. Nett anzusehen, teilweise recht kurzweilig und gut aufgelegt schafften sie es aber nicht, bei der großen Besuchermasse wirklich bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Erwähnenswert vielleicht noch die Tatsache, dass Sängerin Cathy Lucas es sich nicht nehmen hat lassen, ihre lange Hose, die sie während des Auftritts von Kissaway Trail getragen hatte, gegen ultrakurze Shorts zu tauschen. Was sie damit bezwecken wollte weiß ich nicht :)

Das Konzept, einen ganzen Haufen Vorbands mitzunehmen war dennoch ein sehr begrüßenswertes, kann man doch auch mit handwerklich tollen Auftritten, die halt etwas unglücklich verlaufen, sehr gut leben.

The Low Anthem nahmen die Geschwindigkeit, die Fanfarlo aufgebracht hatten, wieder aus dem Spiel. Und das angenehm unspektakuläre Auftreten der Oststaatler kam auch gut an. Dieser Flüstergesang, einzigartig instrumentiert gefiel auch mir, wenn ich The Low Anthem doch sonst nicht wirklich höre. Mit Charlie Darwin endete das Set, die Bühne war frei für die Band, auf die Wien seit drei Jahre gewartet hat. Eine recht kurze Umbauphase war noch zu überstehen, wohliges Kribbeln stellt sich ein.

Und dann kamen The National.

Spannung lag in der Luft, die kühl, ein bisschen regengeschwängert war, vor allem aber erwartungsvoll.

„We expected something, something better than before. We expected something more.” Die Erwartungen waren groß, man erwartete mehr als (je) zuvor. Waren sich The National dieser Erwartungen bewusst? Jedenfalls eröffneten sie mit dem wunderbaren Start A War, das ironischerweise mit der eben zitierten Zeile beginnt. Falls Hintergedanken dabei im Spiel waren, kann man von einem gelungenen Kunstgriff sprechen. Der Einstieg war so oder so erfolgreich. Mit den Stücken von Boxer ließ sich noch jeder Fan begeistern.

Der neueste Wurf nennt sich High Violet, dessen Release es mit ausgiebiger Tour zu feiern gilt. Und so verzeichnete man mit Anyone’s Ghost den ersten neuen Song, unmittelbar gefolgt von der ersten Single, Bloodbuzz Ohio. Beide zeichnen sich durch Dynamik und den erfolgreich beschrittenen schmalen Grat zwischen Melancholie und Pathos aus.

War der Auftritt bis jetzt von einer sehr guten Stimmung begleitet, steigerte sich die Laune mit den ersten Tönen von Mistaken For Strangers nochmals gewaltig. Matt Berninger quittierte die Begeisterung mit autistisch anmutenden Kreisbahnen, die er in der Lücke zwischen Schlagzeug und den Gitarristen-Zwillingen Dessner zog. Nicht das einzige, was mich an ihm an den weirden Thom Yorke erinnerte…

Es war aber nicht so, dass Berninger mit Ablehnung auf den Applaus reagierte, seine verrückten Tänze gehören wohl einfach dazu.

Einer der Dessners, an diesem Abend rechts postiert, tat dann kund, wie schön die Band das Areal denn fände. „Usually we play in small clubs underneath the train, like Chelsea or B72. We like those places too, but we really like it here. Next time in Vienna, we’ll come back here.”

So wie es angefangen hatte, ging es auch weiter – nämlich mit einer ausgewogenen Mischung alter, neuer und ganz alter Songs. Available mit einem Outro aus Cardinal Song wurde als “old song” angekündigt. „You may not recognize it, but, well … it’s loud. And it’s angry.”

Wunderschön einfühlsam wurde Little Faith dargeboten, in dem unter anderem von Priestern und Nonnen die Rede ist.

Ein in die Höhe gehaltenes Transparent im Publikum betrachtete Berninger einige Momente, um dann Hoffnungen zu enttäuschen: „We can’t play this song. Physically we can’t.“

Diese Rechnung hatte er aber ohne die beiden Dessners an den Flanken gemacht. Den ersten, der ihn drauf hinwies, dass nur er, Berninger, den Song nicht spielen wolle und zwar nicht physically sondern aus psychischen Gründen, parierte er, das Gehirn hätte ja auch mit dem Körper zu tun, er könne ihn also wirklich physisch nicht spielen. Beim zweiten Angriff war er dann machtlos. Denn der zweite Dessner sagte nur knapp: „This is for you.“ Und schon schrammelte er auf seiner Gitarre Conversation 16 los.

Traumhafte Momente stellte sich dann noch bei Apartment Story und vor allem bei Fake Empire (dem vielleicht populärsten National-Song?) ein. Lag in den Minuten vor dem Auftritt eine gewaltige Spannung in der Luft, so war diese nun voll Euphorie und Freude mit, über und von dieser Band.

Den nach Fake Empire aufbrandenen Beifall nutzten The National, um den Rückzug anzutreten. Dieser sollte jedoch nicht lange währen, nach mehrmaligen Sprechchören waren die Herren aus Ohio wieder back on stage.

Runaway und Boxers Slow Show waren schon grandiose Zugaben, als Matt Berninger bei Mr. November einen seiner legendären Ausraster kriegte, Equipment umwarf und mit dem Mikro die Galerie des Zuschauerraums erklomm. Von dort aus arbeitete (ich würde ja fast sagen ‚wütete’, aber das klingt dann doch zu destruktiv) er sich durch das ganze Gelände. Einer zum Anfassen, einer zum Liebhaben. Ein Berninger, den man so irgendwie gar nicht kennt. Sein Ausflug geriet zum Triumphzug, die wenigen, die The National davor noch nicht ins Herz geschlossen hatten, bekamen einen guten Grund, dies schleunigst zu ändern. Ein Besucher, der vor mir stand und schon während des ganzen Konzerts in eine Art Trance verfallen war, völlig vereint mit der Musik, wurde auf einmal lebhaft und umarmte Berninger. Um Sekunden später wieder in seine Trance zurückzufallen – diesmal mit einem unfassbar glückseligen Gesichtsausdruck.

Erschöpft kämpfte sich Berninger dann auf die Bühne zurück, um mit einem Puls etwa um120 Terrible Love zu keuchen.

Was für ein schöner Schlusspunkt eines einzigartigen Konzerts. Eine Band, die sich zwischen Distanz und völliger Nähe bewegt, keinerlei Zweifel an ihrem Talent lässt und sich völlig hingibt, ohne sich dabei zur Schau zu stellen.

Wollten The National eine große Band sein, wären sie es schon längst. Die Arenen wären größer, die Einnahmen ebenso. Aber The National wären nicht mehr The National.

Um aus Anyone’s Ghost zu klauen: „I don’t want anybody else.“

Wir wollen The National wie sie sind. Authentisch und herzerwärmend. Und kathartisch.

[Die großartigen Fotos stammen von Jiamin Xu, vielen Dank! Hier sind noch einige!]

Setlist The National, Arena Open-Air, Wien:

01: Start A War
02: Anyone's Ghost
03: Bloodbuzz Ohio
04: Mistaken For Strangers
05: Secret Meeting
06: Squalor Victoria
07: Afraid Of Everyone
08: Available/Cardinal Song
09: Little Faith
10: Conversation 16
11: Apartment Story
12: Sorrow
13: Abel
14: England
15: Fake Empire

16: Runaway (Z)
17: Slow Show (Z)
18: Mr. November (Z)
19: Terrible Love (Z)


Links:

- aus unserem Archiv:

- The National, Haldern-Festival, 14.08.10
- The National, Latitude Festival, 16.07.10
- The National (mit Pavement), Paris, 07.05.10
- The National, Haldern, 09.08.08
- The National, Montreux, 16.07.08
- The National, Köln, 27.11.07
- The National, Paris, 14.11.07

- The Kissaway Trail, Montreux, 16.07.08
- The Kissaway Trail, London, 17.06.07

- The Low Anthem, Ottersum, 05.02.10
- The Low Anthem, Paris, 26.09.09
- The Low Anthem, München, 15.09.09

- Fanfarlo, Haldern, 14.08.10 (folgt)
- Fanfarlo, Paris, 14.05.10
- Fanfarlo, Paris, 08.03.10
- Fanfarlo, Köln, 24.01.10
- Fanfarlo, Paris, 21.01.10
- Fanfarlo, Paris, 13.06.08


The National u.a., Wien, 18.08.10


Konzert: The National (+ Kissaway Trail, Fanfarlo, The Low Anthem)
Ort: Arena Open Air, Wien
Datum: 18.08.2010
Zuschauer: ausverkauft – ca. 3000
Konzertdauer: The National 100 Min., die anderen Bands jeweils etwa 30-40 Min.


von Julius aus Wien

Wochen, Monate hatte ich mich auf das Konzert von The National in der Arena gefreut. Ein tolles neues Album, die vorangegangenen, ebenfalls lieb gewonnenen Alben und gleich drei erstklassige Support-Bands – die Vorfreude kam nicht von irgendwo her. Einziger Wermutstropfen schien der Ort zu werden. Als solcher war nämlich die große Halle der Arena auserkoren, ein ebenso alter wie hässlicher Ziegelbau.

Als die Schlange gegen fünf Uhr – Beginn war für sechs angesetzt – allmählich länger wurde, hörte man auf einmal den Soundcheck von Kissaway Trail. Und zwar so laut, dass einfach nur das Open Air-Gelände in Frage kam. Der gerade aufkommende leichte Niesel-Regen tat meiner Freude darüber keinen Abbruch. Es besteht einfach kein Vergleich zwischen dem Ostblock-Charme (indoor) und dem gemütlichen Park-Flair (outdoor), wenn auch keine zehn Meter voneinander getrennt.

Kissaway Trail, die pünktlich um sechs begannen, mussten dafür mit den weniger angenehmen Seiten des Geländes kämpfen. Durch dessen Größe nämlich nahm sich das bereits anwesende Publikum verschwindend gering aus. Stimmung wollte auch nicht so recht aufkommen. Kissaway Trail dürften das kennen. Als sie vor zwei Jahren für Sigur Rós um etwa dieselbe Uhrzeit auf der selben Bühne eröffnen durften, waren ähnlich wenige Besucher da. Unverdrossen spielten sie ihr Set, hauptsächlich von Sleep Mountain-Songs bestritten, um dann plötzlich anzukündigen, dass sie einen ihrer absoluten Lieblinssong darbieten würden. Durch das charakteristische „uh-uh“ am Anfang war auch sofort klar, was hier gespielt wurde. Sofort stieg auch die Mitmach-Bereitschaft vor der Bühne. Interessant der Gesang von Thomas Fagerlund bei diesem Klassiker. Weiß er, wessen Song er hier covert? Vermutlich schon, das stimmliche Ergebnis war dann aber wesentlich näher bei Placebos Brian Molko als bei Black Francis. Und das Placebo-Cover ist ja auch in der Tat ein sehr gelungenes, wieso also nicht nachahmen?

Mit einem eigenen Song, SDP, und unter diesmal mehr als höflichem Beifall schlossen die Dänen ihren Auftritt ab. Mein zweites Konzert von ihnen, leider bis jetzt nur auf Support-Slots. Auf den großen Moment mit Kissaway Trail warte ich noch. Vielleicht stellt sich dieser nur bei annähernder Dunkelheit ein...

Mit den Londonern Fanfarlo habe ich da schon mehr Erfahrung. Das melodiös-fröhliche Folk-Indie-Zwischending, das von unzähligen Instrumenten und den dazugehörigen Spielern schwungvoll umgesetzt wird, harmonierte aber ebenfalls nicht wirklich mit den Rahmenbedingungen. Nett anzusehen, teilweise recht kurzweilig und gut aufgelegt schafften sie es aber nicht, bei der großen Besuchermasse wirklich bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Erwähnenswert vielleicht noch die Tatsache, dass Sängerin Cathy Lucas es sich nicht nehmen hat lassen, ihre lange Hose, die sie während des Auftritts von Kissaway Trail getragen hatte, gegen ultrakurze Shorts zu tauschen. Was sie damit bezwecken wollte weiß ich nicht :)

Das Konzept, einen ganzen Haufen Vorbands mitzunehmen war dennoch ein sehr begrüßenswertes, kann man doch auch mit handwerklich tollen Auftritten, die halt etwas unglücklich verlaufen, sehr gut leben.

The Low Anthem nahmen die Geschwindigkeit, die Fanfarlo aufgebracht hatten, wieder aus dem Spiel. Und das angenehm unspektakuläre Auftreten der Oststaatler kam auch gut an. Dieser Flüstergesang, einzigartig instrumentiert gefiel auch mir, wenn ich The Low Anthem doch sonst nicht wirklich höre. Mit Charlie Darwin endete das Set, die Bühne war frei für die Band, auf die Wien seit drei Jahre gewartet hat. Eine recht kurze Umbauphase war noch zu überstehen, wohliges Kribbeln stellt sich ein.

Und dann kamen The National.

Spannung lag in der Luft, die kühl, ein bisschen regengeschwängert war, vor allem aber erwartungsvoll.

„We expected something, something better than before. We expected something more.” Die Erwartungen waren groß, man erwartete mehr als (je) zuvor. Waren sich The National dieser Erwartungen bewusst? Jedenfalls eröffneten sie mit dem wunderbaren Start A War, das ironischerweise mit der eben zitierten Zeile beginnt. Falls Hintergedanken dabei im Spiel waren, kann man von einem gelungenen Kunstgriff sprechen. Der Einstieg war so oder so erfolgreich. Mit den Stücken von Boxer ließ sich noch jeder Fan begeistern.

Der neueste Wurf nennt sich High Violet, dessen Release es mit ausgiebiger Tour zu feiern gilt. Und so verzeichnete man mit Anyone’s Ghost den ersten neuen Song, unmittelbar gefolgt von der ersten Single, Bloodbuzz Ohio. Beide zeichnen sich durch Dynamik und den erfolgreich beschrittenen schmalen Grat zwischen Melancholie und Pathos aus.

War der Auftritt bis jetzt von einer sehr guten Stimmung begleitet, steigerte sich die Laune mit den ersten Tönen von Mistaken For Strangers nochmals gewaltig. Matt Berninger quittierte die Begeisterung mit autistisch anmutenden Kreisbahnen, die er in der Lücke zwischen Schlagzeug und den Gitarristen-Zwillingen Dessner zog. Nicht das einzige, was mich an ihm an den weirden Thom Yorke erinnerte…

Es war aber nicht so, dass Berninger mit Ablehnung auf den Applaus reagierte, seine verrückten Tänze gehören wohl einfach dazu.

Einer der Dessners, an diesem Abend rechts postiert, tat dann kund, wie schön die Band das Areal denn fände. „Usually we play in small clubs underneath the train, like Chelsea or B72. We like those places too, but we really like it here. Next time in Vienna, we’ll come back here.”

So wie es angefangen hatte, ging es auch weiter – nämlich mit einer ausgewogenen Mischung alter, neuer und ganz alter Songs. Available mit einem Outro aus Cardinal Song wurde als “old song” angekündigt. „You may not recognize it, but, well … it’s loud. And it’s angry.”

Wunderschön einfühlsam wurde Little Faith dargeboten, in dem unter anderem von Priestern und Nonnen die Rede ist.

Ein in die Höhe gehaltenes Transparent im Publikum betrachtete Berninger einige Momente, um dann Hoffnungen zu enttäuschen: „We can’t play this song. Physically we can’t.“

Diese Rechnung hatte er aber ohne die beiden Dessners an den Flanken gemacht. Den ersten, der ihn drauf hinwies, dass nur er, Berninger, den Song nicht spielen wolle und zwar nicht physically sondern aus psychischen Gründen, parierte er, das Gehirn hätte ja auch mit dem Körper zu tun, er könne ihn also wirklich physisch nicht spielen. Beim zweiten Angriff war er dann machtlos. Denn der zweite Dessner sagte nur knapp: „This is for you.“ Und schon schrammelte er auf seiner Gitarre Conversation 16 los.

Traumhafte Momente stellte sich dann noch bei Apartment Story und vor allem bei Fake Empire (dem vielleicht populärsten National-Song?) ein. Lag in den Minuten vor dem Auftritt eine gewaltige Spannung in der Luft, so war diese nun voll Euphorie und Freude mit, über und von dieser Band.

Den nach Fake Empire aufbrandenen Beifall nutzten The National, um den Rückzug anzutreten. Dieser sollte jedoch nicht lange währen, nach mehrmaligen Sprechchören waren die Herren aus Ohio wieder back on stage.

Runaway und Boxers Slow Show waren schon grandiose Zugaben, als Matt Berninger bei Mr. November einen seiner legendären Ausraster kriegte, Equipment umwarf und mit dem Mikro die Galerie des Zuschauerraums erklomm. Von dort aus arbeitete (ich würde ja fast sagen ‚wütete’, aber das klingt dann doch zu destruktiv) er sich durch das ganze Gelände. Einer zum Anfassen, einer zum Liebhaben. Ein Berninger, den man so irgendwie gar nicht kennt. Sein Ausflug geriet zum Triumphzug, die wenigen, die The National davor noch nicht ins Herz geschlossen hatten, bekamen einen guten Grund, dies schleunigst zu ändern. Ein Besucher, der vor mir stand und schon während des ganzen Konzerts in eine Art Trance verfallen war, völlig vereint mit der Musik, wurde auf einmal lebhaft und umarmte Berninger. Um Sekunden später wieder in seine Trance zurückzufallen – diesmal mit einem unfassbar glückseligen Gesichtsausdruck.

Erschöpft kämpfte sich Berninger dann auf die Bühne zurück, um mit einem Puls etwa um120 Terrible Love zu keuchen.

Was für ein schöner Schlusspunkt eines einzigartigen Konzerts. Eine Band, die sich zwischen Distanz und völliger Nähe bewegt, keinerlei Zweifel an ihrem Talent lässt und sich völlig hingibt, ohne sich dabei zur Schau zu stellen.

Wollten The National eine große Band sein, wären sie es schon längst. Die Arenen wären größer, die Einnahmen ebenso. Aber The National wären nicht mehr The National.

Um aus Anyone’s Ghost zu klauen: „I don’t want anybody else.“

Wir wollen The National wie sie sind. Authentisch und herzerwärmend. Und kathartisch.

[Die großartigen Fotos stammen von Jiamin Xu, vielen Dank! Hier sind noch einige!]

Setlist The National, Arena Open-Air, Wien:

01: Start A War
02: Anyone's Ghost
03: Bloodbuzz Ohio
04: Mistaken For Strangers
05: Secret Meeting
06: Squalor Victoria
07: Afraid Of Everyone
08: Available/Cardinal Song
09: Little Faith
10: Conversation 16
11: Apartment Story
12: Sorrow
13: Abel
14: England
15: Fake Empire

16: Runaway (Z)
17: Slow Show (Z)
18: Mr. November (Z)
19: Terrible Love (Z)


Links:

- aus unserem Archiv:

- The National, Haldern-Festival, 14.08.10
- The National, Latitude Festival, 16.07.10
- The National (mit Pavement), Paris, 07.05.10
- The National, Haldern, 09.08.08
- The National, Montreux, 16.07.08
- The National, Köln, 27.11.07
- The National, Paris, 14.11.07

- The Kissaway Trail, Montreux, 16.07.08
- The Kissaway Trail, London, 17.06.07

- The Low Anthem, Ottersum, 05.02.10
- The Low Anthem, Paris, 26.09.09
- The Low Anthem, München, 15.09.09

- Fanfarlo, Haldern, 14.08.10 (folgt)
- Fanfarlo, Paris, 14.05.10
- Fanfarlo, Paris, 08.03.10
- Fanfarlo, Köln, 24.01.10
- Fanfarlo, Paris, 21.01.10
- Fanfarlo, Paris, 13.06.08


CocoRosie, Wien, 27.07.10


Konzert: CocoRosie
Ort: Arena, Wien
Datum: 27.07.2010


Neues aus CocoRosies Faschingskiste
- von Ursula von neulich als ich dachte -

Gestern abend fand mein zweiter Besuch in der Wiener Arena statt, dieses Mal spielten CocoRosie auf, und ein weiteres Mal wurde mein armer kleiner Schirm, der beinahe zu wackelig ist, um einen Regentropfen abzuhalten, als gemeingefährliche Waffe beschlagnahmt.

CocoRosie sind bekanntlich ein skurriles amerikanisches Geschwisterpaar, das sich abenteuerlich kleidet und seltsame Musik macht. Ein aufgeschlosseneres Publikum als Menschen, die für einen solchen Auftritt bezahlen, kann man sich also kaum vorstellen, dennoch strapazierte der Auftritt von Vorband Crazy Bitch in a Cave auch die Nerven dieser geduldigen Leute: Ein als Frau gekleideter Mann in Schlabberklamotten und mit Papierstücken beklebten Pumps, der zum Laptop operettenhafte Gesänge ausstieß, die wirkten, als seien sie gerade eben spontan ausgedacht worden, dazu ein Pärchen von Backgroundsängern/-tänzern, die Choreographien im Stil von Fred vom Jupiter ablieferten. In der offiziellen Single-Variante klingt das Ganze immer noch nicht angenehm, aber um einiges besser als live, und so wurde die Zeit, wie so häufig bei Vorbands, recht lang.

Irgendwann war dann die Zeit doch für die Casady-Schwestern gekommen, und sie betraten die Bühne mit Drummer Bolsa, Pianist Gael und Beatboxer Tez, den ich bereits von der letzten Tournee kannte. Außer meiner Kenntnis des Beatboxers hält sich mein Wissen über CocoRosie aber extrem in Grenzen, und die Setliste des gestrigen Auftritts war eher etwas für Hardcore-Experten: Von den ersten beiden Alben wurde nur der Song K-Hole gespielt, Hits wie Terrible Angels, By Your Side oder Good Friday fehlten dagegen. Neben den Liedern der aktuellen CD Grey Oceans lag das Augenmerk auf ungewöhnlichen Versionen (ein Cover von Kevin Lyttle (Turn Me On), ein nur als Single erschienener Song (God Has A Voice, She Speaks Through Me) und Happy Eyez von der EP Coconuts, Plenty of Junk Food sowie eine neue Variante von Rainbowarriors) und unveröffentlichten Titeln (Fatherhood, Tranny Power).

CocoRosie sind aber nicht nur für ihre Musik bekannt, und auch die Outfits der beiden Damen sorgten mal wieder für einen erinnerungswürdigen Abend: Zunächst trug Sierra ein wallendes, durchaus schönes Abendkleid, Bianca dagegen kombinierte Bermudashorts mit einer Art Charivari-Gürtel und einer Küchenschürze mit Herzen. Oben herum trug sie ein bauchfreies Tanktop mit einem Nietengeschirr, dazu übereinander eine Langhaarperücke, eine Haube aus etwas, das wie Dämmaterial aussah und eine Schirmmütze mit der Aufschrift NYPD.

Einen umjubelten Kurz-Soloauftritt von Tez in der Mitte des Sets nutzte Sierra für einen Kostümwechsel, aus der vermutlich hinter der Bühne stehenden Faschingskiste zog sie nun einen hellblau-weiß gemusterten Catsuit, zu dem sie eine Art weißes Brustgeschirr und einen aus weißen Kordeln bestehenden Hut (oder doch eher eine Perücke?) trug. Bianca blieb weitestgehend gleich, legte aber Schürze und Mütze ab. Für die Zugaben legte sie dann aber noch einen goldenen Gesichtsvorhang an.

Während des Auftritts erschien Sierra insgesamt gelöster, wirbelte über die Bühne, spielte Harfe und sang, zu Tranny Power lieferte sie gar eine Kasatschok-artige Tanzeinlage ab. Bianca machte einen etwas weniger glücklichen Eindruck, wenn sie nicht sang, spielte sie die am rechten Bühnenrand liegenden Kinderinstrumente oder auch eine Klarinette (sowie etwas aus silbernen Kugeln, bei dem ich nicht weiß, wie es heißt). Ihre Interaktionen mit Schwester, Band und Publikum beschränkte sie aber auf ein Minimum.

Wie schon bei Jónsi zeigte sich das Wiener Publikum überaus begeistert, begrüßte diverse Gesangseinsätze mit Szenenapplaus und forderte eine Zugabe mehr ein, als auf der Setliste stand.

Setlist CocoRosie, Arena, Wien:

01: R.I.P. Burn Face
02: Undertaker
03: Black Rainbow
04: Fatherhood
05: The Moon Asked The Crow
06: Lemonade
07: K-Hole
08: --- Tez (Solo) ---
09: Hopscotch
10: God Has A Voice, She Speaks Through Me
11: Grey Oceans
12: Happy Eyez
13: Turn Me On
14: Promise
15: Fairy Paradise

16: Werewolf (Z)
17: Tranny Power (Z)
18: ? (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- CocoRosie, Paris, 27.09.07
- CocoRosie, Paris, 10.04.07


CocoRosie, Wien, 27.07.10


Konzert: CocoRosie
Ort: Arena, Wien
Datum: 27.07.2010


Neues aus CocoRosies Faschingskiste
- von Ursula von neulich als ich dachte -

Gestern abend fand mein zweiter Besuch in der Wiener Arena statt, dieses Mal spielten CocoRosie auf, und ein weiteres Mal wurde mein armer kleiner Schirm, der beinahe zu wackelig ist, um einen Regentropfen abzuhalten, als gemeingefährliche Waffe beschlagnahmt.

CocoRosie sind bekanntlich ein skurriles amerikanisches Geschwisterpaar, das sich abenteuerlich kleidet und seltsame Musik macht. Ein aufgeschlosseneres Publikum als Menschen, die für einen solchen Auftritt bezahlen, kann man sich also kaum vorstellen, dennoch strapazierte der Auftritt von Vorband Crazy Bitch in a Cave auch die Nerven dieser geduldigen Leute: Ein als Frau gekleideter Mann in Schlabberklamotten und mit Papierstücken beklebten Pumps, der zum Laptop operettenhafte Gesänge ausstieß, die wirkten, als seien sie gerade eben spontan ausgedacht worden, dazu ein Pärchen von Backgroundsängern/-tänzern, die Choreographien im Stil von Fred vom Jupiter ablieferten. In der offiziellen Single-Variante klingt das Ganze immer noch nicht angenehm, aber um einiges besser als live, und so wurde die Zeit, wie so häufig bei Vorbands, recht lang.

Irgendwann war dann die Zeit doch für die Casady-Schwestern gekommen, und sie betraten die Bühne mit Drummer Bolsa, Pianist Gael und Beatboxer Tez, den ich bereits von der letzten Tournee kannte. Außer meiner Kenntnis des Beatboxers hält sich mein Wissen über CocoRosie aber extrem in Grenzen, und die Setliste des gestrigen Auftritts war eher etwas für Hardcore-Experten: Von den ersten beiden Alben wurde nur der Song K-Hole gespielt, Hits wie Terrible Angels, By Your Side oder Good Friday fehlten dagegen. Neben den Liedern der aktuellen CD Grey Oceans lag das Augenmerk auf ungewöhnlichen Versionen (ein Cover von Kevin Lyttle (Turn Me On), ein nur als Single erschienener Song (God Has A Voice, She Speaks Through Me) und Happy Eyez von der EP Coconuts, Plenty of Junk Food sowie eine neue Variante von Rainbowarriors) und unveröffentlichten Titeln (Fatherhood, Tranny Power).

CocoRosie sind aber nicht nur für ihre Musik bekannt, und auch die Outfits der beiden Damen sorgten mal wieder für einen erinnerungswürdigen Abend: Zunächst trug Sierra ein wallendes, durchaus schönes Abendkleid, Bianca dagegen kombinierte Bermudashorts mit einer Art Charivari-Gürtel und einer Küchenschürze mit Herzen. Oben herum trug sie ein bauchfreies Tanktop mit einem Nietengeschirr, dazu übereinander eine Langhaarperücke, eine Haube aus etwas, das wie Dämmaterial aussah und eine Schirmmütze mit der Aufschrift NYPD.

Einen umjubelten Kurz-Soloauftritt von Tez in der Mitte des Sets nutzte Sierra für einen Kostümwechsel, aus der vermutlich hinter der Bühne stehenden Faschingskiste zog sie nun einen hellblau-weiß gemusterten Catsuit, zu dem sie eine Art weißes Brustgeschirr und einen aus weißen Kordeln bestehenden Hut (oder doch eher eine Perücke?) trug. Bianca blieb weitestgehend gleich, legte aber Schürze und Mütze ab. Für die Zugaben legte sie dann aber noch einen goldenen Gesichtsvorhang an.

Während des Auftritts erschien Sierra insgesamt gelöster, wirbelte über die Bühne, spielte Harfe und sang, zu Tranny Power lieferte sie gar eine Kasatschok-artige Tanzeinlage ab. Bianca machte einen etwas weniger glücklichen Eindruck, wenn sie nicht sang, spielte sie die am rechten Bühnenrand liegenden Kinderinstrumente oder auch eine Klarinette (sowie etwas aus silbernen Kugeln, bei dem ich nicht weiß, wie es heißt). Ihre Interaktionen mit Schwester, Band und Publikum beschränkte sie aber auf ein Minimum.

Wie schon bei Jónsi zeigte sich das Wiener Publikum überaus begeistert, begrüßte diverse Gesangseinsätze mit Szenenapplaus und forderte eine Zugabe mehr ein, als auf der Setliste stand.

Setlist CocoRosie, Arena, Wien:

01: R.I.P. Burn Face
02: Undertaker
03: Black Rainbow
04: Fatherhood
05: The Moon Asked The Crow
06: Lemonade
07: K-Hole
08: --- Tez (Solo) ---
09: Hopscotch
10: God Has A Voice, She Speaks Through Me
11: Grey Oceans
12: Happy Eyez
13: Turn Me On
14: Promise
15: Fairy Paradise

16: Werewolf (Z)
17: Tranny Power (Z)
18: ? (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- CocoRosie, Paris, 27.09.07
- CocoRosie, Paris, 10.04.07