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Leyli & Meurtre, Paris, 16.01.11


Konzert: Leyli & Meurtre (Lafidki), Paris, 16.01.11

Ort: Café de Paris, Paris
Datum: 16.01.2011
Zuschauer: 20
Konzertdauer: jeweils etwa 45 Minuten


An dieser Stelle möchte ich mal kurz meine Mutter in Berlin lieb grüßen. Wir haben uns heute sehr angeregt am Telefon unterhalten und ein wichtiger Grund, warum ich weitherhin motiviert an diesem Blog arbeiten kann, ist die enorme Rückendeckung von Mutti! Danke! Ohne dich hätte ich schon hingeschmissen!

Der andere wesentliche Grund (natürlich neben den aufmunternden Kommentaren und der guten Leserresonanz, danke, danke, danke!) warum es hier weitergeht, ist die Leidenschaft, die ich für die Künstler, gerade die jungen und unerfahrenen, entwickelt habe. Und Leidenschaft kommt tatsächlich auch von leiden. Ich leide regelrecht mit diesen mutigen und kreativen Menschen mit, sehe wie sich abrackern müssen, um oft schlechtbezahlte Konzerttermine zu finden, weiß, daß sie bei irgendwelchen entfernt bekannten Leuten oder in miesen Hotels übernachten müssen, völlig übermüdet vor einer Handvoll von Leuten auftreten, gegen ihr Lampenfieber ankämpfen und auf der Bühne dennoch ihr Allerbestes geben. Und dann fahren sie meistens noch in der gleichen Nacht mit einem gammeligen Kleinbus zum 500 Kilometer entfernten nächsten Konzert weiter, wo sie manchmal für 30 Euro (und teilweise weniger) spielen und zwei selbstgebrannte CDs verkaufen. Kaum einer der vergnügungssüchtigen Konzertbesucher macht sich ein genaues Bild von diesem harten Leben. Aber genau diese widrigen Umstände sind der ideale Nährboden für Kreativität. Erfolgreiche und altgediente Musiker sind oft zu satt und zu komfortabel gebettet, um noch wirklich spannende Alben hinzubekommen.

Deshalb war für mich heute klar, daß ich nicht zu Noah & The Whale (die natürlich noch nicht zu satt, wenngleich schon früh vom Erfolg verwöhnt) ins Café de la Danse, sondern zu der jungen Leyli und ein paar anderen Artisten ins Café de Paris gehen musste.

Café de Paris, das klingt so mondän, aber die Musiker des heutigen Abends bekamen nicht den eigentlich Konzertsaal, der oben gelegen ist, sondern einen recht räudigen kleinen Kellerraum zugewiesen, in dem sich zwischen 20 und 30 linksalternative Mitbürger (fast alles Männer) versammelt hatten, um den experimentellen Noise und Hardcore Post-Rockern der französischen Band Meutre (der Mord) zuzuhören. Die dreiköpfige Band mit der hübschen Bassistin Elisa Pône klang teilweise richtig gruselig. Ihre auf französisch dahingerotzten Texte waren finster und gemein und der kurzhaarige Sänger schien oft regelrechte Tobsuchtsanfälle zu bekommen. Vati hätte mich hier nicht hingelassen. Meine Fresse! Es kamen auch seltsame Instrumente zum Einsatz zum Beispiel eine kleine aggressive Minitrompete, mit der die Band freejazzige Laute erzeugte, oder aber Megaphone, Stimmverzerrer, Vintagekeyboards, etc.

Mir gefiel das bizarre Konzert gut und ich kaufte ihre Demo-CD. Ich war übrigens der Einzige...




Dann kam Marie-Pascale Hardy aka Leyli. Eine Kanadierin aus Quebeq, die seit drei Jahren in London lebt und erst dort mit der Musik angefangen hat. Die hagere, großgewachsene Blondine ist noch ein fast unbeschriebenes Blatt, aber das könnte sich mit ein wenig Glück bald ändern. An Talent und guten Ideen mangelt es der Frau mit dem grünbemalten Gesicht jedenfalls nicht. Was sie heute vortrug, beeindruckte mich außerordentlich. Vielmehr noch: es berührte mich emotional zutiefst. Das zarte Mädchen sang so fragil und berührend, das mir ganz warm um Herz wurde. Sie verfügt über eine Hauchstimme à la Jane Birkin, kann stilistisch aber eher in die Ecke experimenteller Folk/Indierock im Stile von PJ Harvey und Scout Niblett gestellt werden. Sie selbst konnte mir hinterher gar nicht so recht ihren Stil beschreiben und kannte die allermeisten Musiker, die für mich vermeintlich halbwegs ähnlich klangen wie sie, gar nicht. Leyli sang übrigens abwechselnd auf französisch und englisch und spielte akustische und elektrische Gitarre, Ukulele und Keyboard. Zusätzlich hatte sie einen Schlagzeuger dabei, der ab und zu für etwas mehr Dampf sorgte. Alles war in moll gehalten, kam finster und geheimnisvoll daher, bisweilen fast gothisch. Authentisch und atemberaubend intim klang es immer. Zu Beginn des Konzertes waren vielleicht 5 Leute im Raum, dann in der Spitze 20. Aber durch diese zähe Anfangsphase ihrer Karriere muss Leyli jetzt durch und ich bin sicher, bald wird sie vor größerer Kulisse spielen. Ich war hinterher jedenfalls schwer angetan, habe heute meine persönliche Entdeckung des (freilich noch jungen) Jahres gemacht und das bisher beste, nahegehendste Konzert gesehen. Die brauchte ich für eine Oliver Peel Session!!

Hinweis: auf der Labelseite von Leyli kam man die auf 150 Exemplare limitierte Debüt Ep namnes Grey, Green, Grey, Grey, Green. Grey, Green, Grey and Green für 6 Euro käuflich erwerben.






Leyli & Meurtre, Paris, 16.01.11


Konzert: Leyli & Meurtre (Lafidki), Paris, 16.01.11

Ort: Café de Paris, Paris
Datum: 16.01.2011
Zuschauer: 20
Konzertdauer: jeweils etwa 45 Minuten


An dieser Stelle möchte ich mal kurz meine Mutter in Berlin lieb grüßen. Wir haben uns heute sehr angeregt am Telefon unterhalten und ein wichtiger Grund, warum ich weitherhin motiviert an diesem Blog arbeiten kann, ist die enorme Rückendeckung von Mutti! Danke! Ohne dich hätte ich schon hingeschmissen!

Der andere wesentliche Grund (natürlich neben den aufmunternden Kommentaren und der guten Leserresonanz, danke, danke, danke!) warum es hier weitergeht, ist die Leidenschaft, die ich für die Künstler, gerade die jungen und unerfahrenen, entwickelt habe. Und Leidenschaft kommt tatsächlich auch von leiden. Ich leide regelrecht mit diesen mutigen und kreativen Menschen mit, sehe wie sich abrackern müssen, um oft schlechtbezahlte Konzerttermine zu finden, weiß, daß sie bei irgendwelchen entfernt bekannten Leuten oder in miesen Hotels übernachten müssen, völlig übermüdet vor einer Handvoll von Leuten auftreten, gegen ihr Lampenfieber ankämpfen und auf der Bühne dennoch ihr Allerbestes geben. Und dann fahren sie meistens noch in der gleichen Nacht mit einem gammeligen Kleinbus zum 500 Kilometer entfernten nächsten Konzert weiter, wo sie manchmal für 30 Euro (und teilweise weniger) spielen und zwei selbstgebrannte CDs verkaufen. Kaum einer der vergnügungssüchtigen Konzertbesucher macht sich ein genaues Bild von diesem harten Leben. Aber genau diese widrigen Umstände sind der ideale Nährboden für Kreativität. Erfolgreiche und altgediente Musiker sind oft zu satt und zu komfortabel gebettet, um noch wirklich spannende Alben hinzubekommen.

Deshalb war für mich heute klar, daß ich nicht zu Noah & The Whale (die natürlich noch nicht zu satt, wenngleich schon früh vom Erfolg verwöhnt) ins Café de la Danse, sondern zu der jungen Leyli und ein paar anderen Artisten ins Café de Paris gehen musste.

Café de Paris, das klingt so mondän, aber die Musiker des heutigen Abends bekamen nicht den eigentlich Konzertsaal, der oben gelegen ist, sondern einen recht räudigen kleinen Kellerraum zugewiesen, in dem sich zwischen 20 und 30 linksalternative Mitbürger (fast alles Männer) versammelt hatten, um den experimentellen Noise und Hardcore Post-Rockern der französischen Band Meutre (der Mord) zuzuhören. Die dreiköpfige Band mit der hübschen Bassistin Elisa Pône klang teilweise richtig gruselig. Ihre auf französisch dahingerotzten Texte waren finster und gemein und der kurzhaarige Sänger schien oft regelrechte Tobsuchtsanfälle zu bekommen. Vati hätte mich hier nicht hingelassen. Meine Fresse! Es kamen auch seltsame Instrumente zum Einsatz zum Beispiel eine kleine aggressive Minitrompete, mit der die Band freejazzige Laute erzeugte, oder aber Megaphone, Stimmverzerrer, Vintagekeyboards, etc.

Mir gefiel das bizarre Konzert gut und ich kaufte ihre Demo-CD. Ich war übrigens der Einzige...




Dann kam Marie-Pascale Hardy aka Leyli. Eine Kanadierin aus Quebeq, die seit drei Jahren in London lebt und erst dort mit der Musik angefangen hat. Die hagere, großgewachsene Blondine ist noch ein fast unbeschriebenes Blatt, aber das könnte sich mit ein wenig Glück bald ändern. An Talent und guten Ideen mangelt es der Frau mit dem grünbemalten Gesicht jedenfalls nicht. Was sie heute vortrug, beeindruckte mich außerordentlich. Vielmehr noch: es berührte mich emotional zutiefst. Das zarte Mädchen sang so fragil und berührend, das mir ganz warm um Herz wurde. Sie verfügt über eine Hauchstimme à la Jane Birkin, kann stilistisch aber eher in die Ecke experimenteller Folk/Indierock im Stile von PJ Harvey und Scout Niblett gestellt werden. Sie selbst konnte mir hinterher gar nicht so recht ihren Stil beschreiben und kannte die allermeisten Musiker, die für mich vermeintlich halbwegs ähnlich klangen wie sie, gar nicht. Leyli sang übrigens abwechselnd auf französisch und englisch und spielte akustische und elektrische Gitarre, Ukulele und Keyboard. Zusätzlich hatte sie einen Schlagzeuger dabei, der ab und zu für etwas mehr Dampf sorgte. Alles war in moll gehalten, kam finster und geheimnisvoll daher, bisweilen fast gothisch. Authentisch und atemberaubend intim klang es immer. Zu Beginn des Konzertes waren vielleicht 5 Leute im Raum, dann in der Spitze 20. Aber durch diese zähe Anfangsphase ihrer Karriere muss Leyli jetzt durch und ich bin sicher, bald wird sie vor größerer Kulisse spielen. Ich war hinterher jedenfalls schwer angetan, habe heute meine persönliche Entdeckung des (freilich noch jungen) Jahres gemacht und das bisher beste, nahegehendste Konzert gesehen. Die brauchte ich für eine Oliver Peel Session!!

Hinweis: auf der Labelseite von Leyli kam man die auf 150 Exemplare limitierte Debüt Ep namnes Grey, Green, Grey, Grey, Green. Grey, Green, Grey and Green für 6 Euro käuflich erwerben.






Tetuzi Akiyama, Paris, 22.10.10


Konzert: Tetuzi Akiyama (Jozef Van Wissem, Chris Forsyth, Quentin Dubost)

Ort: Espace en Cours
Datum: 22.10.2010

Zuschauer: etwa 100


Ob ich jetzt noch zu diesem mysteriösen Ort namens Espace en Cours gehen soll? Ich sehe auf meine Armbanduhr und stelle fest, daß es schon 23 Uhr ist. Ich befinde mich gerade im Bastilleviertel, wo ich ein Konzert meiner Helden von Kim Novak gesehen habe. Ebenfalls heute abend spielte aber auch ein Musiker auf, den ich am Sonntag zu einer Oliver Peel Session erwarte. Sein Name: Jozef van Wissem. Ein Amerikaner mit holländischen Wurzeln, der als einer von ganz wenigen zeitgenössischen Künstlern auf einer mittelalterlichen Laute (Vorläufer der Gitarre) spielen und komponieren kann. Jozef war im Espace en Cours als einer von vier sehr speziellen Musikern angesetzt. Ich frage mich, ob es sich noch lohnt, von Bastille bis zum Place de Réunion zu fahren, der eine halbe Stunde entfernt liegt. Ehrgeizig und unermüdlich wie ich bin, versuche ich mein Glück. Laut Plan befindet sich der Ort in der Nähe der Flèche d'or. Ziemlich stark frierend latsche ich die Straßen des Viertels ab. Auf meinem Weg komme ich an einer Gruppe Farbiger vorbei, die auf Bänken abhängen und lauten, harten Rap hören. Sie sind friedlich, lassen mich unbeachtet passieren. Wir sind ja schließlich auch nicht in der Bronx der 1970er Jahre! Ich erreiche den Place de Réuninon, der wirklich ziemlich viel Charme hat. Keine reiche Gegend, aber ein Viertel mit Potential. Diejenigen, die schon länger hier wohnen, fürchten sich sicherlich davor, daß hier ein paar wohlhabende Schnösel auf den Geschmack kommen, die Wohnungen Luxus sanieren, schicke Cafés und Galerien aufmachen und die Mietpreise klettern lassen. Noch aber sind die Immobilienhaie nicht eingestiegen und kurioserwiese liegt ein einzelner Schuh auf dem verlassenen Platz. Warum bitte schön, verlieren Leute immer wieder einzelne Schuhe?

In einer Bar frage ich, wo man den Espace en Cours findet. Die marrokanische Kellnerin zuckt ratlos mit den Schultern und fragt ihren Chef. "Kennst Du hier einen Laden mit Livemusik?, fragt sie ihn ungläubig. "Zwei Häuser weiter unten", bedeutet mir der nette Herr und wünscht mir viel Spaß. Rue de la Réunion 56, eine Privatadresse, wie ich das schon geahnt hatte. Zum Glück ist die Eingangstür einen Spalt geöffnet, sonst wäre ich nie auf die Idee gekommen, daß mein Wunschort wirklich hier sein soll! Ich durchquere einen Flur und stoße auf einen schönen Innenhof. Ob denn Jozef van Wissem noch hier sei, will ich von den zwei jungen Frauen wissen, die hier den Empfang machen. Gespielt habe er schon meint die eine, es gebe aber gerade eben noch ein letztes Konzert, ergänzt die andere. Im Innenhof treffe ich witzigerweise gute Bekannte von mir, die auch schon bei ein paar Oliver Peel Sessions zugegen waren. Echte Kenner, die immer Bescheid wissen, wenn es irgendwo in der Stadt sehr spezielle Konzerte gibt. Ich vernehme hypnotische Instrumentalmusik und frage meine Kumpels, wo denn überhaupt der Eingang zum eigentlichen Konzertsal sei. Sie zeigen auf den rechteckigen Raum neben uns. Das Problem ist bloß, daß die Tür zu ist und ein dunkler Vorhabg alles verhüllt. Ich schiebe dennoch die Tür auf und stehe plötzlich direkt neben Jeanne Madic, die auch schon einmal eine Oliver Peel Session bei mir gespielt hat. Neben ihr kauert ein Hüne mit langen, strähnigen Haaren, ich erahne sofort , daß es sich um Jozef van Wissem handeln muß. Ich kenne sein Gesicht von Videoplattformen im Internet. Hinter ihm stehend, sehe ich kaum, was sich auf der Bühne abspielt. Es ist mucksmäuschenstill und die Leute haben teilweise die Augen geschlossen. Wie in Hypnose hören sie der Instrumentalmusik des Japaners Tetuzi Akiyama zu. Der Asiat trägt einen schwarzen Cowboyhut und verzerrt auf verschiedene Weise seine Akustikgitarre. Das Ganze ist sehr monoton und repetitiv, aber kurioserweise gerade deshalb spannend. Die Atmosphäre ist knisternd, keiner rührt sich, niemand schießt Fotos. Die improvisierte Bühne ist nur durch eine funzelige alte Stehlampe erleuchtet. Ein Szenario wie in einem Indiefilm. Cool! Und Oliver Peel ist wieder mitendrin! Ein kultiviert ausehender Mann um die 50 hat die Augen geschlossen und hält sich förmlich an seiner Bierflasche fest. Es ist eine bizarre Geschichte, die Sache hat fast schamanischen Charakter. Mein Vater hätte mich bestimmt hier nicht hingehen lassen, aber er schlummert ja in Frieden.

Irgendwann ist Akiyama mit seinem Set durch, nimmt seinen Hut ab und verneigt sich kurz. Die Leute dringen nach draußen, es war heiß hier drin. Jetzt habe ich Gelegenheit den Raum zu inspizieren. Eine Art Künstleratelier. Maler oder Bildhauer könnten hier prima arbeiten, Architekten ihre Pläne zeichnen. Auf dem Boden liegen alte Teppiche und in dem Raum befindet sich auch ein hölzernes Möbel, das ich noch nie zuvor gesehen hatte. Auf französich heißt das gute Stück "une maie", eine Art Truhe. Das wäre dann doch wieder was für meinen Vater gewesen, den alten Antiquitätenfreak. Ich komme mit dem Amerikaner Chris Forsyth ins Gespräch, der vorher hier gespielt hatte und lerne dann auch endlich Jozef van Wissem kennen. Er war zufrieden mit der Veranstaltung, hat ein paar Cds verkauft und verabschiedet sich dann auch schon, denn morgen spielt er in Belgien, bevor er am Sonntag extra für die Oliver Peel Session zurück kommt. Was für eine Ehre!

Ich bin sehr gespannt! Ansonsten bleibe ich auch mit dem Veranstalter dieses sehr speziellen Abends in Kontakt. Seine Sache nennt der gebürtige Pole "le non_jazz "und demnächst organisert er auch in einem Laden namens Le Tunnel. Klingt ebenfalls verlockend!

Ausgewählte Konzerttermine von Jozef van Wissem:

23.10.2010: Le Vecteur, Charleroi
24.10.2010: Oliver Peel Session, Paris
31.10.2010: Walpodienakademie,Mainz
2.11.2010: Cairo, Würzburg
23.11.2010: Madame Claude, Berlin



Tetuzi Akiyama, Paris, 22.10.10


Konzert: Tetuzi Akiyama (Jozef Van Wissem, Chris Forsyth, Quentin Dubost)

Ort: Espace en Cours
Datum: 22.10.2010

Zuschauer: etwa 100


Ob ich jetzt noch zu diesem mysteriösen Ort namens Espace en Cours gehen soll? Ich sehe auf meine Armbanduhr und stelle fest, daß es schon 23 Uhr ist. Ich befinde mich gerade im Bastilleviertel, wo ich ein Konzert meiner Helden von Kim Novak gesehen habe. Ebenfalls heute abend spielte aber auch ein Musiker auf, den ich am Sonntag zu einer Oliver Peel Session erwarte. Sein Name: Jozef van Wissem. Ein Amerikaner mit holländischen Wurzeln, der als einer von ganz wenigen zeitgenössischen Künstlern auf einer mittelalterlichen Laute (Vorläufer der Gitarre) spielen und komponieren kann. Jozef war im Espace en Cours als einer von vier sehr speziellen Musikern angesetzt. Ich frage mich, ob es sich noch lohnt, von Bastille bis zum Place de Réunion zu fahren, der eine halbe Stunde entfernt liegt. Ehrgeizig und unermüdlich wie ich bin, versuche ich mein Glück. Laut Plan befindet sich der Ort in der Nähe der Flèche d'or. Ziemlich stark frierend latsche ich die Straßen des Viertels ab. Auf meinem Weg komme ich an einer Gruppe Farbiger vorbei, die auf Bänken abhängen und lauten, harten Rap hören. Sie sind friedlich, lassen mich unbeachtet passieren. Wir sind ja schließlich auch nicht in der Bronx der 1970er Jahre! Ich erreiche den Place de Réuninon, der wirklich ziemlich viel Charme hat. Keine reiche Gegend, aber ein Viertel mit Potential. Diejenigen, die schon länger hier wohnen, fürchten sich sicherlich davor, daß hier ein paar wohlhabende Schnösel auf den Geschmack kommen, die Wohnungen Luxus sanieren, schicke Cafés und Galerien aufmachen und die Mietpreise klettern lassen. Noch aber sind die Immobilienhaie nicht eingestiegen und kurioserwiese liegt ein einzelner Schuh auf dem verlassenen Platz. Warum bitte schön, verlieren Leute immer wieder einzelne Schuhe?

In einer Bar frage ich, wo man den Espace en Cours findet. Die marrokanische Kellnerin zuckt ratlos mit den Schultern und fragt ihren Chef. "Kennst Du hier einen Laden mit Livemusik?, fragt sie ihn ungläubig. "Zwei Häuser weiter unten", bedeutet mir der nette Herr und wünscht mir viel Spaß. Rue de la Réunion 56, eine Privatadresse, wie ich das schon geahnt hatte. Zum Glück ist die Eingangstür einen Spalt geöffnet, sonst wäre ich nie auf die Idee gekommen, daß mein Wunschort wirklich hier sein soll! Ich durchquere einen Flur und stoße auf einen schönen Innenhof. Ob denn Jozef van Wissem noch hier sei, will ich von den zwei jungen Frauen wissen, die hier den Empfang machen. Gespielt habe er schon meint die eine, es gebe aber gerade eben noch ein letztes Konzert, ergänzt die andere. Im Innenhof treffe ich witzigerweise gute Bekannte von mir, die auch schon bei ein paar Oliver Peel Sessions zugegen waren. Echte Kenner, die immer Bescheid wissen, wenn es irgendwo in der Stadt sehr spezielle Konzerte gibt. Ich vernehme hypnotische Instrumentalmusik und frage meine Kumpels, wo denn überhaupt der Eingang zum eigentlichen Konzertsal sei. Sie zeigen auf den rechteckigen Raum neben uns. Das Problem ist bloß, daß die Tür zu ist und ein dunkler Vorhabg alles verhüllt. Ich schiebe dennoch die Tür auf und stehe plötzlich direkt neben Jeanne Madic, die auch schon einmal eine Oliver Peel Session bei mir gespielt hat. Neben ihr kauert ein Hüne mit langen, strähnigen Haaren, ich erahne sofort , daß es sich um Jozef van Wissem handeln muß. Ich kenne sein Gesicht von Videoplattformen im Internet. Hinter ihm stehend, sehe ich kaum, was sich auf der Bühne abspielt. Es ist mucksmäuschenstill und die Leute haben teilweise die Augen geschlossen. Wie in Hypnose hören sie der Instrumentalmusik des Japaners Tetuzi Akiyama zu. Der Asiat trägt einen schwarzen Cowboyhut und verzerrt auf verschiedene Weise seine Akustikgitarre. Das Ganze ist sehr monoton und repetitiv, aber kurioserweise gerade deshalb spannend. Die Atmosphäre ist knisternd, keiner rührt sich, niemand schießt Fotos. Die improvisierte Bühne ist nur durch eine funzelige alte Stehlampe erleuchtet. Ein Szenario wie in einem Indiefilm. Cool! Und Oliver Peel ist wieder mitendrin! Ein kultiviert ausehender Mann um die 50 hat die Augen geschlossen und hält sich förmlich an seiner Bierflasche fest. Es ist eine bizarre Geschichte, die Sache hat fast schamanischen Charakter. Mein Vater hätte mich bestimmt hier nicht hingehen lassen, aber er schlummert ja in Frieden.

Irgendwann ist Akiyama mit seinem Set durch, nimmt seinen Hut ab und verneigt sich kurz. Die Leute dringen nach draußen, es war heiß hier drin. Jetzt habe ich Gelegenheit den Raum zu inspizieren. Eine Art Künstleratelier. Maler oder Bildhauer könnten hier prima arbeiten, Architekten ihre Pläne zeichnen. Auf dem Boden liegen alte Teppiche und in dem Raum befindet sich auch ein hölzernes Möbel, das ich noch nie zuvor gesehen hatte. Auf französich heißt das gute Stück "une maie", eine Art Truhe. Das wäre dann doch wieder was für meinen Vater gewesen, den alten Antiquitätenfreak. Ich komme mit dem Amerikaner Chris Forsyth ins Gespräch, der vorher hier gespielt hatte und lerne dann auch endlich Jozef van Wissem kennen. Er war zufrieden mit der Veranstaltung, hat ein paar Cds verkauft und verabschiedet sich dann auch schon, denn morgen spielt er in Belgien, bevor er am Sonntag extra für die Oliver Peel Session zurück kommt. Was für eine Ehre!

Ich bin sehr gespannt! Ansonsten bleibe ich auch mit dem Veranstalter dieses sehr speziellen Abends in Kontakt. Seine Sache nennt der gebürtige Pole "le non_jazz "und demnächst organisert er auch in einem Laden namens Le Tunnel. Klingt ebenfalls verlockend!

Ausgewählte Konzerttermine von Jozef van Wissem:

23.10.2010: Le Vecteur, Charleroi
24.10.2010: Oliver Peel Session, Paris
31.10.2010: Walpodienakademie,Mainz
2.11.2010: Cairo, Würzburg
23.11.2010: Madame Claude, Berlin