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My Year in Lists - Konzerte des Jahres (Mary Jones)


Das Konzertjahr 2010 hatten wir hier längst abgearbeitet, aber gestern ist nachträglich eine e-mail von Mary Jones mit ihrer Bestenliste in meinen Briefkasten geflattert. Die amerikanische Musikmanagerin aus Chicago kümmert sich um viele tolle Künstler, die unbedingt Erwähnung finden müssen: Arborea, Shelley Short, Scotland Yard Gospel Choir und einige andere. Bis vor kurzem hat sie auch für den innovativen deutschen Pianisten Hauschka gerbeitet und was der Mann aus Düsseldorft macht ist wirklich hochspannend. Erst kürzlich wurde sein Album Foreign Landscapes in der renommierten Musikzeitschrift Uncut mit vier Sternen bedacht.*
Ansonsten widmet sich Mary Jones aber in erster Linie der Vermarktung ihres Schützlings Tom Brosseau und seines anderen Projekts Les Shelleys. Cool, die Oliver Peel Session mit den Shelleys war Konzert des Jahres für Mary!



Konzerte des Jahres 2010 (Mary Jones Management)

1) Les Shelleys at Oliver Peel Session, Paris FR
2) Les Shelleys at The Social, London UK
3) La Roux at Schubas, Chicago IL
4) Fever Ray at Metro, Chicago IL
5) LCD Soundsystem at Metro, Chicago IL
6) Wolf Parade, Big Boi, LCD Soundsystem and Major Lazer at Pitchfork Music Festival, Chicago IL

* Deutsche Konzerttermine Hauschka:

04.02.2011: HBC, Berlin
07.02.2011: Club Transmediale @ HBC, Berlin


My Year in Lists - Konzerte des Jahres (Mary Jones)


Das Konzertjahr 2010 hatten wir hier längst abgearbeitet, aber gestern ist nachträglich eine e-mail von Mary Jones mit ihrer Bestenliste in meinen Briefkasten geflattert. Die amerikanische Musikmanagerin aus Chicago kümmert sich um viele tolle Künstler, die unbedingt Erwähnung finden müssen: Arborea, Shelley Short, Scotland Yard Gospel Choir und einige andere. Bis vor kurzem hat sie auch für den innovativen deutschen Pianisten Hauschka gerbeitet und was der Mann aus Düsseldorft macht ist wirklich hochspannend. Erst kürzlich wurde sein Album Foreign Landscapes in der renommierten Musikzeitschrift Uncut mit vier Sternen bedacht.*
Ansonsten widmet sich Mary Jones aber in erster Linie der Vermarktung ihres Schützlings Tom Brosseau und seines anderen Projekts Les Shelleys. Cool, die Oliver Peel Session mit den Shelleys war Konzert des Jahres für Mary!



Konzerte des Jahres 2010 (Mary Jones Management)

1) Les Shelleys at Oliver Peel Session, Paris FR
2) Les Shelleys at The Social, London UK
3) La Roux at Schubas, Chicago IL
4) Fever Ray at Metro, Chicago IL
5) LCD Soundsystem at Metro, Chicago IL
6) Wolf Parade, Big Boi, LCD Soundsystem and Major Lazer at Pitchfork Music Festival, Chicago IL

* Deutsche Konzerttermine Hauschka:

04.02.2011: HBC, Berlin
07.02.2011: Club Transmediale @ HBC, Berlin


My year in lists: die 15 besten Konzerte des Jahres (Christoph)


Ach herrje, diese 2010er Bestenliste überfordert mich massiv! Zum einen habe ich zu viele gute Konzerte gesehen, was eine objektive Bewertung erschwert. Bei den schlechten Auftritten war das einfacher, denn wenn wenig Auswahl vorhanden ist, behält man leichter den Überblick. Zum anderen (das deutlich größere Problem), wollte ich unbedingt vermeiden, eine elende Angeberliste zu schreiben. Ach guck mal, wie viel ich doch rumgekommen bin - zum Kotzen! Allerdings habe ich nun mal einige der besten Konzerte meines Jahres an noch exotischeren Orten als Frankfurt gesehen, also Augen zu und durch...

Vorher aber noch ein paar (vermutlich nur für mich interessante) Daten:
  • ich zähle in meiner Statistik alle Konzerte, die ich ganz gesehen habe, auch Festivalauftritte. Leider ist es mir nicht gelungen, zweistellig zu bleiben
  • in der Länderstatistik siegen diesmal die USA und England mit je 34 Bands, die ich gesehen habe, es folgt Deutschland (Vorgruppenliebling...) mit 22, dann Kanada und Schottland mit je 14 (wenn ich irgendwann noch alle Bowlie Sachen schreibe, schafft Glasgow vielleicht noch Platz 3)
  • die beste Zeit, Konzerte zu sehen, ist zwischen dem 10. und 12. November eines Jahres
  • Entschuldigung an alle Bands, die herausragende Konzerte gespielt haben, die aber alle um die Plätze 16 bis 20 gestritten hätten*

15: Stars, New York, 24.09.10

"We are Stars and so are you." Ob im Publikum Stars oder Sternchen waren, wissen wir nicht, wir
vermuteten es. Aber auf der Bühne sangen und tanzten echte Stars strahlend hell. Ich habe die Kanadier einige Male gesehen, die meisten dieser Konzerte waren ausgezeichnet. In den USA ist diese Band aber viel größer, und das merkte man an diesem Abend an vielem, am deutlichsten aber immer dann, wenn sie einen ihrer großen Hits spielten und alle, wirklich alle mitsangen. Definitiv eines der besten Konzerte meines Jahres!

14: Zoey Van Goey, Bowlie 2, 12.12.10

Obwohl ich beim Bowlie 2 Weekender (ein fieses Wort für eine tolle Art Veranstaltung) heiß auf das
Konzert von Zoey Van Goey war, hätte ich vorher nicht erwartet, wie gut die schottische Band sein würde. Zoey Van Goey kenne ich seit ihrem Debütalbum 2009, dessen sonniger Indiepop mich sofort begeistert hat. Wegen des bisher leider mäßigen Erfolgs spielte das Trio aus Glasgow (ein Ire, eine Engländerin und ein Kanadier) bisher noch nicht in Deutschland, keine Chance also, Zoey... einmal live zu sehen. Bis zum Bowlie.

In Butlins Minehead spielten ZvG als letzte Band, spät am Sonntagabend. Wenn ich nicht vorher schon so begeistert gewesen wäre, hätte ich mir den Auftritt vielleicht mangels Energie gespart. Aber wegen der großen Neugierde packten wir die letzten Motivationsbrocken und gingen um Mitternacht in den immer nach Essen riechenden Saal der Center Stage und erlebten eine wundervolle Dreiviertelstunde bester Indiepopmelodien. Weil Zoey Van Goey hauptsächlich Stücke ihres im Februar erscheinenden Albums spielten, kannte ich dann doch kaum etwas, das machte aber nichts, denn auch die neuen Lieder verzückten das Publikum. Wenn man nach einem langen, anstrengenden Wochenende mit über 20 Konzerten und total übermüdet einer Band nach Mitternacht noch aufmerksam und gefesselt folgt, hat die wohl viel richtig gemacht!

13: Pavement, New York, 21.09.10

Diese Geschichte erzähle ich immer wieder gerne - weil sie ein Happy End hat, oder eigentlich sogar
mehrere. Pavement, die schief klingenden aber stilbildenden 90er Helden, hatten irgendwann 2009 ihr Comeback angekündigt. Darüber war immer wieder spekuliert worden, mal sollten sie beim Coachella auftreten, dann wieder sonstwo, aber erst mit der offiziellen Meldung, im September fände das Comeback mit einem Konzert im Central Park statt, wurde es ernst.

Timing und Ort passten gut zu Urlaubsplänen, ich musste also nicht lange überredet werden, zum großen Comeback Auftritt zu fahren. Natürlich sind Comeback Konzerte nie Comeback Konzerte. Vorher finden immer schon zig andere statt. So war das allererste dann auch bereits mein drittes - aber vollkommen egal, Pavement machten das Spiel mit, redeten dauernd vom ersten gemeinsamen Auftritt nach
Jahren, hatten ihre Familien dabei, und selbst das Wetter spielte perfekt mit. Ein wunderschöner sonniger Abend im Central Park, außen die Hochhäuser mit den teuren Eigentumswohnungen, eine großartige Setlist, es war perfekt!

12: Jonsi, Latitude Festival, 18.07.10

Als Indianer verkleidete Musiker, die mit Falsettstimme bombastische Popsongs singen, haben in meiner Liste nichts zu suchen, solche Sachen finde ich scheußlich.

Außer Jonsi, der darf all das; und sein Konzert im Zelt des Latitude-Festivals war unglaublich schön und mitreißend!

11: The Strange Death Of Liberal England, Köln, 10.11.10

Bombastisch waren auch The Strange Death Of
Liberal England. Aber auch die Briten befinden sich auf der guten Seite des Bombastes. Ich kannte die neue Platte der Band nicht, als ich sie als Support der sehr guten Slut im Luxor sah, kaufte sie aber umgehend nach dem Konzert, weil mein zweites Mal TSDOLE überragend gut war, weil die Band unendlich sympathisch ist (und nicht, weil der rothaarige Sänger sich hinterher an ein Gespräch vor zwei Jahren im Blue Shell und an "meinsuhausemeinblog" erinnerte, was mich und seine Bandmitglieder beeindruckt zurückließ).

10: Belle & Sebastian, New York, 30.09.10

Im Vorfeld hatte ich am meisten Spaß damit, auf die häufig gestellte Frage "du fährst wegen Belle &
Sebastian nach New York?" wahrheitsgemäß mit einem energischen "Nein!" zu antworten (die zweite Hälfte "ich fahre wegen Pavement, Belle & Sebastian kamen zufällig dazu" sprach ich aber nie laut aus).

Als wir den Urlaub planten, war klar, daß es in New York auch an den anderen Abenden aufregende Konzerte geben würde. Daß es aber ausgerechnet meine Lieblinge aus Glasgow sein würden, hätte ich mir nicht erträumt.

Ich war erst morgens wieder in New York angekommen, mein Flug würde am kommenden Abend zurückgehen. Auf der Busfahrt von Boston nach Manhattan
ahnte selbst der größte Optimist, daß die miesen Wettervorhersagen stimmen würden. "Heavy thunderstorms" hatte man angekündigt, was schon bedrohlicher klingt als "Sommergewitter." Es regnete, es wurde aber Stunde um Stunde immer dunkler am Himmel. Im Internet wurde bei lastfm und Twitter viel spekuliert, ob das Konzert in Williamsburg (das Deutz New Yorks) stattfinden könnte. Auch die Band twitterte Zweifel und verkündete, daß während eines Gewitters nicht gespielt werden könnte, man suche dann schnellstmöglich nach einem Ersatztermin. Erst einmal wurde das Konzert um eine Stunde vorverlegt, wegen des Wetterradars... Obwohl meine Versuche, mich wenigstens wetterfest zu machen, nicht ganz funktionierten (sucht mal in einer hippen Weltstadt nach billigen Einweg-Gummistiefeln...), ließ ich mich nicht verunsichern und war pünktlich da. Während das schon klischeehaft nach New Yorker B&S Fans aussehende Publikum auf Teenage Fanclub wartete, wurde es noch dunkler am Himmel, oben sah es aus wie das Publikum bei Recoil.

Aber - oh Wunder! - es blieb trocken. Es stürmte zwar wie bekloppt, die Nebelmaschine sah aus, als habe sie Asthma, es ging aber gut. Und diese Gotham City Atmosphäre gab dem fabelhaften Konzert dann noch den Rest. Teenage Fanclub waren schon toll, Belle & Sebastian verzauberten uns dann aber endgültig. Und
Piazza, New York catcher vor Ort zu hören, nicht weit weg vom ehemaligen Shea Stadium, war ein ganz besonderes Schmankerl!

09: Get Well Soon, Dortmund, 08.05.10

Zu Get Well Soon muß man mittlerweile glücklicherweise nicht mehr viel sagen. Es hat sich
rumgesprochen, wie gut das Dauerprojekt von Konstantin Gropper ist. Würde Get Well Soon in den kommenden zehn Jahren immer unter den zehn besten Konzerten jeden Jahres sein, ich hätte nichts dagegen!

2010 habe ich wieder ein paar GWS Konzerte gesehen, jedes gehörte in eine Bestenliste. Das beste im Nachgang war das, das anders war, nämlich (so weit es geht) akustisch und mit Grand Ensemble. Es war der Auftritt im Dortmunder Konzerthaus im Mai. In der Reihe Popabo spielen ja pro Saison vier oder fünf Bands unseres Geschmacks in dem klassischen Konzerthaus und können, wenn sie das denn ausnutzen, massiv von der hervorragenden Akustik des Hauses profitieren. Get Well Soon können das, Konstantin Gropper gehört schließlich zu den größten deutschen Musikern seiner Generation, seine Mitmusiker beherrschen x Instrumente. Und so war der Beginn des Abends schon einer der schönsten
Momente des Jahres, als Verena Gropper und Maxxi Schenkel ein Glockenspiel und Marimba Duett spielten. Wundervoll wie der ganze Abend!

08: The Charlatans, Primavera Festival, 29.05.10

Viel habe ich über dieses Konzert nicht geschrieben. Viel muß man auch nicht darüber sagen, manchmal ist weniger ja mehr. Das galt ja schließlich auch für diesen Abend. Kein Schnickschnack, keine aufwendigen Frisuren, nur das wundervolle Album Some friendly und ein paar Ergänzungen. Und die Erkenntnis, daß die Charlatans so aufregend sind wie damals, als sie meine Lieblingsband wurden. Dieser Orgelsound an diesem wundervollen Frühsommerabend, das war so viel hipper als viele der aktuell angesagten Bands.

07: Erland And The Carnival, Duisburg, 12.11.10

Dieses Konzert war eine echte Perle! Daß Erland And The Carnival auf Platte wunderschönen, an früher
erinnernden Pop spielen, war mein Antrieb, in einer schlimm-vollgepackten Woche nach Duisburg zu fahren. Daß die Briten dann aber live so viel druckvoller waren, machte ihre Musik komplett neu und noch einmal fünf Klassen besser! Es war rockig, es war laut, und es war unfassbar gut!

06: Warpaint, Frankfurt, 11.11.10

In Warpaint habe ich mich am 16.05.10
verliebt. Toll, daß ich das genaue Datum immer wissen werde, das passiert nicht bei vielen Lieben.

Wir waren in Brüssel, um vor allem Wolf Parade zu sehen. Aber auch Warpaint war fest eingeplant, ein Stau raubte uns dann aber eine Stunde, wir kamen nur noch in den Genuß der letzten beiden Lieder. Die reichten aber aus, um mich restlos vom minimalistischen Sound der Amerikanerinnen zu überzeugen. Ich habe einige ähnlich klingende Bands in letzter Zeit gesehen, darunter die tollen Dum Dum Girls oder die noch viel tolleren Best Coast. Aber nichts hat mich so sehr beeindruckt, wie die durchdachte, dabei so einfach klingende Musik von Warpaint. Und dann hatten sie mit Billie Holiday auch noch das beste Livelied des Jahres im Programm.

05: Dean Wareham plays Galaxie 500, Bowlie 2, 11.12.10

Alte Helden neigen dazu, schlimm zu enttäuschen. Würdevolles Altern ist bei Rockstars leider keine
Kernkompetenz.

Allerdings schien das keine der ollen Bands beim Bowlie je gehört zu haben, alle, die ich da gesehen habe, haben nichts von ihrem Stil verloren und waren nicht bloß verblassende Kopien ihres früheren Ichs.

Dean Wareham sieht weder alt aus, seine Musik (bzw. die von Galaxie 500) wirkt auch vollkommen frisch und hochaktuell. Eine alte Lieblingsband, die mir so überragend gut verdeutlichte, warum ich sie vor 20 Jahren geliebt habe und warum ich sie noch heute liebe, habe ich bisher nie gesehen. Wahrscheinlich ist das nicht indiekorrekt, dieses Galaxie 500 Konzert so zu mögen, weil ja nur Dean Wareham von damals dabei war. Ach, vollkommen egal! Das war brillant, das war Galaxie 500 und das war das beste Konzert des Jahres!
Käme da nicht noch...

04: Owen Pallett, Primavera Festival, 28.05.10

Owen Pallett wird auch 2011 in dieser Liste auftauchen. Im Februar sehe ich den Kanadier in
Eindhoven, es ist also sichergestellt, daß er unter den Konzerten des Jahres auftauchen wird. Kaum vorstellbar, daß ich 2011 15 bessere Gigs sehen werde, wer sollte das sein.

Owen Palletts Arrangements sind so toll und funktionieren live in jeder Umgebung. Dabei zu sein, wie Lieder schichtweise aufgebaut werden und immer komplexer werden, verliert nie an Reiz. Wenn dann Saal und Sound so irre gut wie im Auditori Dings in Barcelona sind, könnte das Konzert auch locker auf Platz eins sein. Käme da nicht noch...

03: Edwyn Collins, Bowlie 2, 11.12.10

Von diesem Konzert habe ich nichts
erwartet. Edwyn Collins? Nett. Lass mal den Anfang ansehen.

Daraus wurde eine Dreiviertelstunde höchster Emotionalität, obwohl ich davon bei Konzerten üblicherweise kein Freund bin. Aber wie kann man sich dem Charme des schottischen Musikers, den zwei Gehirnschläge fast aus dem Spiel genommen hätten, entziehen? Oder seinen fabelhaften Songs, die er sitzend und wippend darbot? Als dann noch zusätzlich zur Begleitband Teenage Fanclub Gastmusiker der Cribs und von Franz Ferdinand auftauchten, und alle das so offensichtlich aus Hochachtung vor Edwyn Collins machten, machte das den Eindruck vom Konzert nicht schlechter. Aber auch ohne diese Auftritte eine klare Nummer eins 2010!

Käme da nicht noch...

02: The National, Latitude Festival, 16.07.10

The National habe ich 2010 ein paarmal gesehen, und jedes dieser Konzerte war hervorragend. Allerdings
sticht der Auftritt der Amerikaner beim Latitude aus dieser Liste deutlich hervor, obwohl ja eigentlich Festivals an Clubkonzerte nie ranreichen.

Besonders an diesem Abend war die Intensität des Konzerts. Obwohl das Zirkuszelt, das als eine der Bühnen diente, knallvoll war, stand man fast auf der Bühne, egal wo man war. Jeder sang mit, es war eine spannende, elektrisierende Atmosphäre, wie ich sie bei einem Konzert noch nie erlebt habe. Daß The National eine der größten Livebands sind, predigen wir schon lange. Aber es gibt eben auch noch einen himmelweiten Unterschied zwischen Konzerten hier und in England, weil das Publikum aktiver ist. In der schlechten Version bedeutet das besoffene Briten, die ihr Bier nach vorne schmeißen und mitten im Publikum in den leeren Becher pinkeln (leider nicht ausgedacht), in der guten Version ist es ein brillantes Publikum, das Krach macht, mitsingt, die Band feiert und sich nicht nur passiv berieseln lässt. Daß ein Mann bei The National nach vorne brüllt: "ich benenne mein Kind nach euch!" kann es nur auf der Insel geben.

Bei diesem Konzert gab es zwei Lieder, bei denen es mir eiskalt den Rücken runterlief; ich war vollkommen sicher, mein Konzert des Jahres gesehen zu haben, käme da nicht noch...

01: Arcade Fire, Düsseldorf, 29.11.10

The National oder Arcade Fire? Bei Power out war die Entscheidung gefallen. The National waren grandios, gar keine Frage. Aber Arcade Fire hatten schlicht mehr von diesen seltenen Gänsehautmomenten.

Mein Konzert des Jahres also trotz einiger widriger Umstände (Schneechaos, schlimme Vorgruppe, Philipshalle) Arcade Fire in Düsseldorf. Ich möchte gar nicht mehr furchtbar viel dazu schreiben, das habe ich ja schon ausführlich getan (siehe Link oben). Nur vielleicht noch, daß ich sehr zufrieden mit meinem Konzert des Jahres bin. Und nicht nur, weil es in einer Stadt stattfand, mit der ich nicht angeben kann.


* Tocotronic, Wolf Parade, Efterklang, Locas In Love, The Indelicates, Los Campesinos!, Sky Larkin, Franz Ferdinand, The Album Leaf

My year in lists: die 15 besten Konzerte des Jahres (Christoph)


Ach herrje, diese 2010er Bestenliste überfordert mich massiv! Zum einen habe ich zu viele gute Konzerte gesehen, was eine objektive Bewertung erschwert. Bei den schlechten Auftritten war das einfacher, denn wenn wenig Auswahl vorhanden ist, behält man leichter den Überblick. Zum anderen (das deutlich größere Problem), wollte ich unbedingt vermeiden, eine elende Angeberliste zu schreiben. Ach guck mal, wie viel ich doch rumgekommen bin - zum Kotzen! Allerdings habe ich nun mal einige der besten Konzerte meines Jahres an noch exotischeren Orten als Frankfurt gesehen, also Augen zu und durch...

Vorher aber noch ein paar (vermutlich nur für mich interessante) Daten:
  • ich zähle in meiner Statistik alle Konzerte, die ich ganz gesehen habe, auch Festivalauftritte. Leider ist es mir nicht gelungen, zweistellig zu bleiben
  • in der Länderstatistik siegen diesmal die USA und England mit je 34 Bands, die ich gesehen habe, es folgt Deutschland (Vorgruppenliebling...) mit 22, dann Kanada und Schottland mit je 14 (wenn ich irgendwann noch alle Bowlie Sachen schreibe, schafft Glasgow vielleicht noch Platz 3)
  • die beste Zeit, Konzerte zu sehen, ist zwischen dem 10. und 12. November eines Jahres
  • Entschuldigung an alle Bands, die herausragende Konzerte gespielt haben, die aber alle um die Plätze 16 bis 20 gestritten hätten*

15: Stars, New York, 24.09.10

"We are Stars and so are you." Ob im Publikum Stars oder Sternchen waren, wissen wir nicht, wir
vermuteten es. Aber auf der Bühne sangen und tanzten echte Stars strahlend hell. Ich habe die Kanadier einige Male gesehen, die meisten dieser Konzerte waren ausgezeichnet. In den USA ist diese Band aber viel größer, und das merkte man an diesem Abend an vielem, am deutlichsten aber immer dann, wenn sie einen ihrer großen Hits spielten und alle, wirklich alle mitsangen. Definitiv eines der besten Konzerte meines Jahres!

14: Zoey Van Goey, Bowlie 2, 12.12.10

Obwohl ich beim Bowlie 2 Weekender (ein fieses Wort für eine tolle Art Veranstaltung) heiß auf das
Konzert von Zoey Van Goey war, hätte ich vorher nicht erwartet, wie gut die schottische Band sein würde. Zoey Van Goey kenne ich seit ihrem Debütalbum 2009, dessen sonniger Indiepop mich sofort begeistert hat. Wegen des bisher leider mäßigen Erfolgs spielte das Trio aus Glasgow (ein Ire, eine Engländerin und ein Kanadier) bisher noch nicht in Deutschland, keine Chance also, Zoey... einmal live zu sehen. Bis zum Bowlie.

In Butlins Minehead spielten ZvG als letzte Band, spät am Sonntagabend. Wenn ich nicht vorher schon so begeistert gewesen wäre, hätte ich mir den Auftritt vielleicht mangels Energie gespart. Aber wegen der großen Neugierde packten wir die letzten Motivationsbrocken und gingen um Mitternacht in den immer nach Essen riechenden Saal der Center Stage und erlebten eine wundervolle Dreiviertelstunde bester Indiepopmelodien. Weil Zoey Van Goey hauptsächlich Stücke ihres im Februar erscheinenden Albums spielten, kannte ich dann doch kaum etwas, das machte aber nichts, denn auch die neuen Lieder verzückten das Publikum. Wenn man nach einem langen, anstrengenden Wochenende mit über 20 Konzerten und total übermüdet einer Band nach Mitternacht noch aufmerksam und gefesselt folgt, hat die wohl viel richtig gemacht!

13: Pavement, New York, 21.09.10

Diese Geschichte erzähle ich immer wieder gerne - weil sie ein Happy End hat, oder eigentlich sogar
mehrere. Pavement, die schief klingenden aber stilbildenden 90er Helden, hatten irgendwann 2009 ihr Comeback angekündigt. Darüber war immer wieder spekuliert worden, mal sollten sie beim Coachella auftreten, dann wieder sonstwo, aber erst mit der offiziellen Meldung, im September fände das Comeback mit einem Konzert im Central Park statt, wurde es ernst.

Timing und Ort passten gut zu Urlaubsplänen, ich musste also nicht lange überredet werden, zum großen Comeback Auftritt zu fahren. Natürlich sind Comeback Konzerte nie Comeback Konzerte. Vorher finden immer schon zig andere statt. So war das allererste dann auch bereits mein drittes - aber vollkommen egal, Pavement machten das Spiel mit, redeten dauernd vom ersten gemeinsamen Auftritt nach
Jahren, hatten ihre Familien dabei, und selbst das Wetter spielte perfekt mit. Ein wunderschöner sonniger Abend im Central Park, außen die Hochhäuser mit den teuren Eigentumswohnungen, eine großartige Setlist, es war perfekt!

12: Jonsi, Latitude Festival, 18.07.10

Als Indianer verkleidete Musiker, die mit Falsettstimme bombastische Popsongs singen, haben in meiner Liste nichts zu suchen, solche Sachen finde ich scheußlich.

Außer Jonsi, der darf all das; und sein Konzert im Zelt des Latitude-Festivals war unglaublich schön und mitreißend!

11: The Strange Death Of Liberal England, Köln, 10.11.10

Bombastisch waren auch The Strange Death Of
Liberal England. Aber auch die Briten befinden sich auf der guten Seite des Bombastes. Ich kannte die neue Platte der Band nicht, als ich sie als Support der sehr guten Slut im Luxor sah, kaufte sie aber umgehend nach dem Konzert, weil mein zweites Mal TSDOLE überragend gut war, weil die Band unendlich sympathisch ist (und nicht, weil der rothaarige Sänger sich hinterher an ein Gespräch vor zwei Jahren im Blue Shell und an "meinsuhausemeinblog" erinnerte, was mich und seine Bandmitglieder beeindruckt zurückließ).

10: Belle & Sebastian, New York, 30.09.10

Im Vorfeld hatte ich am meisten Spaß damit, auf die häufig gestellte Frage "du fährst wegen Belle &
Sebastian nach New York?" wahrheitsgemäß mit einem energischen "Nein!" zu antworten (die zweite Hälfte "ich fahre wegen Pavement, Belle & Sebastian kamen zufällig dazu" sprach ich aber nie laut aus).

Als wir den Urlaub planten, war klar, daß es in New York auch an den anderen Abenden aufregende Konzerte geben würde. Daß es aber ausgerechnet meine Lieblinge aus Glasgow sein würden, hätte ich mir nicht erträumt.

Ich war erst morgens wieder in New York angekommen, mein Flug würde am kommenden Abend zurückgehen. Auf der Busfahrt von Boston nach Manhattan
ahnte selbst der größte Optimist, daß die miesen Wettervorhersagen stimmen würden. "Heavy thunderstorms" hatte man angekündigt, was schon bedrohlicher klingt als "Sommergewitter." Es regnete, es wurde aber Stunde um Stunde immer dunkler am Himmel. Im Internet wurde bei lastfm und Twitter viel spekuliert, ob das Konzert in Williamsburg (das Deutz New Yorks) stattfinden könnte. Auch die Band twitterte Zweifel und verkündete, daß während eines Gewitters nicht gespielt werden könnte, man suche dann schnellstmöglich nach einem Ersatztermin. Erst einmal wurde das Konzert um eine Stunde vorverlegt, wegen des Wetterradars... Obwohl meine Versuche, mich wenigstens wetterfest zu machen, nicht ganz funktionierten (sucht mal in einer hippen Weltstadt nach billigen Einweg-Gummistiefeln...), ließ ich mich nicht verunsichern und war pünktlich da. Während das schon klischeehaft nach New Yorker B&S Fans aussehende Publikum auf Teenage Fanclub wartete, wurde es noch dunkler am Himmel, oben sah es aus wie das Publikum bei Recoil.

Aber - oh Wunder! - es blieb trocken. Es stürmte zwar wie bekloppt, die Nebelmaschine sah aus, als habe sie Asthma, es ging aber gut. Und diese Gotham City Atmosphäre gab dem fabelhaften Konzert dann noch den Rest. Teenage Fanclub waren schon toll, Belle & Sebastian verzauberten uns dann aber endgültig. Und
Piazza, New York catcher vor Ort zu hören, nicht weit weg vom ehemaligen Shea Stadium, war ein ganz besonderes Schmankerl!

09: Get Well Soon, Dortmund, 08.05.10

Zu Get Well Soon muß man mittlerweile glücklicherweise nicht mehr viel sagen. Es hat sich
rumgesprochen, wie gut das Dauerprojekt von Konstantin Gropper ist. Würde Get Well Soon in den kommenden zehn Jahren immer unter den zehn besten Konzerten jeden Jahres sein, ich hätte nichts dagegen!

2010 habe ich wieder ein paar GWS Konzerte gesehen, jedes gehörte in eine Bestenliste. Das beste im Nachgang war das, das anders war, nämlich (so weit es geht) akustisch und mit Grand Ensemble. Es war der Auftritt im Dortmunder Konzerthaus im Mai. In der Reihe Popabo spielen ja pro Saison vier oder fünf Bands unseres Geschmacks in dem klassischen Konzerthaus und können, wenn sie das denn ausnutzen, massiv von der hervorragenden Akustik des Hauses profitieren. Get Well Soon können das, Konstantin Gropper gehört schließlich zu den größten deutschen Musikern seiner Generation, seine Mitmusiker beherrschen x Instrumente. Und so war der Beginn des Abends schon einer der schönsten
Momente des Jahres, als Verena Gropper und Maxxi Schenkel ein Glockenspiel und Marimba Duett spielten. Wundervoll wie der ganze Abend!

08: The Charlatans, Primavera Festival, 29.05.10

Viel habe ich über dieses Konzert nicht geschrieben. Viel muß man auch nicht darüber sagen, manchmal ist weniger ja mehr. Das galt ja schließlich auch für diesen Abend. Kein Schnickschnack, keine aufwendigen Frisuren, nur das wundervolle Album Some friendly und ein paar Ergänzungen. Und die Erkenntnis, daß die Charlatans so aufregend sind wie damals, als sie meine Lieblingsband wurden. Dieser Orgelsound an diesem wundervollen Frühsommerabend, das war so viel hipper als viele der aktuell angesagten Bands.

07: Erland And The Carnival, Duisburg, 12.11.10

Dieses Konzert war eine echte Perle! Daß Erland And The Carnival auf Platte wunderschönen, an früher
erinnernden Pop spielen, war mein Antrieb, in einer schlimm-vollgepackten Woche nach Duisburg zu fahren. Daß die Briten dann aber live so viel druckvoller waren, machte ihre Musik komplett neu und noch einmal fünf Klassen besser! Es war rockig, es war laut, und es war unfassbar gut!

06: Warpaint, Frankfurt, 11.11.10

In Warpaint habe ich mich am 16.05.10
verliebt. Toll, daß ich das genaue Datum immer wissen werde, das passiert nicht bei vielen Lieben.

Wir waren in Brüssel, um vor allem Wolf Parade zu sehen. Aber auch Warpaint war fest eingeplant, ein Stau raubte uns dann aber eine Stunde, wir kamen nur noch in den Genuß der letzten beiden Lieder. Die reichten aber aus, um mich restlos vom minimalistischen Sound der Amerikanerinnen zu überzeugen. Ich habe einige ähnlich klingende Bands in letzter Zeit gesehen, darunter die tollen Dum Dum Girls oder die noch viel tolleren Best Coast. Aber nichts hat mich so sehr beeindruckt, wie die durchdachte, dabei so einfach klingende Musik von Warpaint. Und dann hatten sie mit Billie Holiday auch noch das beste Livelied des Jahres im Programm.

05: Dean Wareham plays Galaxie 500, Bowlie 2, 11.12.10

Alte Helden neigen dazu, schlimm zu enttäuschen. Würdevolles Altern ist bei Rockstars leider keine
Kernkompetenz.

Allerdings schien das keine der ollen Bands beim Bowlie je gehört zu haben, alle, die ich da gesehen habe, haben nichts von ihrem Stil verloren und waren nicht bloß verblassende Kopien ihres früheren Ichs.

Dean Wareham sieht weder alt aus, seine Musik (bzw. die von Galaxie 500) wirkt auch vollkommen frisch und hochaktuell. Eine alte Lieblingsband, die mir so überragend gut verdeutlichte, warum ich sie vor 20 Jahren geliebt habe und warum ich sie noch heute liebe, habe ich bisher nie gesehen. Wahrscheinlich ist das nicht indiekorrekt, dieses Galaxie 500 Konzert so zu mögen, weil ja nur Dean Wareham von damals dabei war. Ach, vollkommen egal! Das war brillant, das war Galaxie 500 und das war das beste Konzert des Jahres!
Käme da nicht noch...

04: Owen Pallett, Primavera Festival, 28.05.10

Owen Pallett wird auch 2011 in dieser Liste auftauchen. Im Februar sehe ich den Kanadier in
Eindhoven, es ist also sichergestellt, daß er unter den Konzerten des Jahres auftauchen wird. Kaum vorstellbar, daß ich 2011 15 bessere Gigs sehen werde, wer sollte das sein.

Owen Palletts Arrangements sind so toll und funktionieren live in jeder Umgebung. Dabei zu sein, wie Lieder schichtweise aufgebaut werden und immer komplexer werden, verliert nie an Reiz. Wenn dann Saal und Sound so irre gut wie im Auditori Dings in Barcelona sind, könnte das Konzert auch locker auf Platz eins sein. Käme da nicht noch...

03: Edwyn Collins, Bowlie 2, 11.12.10

Von diesem Konzert habe ich nichts
erwartet. Edwyn Collins? Nett. Lass mal den Anfang ansehen.

Daraus wurde eine Dreiviertelstunde höchster Emotionalität, obwohl ich davon bei Konzerten üblicherweise kein Freund bin. Aber wie kann man sich dem Charme des schottischen Musikers, den zwei Gehirnschläge fast aus dem Spiel genommen hätten, entziehen? Oder seinen fabelhaften Songs, die er sitzend und wippend darbot? Als dann noch zusätzlich zur Begleitband Teenage Fanclub Gastmusiker der Cribs und von Franz Ferdinand auftauchten, und alle das so offensichtlich aus Hochachtung vor Edwyn Collins machten, machte das den Eindruck vom Konzert nicht schlechter. Aber auch ohne diese Auftritte eine klare Nummer eins 2010!

Käme da nicht noch...

02: The National, Latitude Festival, 16.07.10

The National habe ich 2010 ein paarmal gesehen, und jedes dieser Konzerte war hervorragend. Allerdings
sticht der Auftritt der Amerikaner beim Latitude aus dieser Liste deutlich hervor, obwohl ja eigentlich Festivals an Clubkonzerte nie ranreichen.

Besonders an diesem Abend war die Intensität des Konzerts. Obwohl das Zirkuszelt, das als eine der Bühnen diente, knallvoll war, stand man fast auf der Bühne, egal wo man war. Jeder sang mit, es war eine spannende, elektrisierende Atmosphäre, wie ich sie bei einem Konzert noch nie erlebt habe. Daß The National eine der größten Livebands sind, predigen wir schon lange. Aber es gibt eben auch noch einen himmelweiten Unterschied zwischen Konzerten hier und in England, weil das Publikum aktiver ist. In der schlechten Version bedeutet das besoffene Briten, die ihr Bier nach vorne schmeißen und mitten im Publikum in den leeren Becher pinkeln (leider nicht ausgedacht), in der guten Version ist es ein brillantes Publikum, das Krach macht, mitsingt, die Band feiert und sich nicht nur passiv berieseln lässt. Daß ein Mann bei The National nach vorne brüllt: "ich benenne mein Kind nach euch!" kann es nur auf der Insel geben.

Bei diesem Konzert gab es zwei Lieder, bei denen es mir eiskalt den Rücken runterlief; ich war vollkommen sicher, mein Konzert des Jahres gesehen zu haben, käme da nicht noch...

01: Arcade Fire, Düsseldorf, 29.11.10

The National oder Arcade Fire? Bei Power out war die Entscheidung gefallen. The National waren grandios, gar keine Frage. Aber Arcade Fire hatten schlicht mehr von diesen seltenen Gänsehautmomenten.

Mein Konzert des Jahres also trotz einiger widriger Umstände (Schneechaos, schlimme Vorgruppe, Philipshalle) Arcade Fire in Düsseldorf. Ich möchte gar nicht mehr furchtbar viel dazu schreiben, das habe ich ja schon ausführlich getan (siehe Link oben). Nur vielleicht noch, daß ich sehr zufrieden mit meinem Konzert des Jahres bin. Und nicht nur, weil es in einer Stadt stattfand, mit der ich nicht angeben kann.


* Tocotronic, Wolf Parade, Efterklang, Locas In Love, The Indelicates, Los Campesinos!, Sky Larkin, Franz Ferdinand, The Album Leaf

My year in lists: die 16 besten Konzerte des Jahres (Nelle)


Zum zweiten mal wird mir die Ehre zuteil meine Jahresliste hier zu veröffentlichen. Danke dafür! Im Vorjahr noch eine reine Liste, habe ich diese nun mit (viel zu vielen) Worten ausgeschmückt, die meist weniger das eigentliche Konzert als vielmehr das Drumrum oder die Geschichte zum Konzert ausschmücken.

2010 war ich auf deutlich weniger Konzerten als in den Jahren zuvor. Es fing direkt damit an, dass ich zum Jahresbeginn zwecks Studiumsbeendigung auf gar keine Konzerte ging und dabei viele potentielle Highlights (Fanfarlo, Local Natives, Everything Everything, El Pino and the Volunteers) wieder aus dem Kalender strich. Auch im weiteren Verlauf des Jahres ließ es die Zeit nicht zu, ständig nach Köln (wo aus Ruhrgebiets-Position nun mal ein Großteil der relevanten Konzerte stattfindet) zu fahren. Schon allein wegen der Zugverbindungen für den Rückweg. Gute Konzerte sind nämlich in Köln IMMER von Sonntags bis Donnerstags, da dann am nächsten Tag früh der Wecker geht und schlechtere Zugverbindungen gegeben sind. Zwei oder drei Fr./Sa.-Konzerte gab es glaube ich letztes Jahr mit meiner Beteiligung.

Auffällig war, dass 2010 immer mehr Konzerte von quatschenden Menschen zerstört werden. Gab es zwar schon immer, wird aber immer mehr. Tiefpunkt war wohl der Get Well Soon-Auftritt beim Rock im Saal, bei dem man die Musik irgendwann nicht mehr gehört hat vor lauter Rumgejohle im Publikum.

Es ist zudem immer schwer Abschiedskonzerte in so eine Liste einzubauen, weil man dann zu sentimental wird oder sich einbildet, das Konzert trotz seiner Bedeutung womöglich nicht hoch genug einzustufen. Daher taucht das Abschiedskonzert von Virginia Jetzt!, die mir mal wirklich wichtig waren, im Berliner Admiralspalast (welch toller Saal!) hier nicht auf. Auch dass Astra Kid vor kurzem noch einmal zusammengespielt haben und ein wirklich schönes Konzert in ihrer Heimatstadt Datteln abgeliefert haben, soll hier zwar Erwähnung, aber keine Platzierung in der Bestenliste finden.

Zu manchen Konzerte fehlt mir ein wenig die genaue Erinnerung, daher variiert die Textfülle etwas. Die Reihenfolge ist ab Platz 5 abwärts vielleicht auch nicht ganz richtig - es sind aber definitiv diese Konzerte, unter denen die Plätze verteilt werden. Da meine liebste Anekdote beim folgenden sechzehntbesten Auftritt stattfand, gibt es die etwas unorthodoxe Anzahl von – genau – 16 Konzerten.

16: Under Byen - Zeche Carl, Essen (27.03.10)

Freude: Mein erstes Konzert seit über zwei Jahren in der Zeche Carl. Die ist zwar der von mir aus gesehen nächstgelegene Veranstaltungsort (zu Fuß prima erreichbar), aber in der Zwischenzeit war da einfach nix. Erstmal: Juchu, bestuhlt (mit deutlich mehr Stühlen als Zuschauern übrigens). Nachdem die Vorband fertig war, passierte lange Zeit nichts. Da auch die Pausenmusik längst verklungen war, war es seltsam still. Irgendwann kamen dann vier oder fünf Bandmitglieder auf die Bühne, standen im hinteren Bereich der Bühne im Kreis und redeten leise, malten an einer Setlist rum und ansonsten passierte für fünf bis zehn Minuten nichts. Dann kam ein des Deutschen perfekt mächtiges Bandmitglied ans Mikro "Wir haben eine etwas prekäre Situation - unser Cellist ist sehr krank und noch hinten. Wir versuchen jetzt möglichst viele Stücke so zu spielen und vielleicht kommt er später noch dazu". Völlig unvermittelt dann von der Dame vor mir ein lautes "Hat der sich zufällig übergeben?". Band und Publikum gucken die Dame für die "ungewöhnliche" Frage etwas irritiert an, als diese fortfährt "Ich habe hier einen ganzen Medizinkoffer dabei...". Und dann holt sie unter ihrem Stuhl ein Köfferchen hervor, gibt irgendwas an die Band, erklärt was man wie wann nehmen muss und etwas mehr als fünf Minuten später sitzt der Cellist umjubelt an seinem Instrument und das Konzert beginnt. Unfassbar!!!!!

Das Konzert selbst war übrigens auch super.


15: Portugal. The Man - Haldern Pop (14.08.10)

Haben inzwischen fast so viele CDs veröffentlich wie Jack White. Die CDs höre ich nur selten, live aber immer wieder ganz groß.


14: K's Choice - Kulturkirche, Köln (29.04.10)

Mein erster Konzertbesuch überhaupt war das Pinkpop Festival 2001 in den Niederlanden (warum auch klein anfangen?). Headliner des ersten Abends dort: K's Choice. In Nederland glühend verehrt, sind sie hier über Achtungserfolge und eine immerhin sehr, sehr treue Fangemeinde nie so recht hinausgekommen. Der Auftritt damals war für mehrere Jahre mein "bestes Konzert aller Zeiten" (viele habe ich ja nicht gesehen...) und auch heute denke ich noch gern an den Auftritt zurück.

Fast neun Jahre später spielten sie nun nach einer längeren Pause erstmals wieder in Deutschland. Zwischendurch hatte ich Sängerin Sarah Bettens zweimal solo gesehen, aber das ist halt nicht das gleiche. Richard Ashcroft ist halt nicht The Verve. Ein schönes Konzert an einem tollen Ort an einem warmen Frühlingsabend mit den angenehmsten Fans der Welt. Perfekt.

13: Mumford & Sons - Köln, E-Werk (14.04.10)

Großartig in Haldern 2009, großartig in Dortmund 2009, fast so großartig in Köln 2010. Auf das E-Werk hatte ich vorher überhaupt keine Lust, aber trotz der Größe war das alles prima und fast intim.

12: Wir sind Helden - Gebäude 9, Köln (06.08.10)

Im Zeitraum 2003 bis 2006 habe ich "die Helden" auf zahllosen Konzerten im In- und Ausland erlebt. Besonders reizvoll waren dabei immer die kleinen Konzerte in kleinen Clubs, meist unter falschen Namen oder sonst wie "geheim". Im August 2010 gab es endlich wieder Konzerte unter dem beknackten Decknamen "Wo sind Helmet", der bereits im Frühjahr 2005 genutzt wurde. Nun spielte man noch einmal eine handvoll Konzerte im kleinen Rahmen, um sich nach einer mehr als einjährigen Konzertpause auf die großen Festivalauftritte der Folgewochen vorzubereiten. Und dann auch noch im Gebäude 9 an einem Freitag, sehr schön. Absurd, dass es noch eine Abendkasse gab - 30 Minuten vor Konzertbeginn waren in etwa so viele Leute da wie in Jena 2005 um 16 Uhr nachmittags.

Der Beginn des Konzerts war ganz schwach und das Konzert dümpelte zunächst etwa 20 Minuten vor sich hin. Die Band spielte anfangs nahezu wortlos, das Publikum wippte vor sich hin. Es wurd dann aber von beiden Seiten besser und als im Mittelteil ein Block aus alten Stücken kam, gab es kein Halten mehr. Plötzlich kamen aus allen Himmelsrichtungen Leute angehüpft, mit denen man vor gefühlten 100 Jahren schon die Konzerte besucht hat. Wundervoll. Am Ende war es zwar wieder etwas schwächer, aber egal. Ich hatte meinen Spaß.


11: Ellie Goulding - Delta, Essen (07.05.10)

Im Spätherbst 2009 lernte ich durch meinen Lieblings-Unbekannte-Bands-Podcast Ellie Goulding kennen, ein Mädchen mit Gitarre, das Popsongs spielte. Einige Zeit später wurden daraus ziemlich überproduzierte Elektropopsongs, die auch im Eins Live Tagesprogramm nicht weiter auffielen. Als ich das Debütalbum "Lights" zum ersten mal hörte, war ich ziemlich geschockt - was war da aus dem Gitarrenmädchen von Stücken wie "Not following you" (inzwischen von unser aller Lena Meyer-Landrut nahezu 1:1 neu aufgenommen und auf CDs verewigt) und "The end" geworden?!? Recht schnell stellte sich aber heraus: Das Album und die Songs waren trotzdem super - auch dicker Mainstreampop kann prima sein.

Zurück aber zum Konzert: Der Radiosender Eins Live veranstaltet einmal per anno die Aktion "Eine Nacht in..." und bucht dann nahezu alle Veranstaltungsstätten einer Stadt um dort Konzerte, Lesungen usw. zu veranstalten. Völlig unerwartet fand dies 2010 in meinem Wohnort Essen statt, wo ja sonst kaum ein gutes Konzert ist. Plötzlich hatte man Auswahl, was ja auch wieder ärgerlich ist. The Temper Trap auf dem Gelände der Zeche Zollverein hätte es z. B. noch gegeben. Ellie Goulding (sowie die Gruppe Delphic) spielten im Delta, einer Diskothek im Westviertel. Als genauer Ort (Fachjargon: "Floor") dort war der "Boxring" angekündigt, der sich auf Fotos auf der Homepage des Deltas auch als eben solcher entpuppte. Das schien super zu werden, die Band im Boxring und das Publikum drum rum. Leider war das dann doch nicht so, der Boxring wurde weggeräumt und eine normale Bühne an den Rand des Raums gestellt. Ellie Goulding ist nicht die beste Sängerin der Welt, auch nicht die schönste oder sonst was - aber sie hat mich an diesem Abend gnadenlos mitgerissen. Tolle Frau!

Laut last.fm übrigens mein meistgehörter Interpret 2010.

10: The Posies - Gleis 22, Münster (13.10.10)

Was soll man groß über die Posies schreiben? Eben.


09: The National - Haldern Pop (14.08.10)

Der National-Autritt beim Haldern 2008 ist als einer der besten dort in die Festivalgeschichte eingegangen und daran wird die Band auch nicht mehr rütteln können. Auch, wenn sie weniger technische Probleme haben als beim 2010er Headlineauftritt, das schaffen sie einfach nicht mehr.

Randanekdote: Da dies der letzte Auftritt des Festivals war, habe ich zuvor sämtliche Wertmarken versoffen. So stand ich nun also angetrunken vor der Hauptbühne und musste dringend für kleine Festivalgänger. Aber ich konnte nun nicht gehen... da vorne standen schließlich die mächtigen The National. So kam mir das Konzert einerseits endlos vor, andererseits war es aber auch viel zu schnell vorbei.


08: Kevin Devine - Amp, Münster (19.02.10)

Kennt ihr das, dass man eine Band nach einem überragenden Konzert gar kein weiteres mal sehen möchte? Kevin Devine hatte im Mai 2008 im Blue Shell ein solches Konzert gespielt. Es war nicht nur das "Konzert des Jahres 2008" in meinem allgemeinen Listenwahn, sondern wirklich das beste, das ich in den letzten Jahren gesehen habe. Danach konnte ich monatelang die CDs nicht mehr hören und ließ auch die nächste Tour aus. Fast zwei Jahre später traute ich mich dann doch wieder... vielleicht auch, weil ich das Amp so mag. Kevin Devine ist so unfassbar gut.

07: Gisbert zu Knyphausen - FFT, Düsseldorf (25.05.10)

Meinen Volkshelden Gisbert von und zu habe ich 2010 nicht weniger als fünfmal gesehen. Besonders erwähnenswert dabei vielleicht auch der Auftritt in einem Wartehäuschen am Münsteraner Bahnhof im Rahmen des Sozialpalast-Projektes. Bester Auftritt war aber das Maikonzert im Saal des Forum Freies Theater (FFT) in Düsseldorf. Den Auftakt machte der großartige Moritz Krämer mit einem sehr gelungenen Vorprogramm. Gisbert spielte anschließend beide Alben komplett und nocheinige weitere Stücke. Dabei sitzen in gemütlichen Theatersitzen entspricht genau meinen Vorstellungen eines gelungenen Abends.


06: Delphic - Delta, Essen (07.05.10)

Wie oben schon erwähnt war ich bei Ellie Goulding. Danach sollten noch Delphic spielen, die ich auf Grund des Intro-Hypes schon mal doof fand und deren einziges mir bekanntes Stück "Doubt" mich auch nicht grad vom Hocker riss. Naja, da ich ja ohnehin da war, wollte ich mir zumindest den Anfang angucken. Ich stellte mich also ganz nach hinten und wartete, dass die ganz bestimmt völlig überschätzte Band anfing. Selten hat mich eine Band so sehr vom Gegenteil überzeugt... das hat mich völlig weggeblasen. I wouldn't stop the red lights! Red light! Red light! Red lights!

05: Noah and the Whale - Luxor, Köln (25.04.10)

Die Briten von Noah and the Whale habe ich 2009 in Haldern zum ersten mal live gesehen - ein sehr unglücklicher Auftritt. Bekannt geworden sind sie durch eher fröhliche Folkpopnummern, das Debütalbum strotzte über große Längen vor Hits und Mitsing- oder -pfeiftiteln. Darauf freute ich mich und die meisten anderen Zuschauer wohl auch. Der Auftritt bestand dann aber fast ausschließlich aus neuen, traurigen Stücken vom kurz darauf veröffentlichten zweiten Album. Ich war völlig überfordert. Das genau dieses Album kurz darauf zu meinem Lieblingsalbum 2009 avancierte, ist das Erstaunliche - der Ersteindruck war wohl weniger ein Schlechtfinden der neuen Stücke, als die Enttäuschung über das Fehlen der ganzen Hits.

Ein neuer Anlauf im Luxor (nicht gerade mein Lieblingskonzertort) ist dann vollends geglückt. Ein wundervolles Konzert mit einem sehr aufmerksamen Publikum. An mehr kann ich mich eigentlich nicht erinnern...

04: Stornoway - Haldern Pop (12.08.10)

Als letzte Band am langen ersten Abend im Halderner Spiegelzelt endlich Stornoway! Wenns ums Indiefolkdingsbums von der Insel geht, bin ich ja immer dabei. Erst Noah and the Whale und Emmy the Great, dann Mumford & Sons und die überragenden Cherbourg (beste Band, die sich vor Debütalbumveröffentlichung auflöste aller Zeiten, mindestens...) und nun Stornoway. Mein Lieblingsalbum 2010, mein viertliebstes Konzert 2010.


03: Esben and the Witch - Haldern Pop (13.08.10)

Meine Neuentdeckung des Jahres 2010 sind Esben and the Witch aus Brighton. Im Frühjahr entdeckt, fürs Haldern gewünscht, fürs Haldern gebucht (wenn auch sicher ohne Zusammenhang zum vorherigen Punkt), wumm. Nightmare Pop haben sie ihre Musik mal irgendwo genannt, das käut die Presse (z. B. http://www.arte.tv/de/3565548.html) nun genüsslich wider - passender geht es aber auch nicht.

Die Bühne komplett in Nebel gehüllt, ausschließlich blaues und violettes Licht, die drei Musiker an Bass, Gitarre, Trommel und Elektrogedöns und dazu diese fesselnde, dämonische Musik. The xx meets deine schlimmsten Albträume. Ich denke, dass dieses YouTube-Video den Auftritt gut illustriert. Nach 25 oder 30 von geplanten 45 Minuten verlässt die Band mit einem leisen "Thank you" (so ziemlich das erste, was sie sagen) die Bühne und der Auftritt ist vorbei. Kurz, aber heftig.


02: Los Campesinos! - Gebäude 9, Köln (13.03.10)

Zum Los Campesinos!-Konzert hat Christoph hier seinerzeit einen schönen Bericht geschrieben. Ich weiß zwar viel weniger über die Band, habe keine Ahnung wie die Menschen auf der Bühne heißen und bei einem Großteil der Songs habe ich auch keinen Schimmer, wie der aktuelle Songtitel lautet (obwohl ich mitsinge) - dennoch liebe ich die Band. Nachdem die tollen Copy Haho vorher ein prima Vorprogramm gespielt haben, war dies wirklich ein würdiger Platz 2 dieser Liste. Und das nicht nur weil ich mein Lieblingslied der letzten Jahre, "The sea is a good place to think of the future", zum ersten mal live gehört habe. Einfach, weil die Gruppe so wundervoll spielfreudig, mitreißend und toll ist. Hoffentlich kommen sie bald wieder nach Deutschland.

01: The Low Anthem - Haldern Pop (14.08.10)

Den Platz 1 erobern The Low Anthem, ein echter Überraschungssieger. Zumindest wenn man sie nicht live gesehen hat. Vor dem Haldern kannte ich sie nur flüchtig und beinahe hätte ich sie gar nicht gesehen. Da mich Frightened Rabbit auf der Hauptbühne aber nicht wirklich überzeugten, ging ich einige Minuten früher und kam noch in das Spiegelzelt. Was ich da sah (hörte!) lässt sich schwer in Worte fassen. Die ruhigen Stücke, die Harmonie, die Stimmung, das mucksmäuschenstille Publikum, die überschäumende Begeisterung des Publikums zwischen den Stücken, die Musik, die Musik, die Musik! Es hatte etwas... religiöses. Als würde man als gläubiger Christ im Petersdom vom Papst persönlich die Segnung erhalten.

Im Frühjahr spielt die Band in Köln, allerdings ohne mich - besser kann es nicht mehr werden und ich möchte nicht, dass der Zauber Kratzer bekommt.

Die anschließenden Blood Red Shoes, 2008 noch auf meiner Bestenliste und eigentlich bei Haldern auch drauf gefreut, habe ich mir dann nicht angesehen. Das passte einfach nicht und ich musste erst mal diesen zauberhaften Konzertmoment verdauen.


Bleibt noch das schlechteste Konzert des Jahres... Viele Auftritte 2010 waren Mist, meist waren es Vorgruppen oder Bands auf Festivals, die man ohnehin nicht sehen wollte. Einige waren so egal, das es schon wieder nervte (Gary als Vorband von Klez.e in Oberhausen), andere nervten einfach nur (Sonic Boom Foundation beim Juicy Beats, Alex Amsterdam vor Kevin Devine). Schlimm auch der Auftritt von 2raumwohnung in Duisburg, die ich eigentlich von einem Konzert vor ca. 5 Jahren immer als gute Liveband im Gedächtnis hatte - fürchterlich. Sämtliche Vögel abgeschossen hat aber ein Auftritt beim - ja - Haldern Festival im Spiegelzelt. Jedes Jahr schaffen sie es dort zwischen den ganzen tollen Gruppen einen Totalausfall zu platzieren. 2009 war dies beispielsweise Little Boots, noch schlimmer wurde es jetzt mit I Blame Coco. Gezwungenermaßen musste ich mir den Auftritt ansehen, da ich auf die anschließenden Stornoway (siehe oben) wartete. Schlechte Songs, schlechte Musik, miese Stimme und optisch auch ein totaler Fehlgriff. Und wie guckte die überhaupt beim singen? Wenn Oliver beim Ellie Goulding Konzert nach einer Pistole verlangte, erhebe ich nachträglich mein Anrecht auf ein ganzes Waffenarsenal. Schauerlich.


My year in lists: die 16 besten Konzerte des Jahres (Nelle)


Zum zweiten mal wird mir die Ehre zuteil meine Jahresliste hier zu veröffentlichen. Danke dafür! Im Vorjahr noch eine reine Liste, habe ich diese nun mit (viel zu vielen) Worten ausgeschmückt, die meist weniger das eigentliche Konzert als vielmehr das Drumrum oder die Geschichte zum Konzert ausschmücken.

2010 war ich auf deutlich weniger Konzerten als in den Jahren zuvor. Es fing direkt damit an, dass ich zum Jahresbeginn zwecks Studiumsbeendigung auf gar keine Konzerte ging und dabei viele potentielle Highlights (Fanfarlo, Local Natives, Everything Everything, El Pino and the Volunteers) wieder aus dem Kalender strich. Auch im weiteren Verlauf des Jahres ließ es die Zeit nicht zu, ständig nach Köln (wo aus Ruhrgebiets-Position nun mal ein Großteil der relevanten Konzerte stattfindet) zu fahren. Schon allein wegen der Zugverbindungen für den Rückweg. Gute Konzerte sind nämlich in Köln IMMER von Sonntags bis Donnerstags, da dann am nächsten Tag früh der Wecker geht und schlechtere Zugverbindungen gegeben sind. Zwei oder drei Fr./Sa.-Konzerte gab es glaube ich letztes Jahr mit meiner Beteiligung.

Auffällig war, dass 2010 immer mehr Konzerte von quatschenden Menschen zerstört werden. Gab es zwar schon immer, wird aber immer mehr. Tiefpunkt war wohl der Get Well Soon-Auftritt beim Rock im Saal, bei dem man die Musik irgendwann nicht mehr gehört hat vor lauter Rumgejohle im Publikum.

Es ist zudem immer schwer Abschiedskonzerte in so eine Liste einzubauen, weil man dann zu sentimental wird oder sich einbildet, das Konzert trotz seiner Bedeutung womöglich nicht hoch genug einzustufen. Daher taucht das Abschiedskonzert von Virginia Jetzt!, die mir mal wirklich wichtig waren, im Berliner Admiralspalast (welch toller Saal!) hier nicht auf. Auch dass Astra Kid vor kurzem noch einmal zusammengespielt haben und ein wirklich schönes Konzert in ihrer Heimatstadt Datteln abgeliefert haben, soll hier zwar Erwähnung, aber keine Platzierung in der Bestenliste finden.

Zu manchen Konzerte fehlt mir ein wenig die genaue Erinnerung, daher variiert die Textfülle etwas. Die Reihenfolge ist ab Platz 5 abwärts vielleicht auch nicht ganz richtig - es sind aber definitiv diese Konzerte, unter denen die Plätze verteilt werden. Da meine liebste Anekdote beim folgenden sechzehntbesten Auftritt stattfand, gibt es die etwas unorthodoxe Anzahl von – genau – 16 Konzerten.

16: Under Byen - Zeche Carl, Essen (27.03.10)

Freude: Mein erstes Konzert seit über zwei Jahren in der Zeche Carl. Die ist zwar der von mir aus gesehen nächstgelegene Veranstaltungsort (zu Fuß prima erreichbar), aber in der Zwischenzeit war da einfach nix. Erstmal: Juchu, bestuhlt (mit deutlich mehr Stühlen als Zuschauern übrigens). Nachdem die Vorband fertig war, passierte lange Zeit nichts. Da auch die Pausenmusik längst verklungen war, war es seltsam still. Irgendwann kamen dann vier oder fünf Bandmitglieder auf die Bühne, standen im hinteren Bereich der Bühne im Kreis und redeten leise, malten an einer Setlist rum und ansonsten passierte für fünf bis zehn Minuten nichts. Dann kam ein des Deutschen perfekt mächtiges Bandmitglied ans Mikro "Wir haben eine etwas prekäre Situation - unser Cellist ist sehr krank und noch hinten. Wir versuchen jetzt möglichst viele Stücke so zu spielen und vielleicht kommt er später noch dazu". Völlig unvermittelt dann von der Dame vor mir ein lautes "Hat der sich zufällig übergeben?". Band und Publikum gucken die Dame für die "ungewöhnliche" Frage etwas irritiert an, als diese fortfährt "Ich habe hier einen ganzen Medizinkoffer dabei...". Und dann holt sie unter ihrem Stuhl ein Köfferchen hervor, gibt irgendwas an die Band, erklärt was man wie wann nehmen muss und etwas mehr als fünf Minuten später sitzt der Cellist umjubelt an seinem Instrument und das Konzert beginnt. Unfassbar!!!!!

Das Konzert selbst war übrigens auch super.


15: Portugal. The Man - Haldern Pop (14.08.10)

Haben inzwischen fast so viele CDs veröffentlich wie Jack White. Die CDs höre ich nur selten, live aber immer wieder ganz groß.


14: K's Choice - Kulturkirche, Köln (29.04.10)

Mein erster Konzertbesuch überhaupt war das Pinkpop Festival 2001 in den Niederlanden (warum auch klein anfangen?). Headliner des ersten Abends dort: K's Choice. In Nederland glühend verehrt, sind sie hier über Achtungserfolge und eine immerhin sehr, sehr treue Fangemeinde nie so recht hinausgekommen. Der Auftritt damals war für mehrere Jahre mein "bestes Konzert aller Zeiten" (viele habe ich ja nicht gesehen...) und auch heute denke ich noch gern an den Auftritt zurück.

Fast neun Jahre später spielten sie nun nach einer längeren Pause erstmals wieder in Deutschland. Zwischendurch hatte ich Sängerin Sarah Bettens zweimal solo gesehen, aber das ist halt nicht das gleiche. Richard Ashcroft ist halt nicht The Verve. Ein schönes Konzert an einem tollen Ort an einem warmen Frühlingsabend mit den angenehmsten Fans der Welt. Perfekt.

13: Mumford & Sons - Köln, E-Werk (14.04.10)

Großartig in Haldern 2009, großartig in Dortmund 2009, fast so großartig in Köln 2010. Auf das E-Werk hatte ich vorher überhaupt keine Lust, aber trotz der Größe war das alles prima und fast intim.

12: Wir sind Helden - Gebäude 9, Köln (06.08.10)

Im Zeitraum 2003 bis 2006 habe ich "die Helden" auf zahllosen Konzerten im In- und Ausland erlebt. Besonders reizvoll waren dabei immer die kleinen Konzerte in kleinen Clubs, meist unter falschen Namen oder sonst wie "geheim". Im August 2010 gab es endlich wieder Konzerte unter dem beknackten Decknamen "Wo sind Helmet", der bereits im Frühjahr 2005 genutzt wurde. Nun spielte man noch einmal eine handvoll Konzerte im kleinen Rahmen, um sich nach einer mehr als einjährigen Konzertpause auf die großen Festivalauftritte der Folgewochen vorzubereiten. Und dann auch noch im Gebäude 9 an einem Freitag, sehr schön. Absurd, dass es noch eine Abendkasse gab - 30 Minuten vor Konzertbeginn waren in etwa so viele Leute da wie in Jena 2005 um 16 Uhr nachmittags.

Der Beginn des Konzerts war ganz schwach und das Konzert dümpelte zunächst etwa 20 Minuten vor sich hin. Die Band spielte anfangs nahezu wortlos, das Publikum wippte vor sich hin. Es wurd dann aber von beiden Seiten besser und als im Mittelteil ein Block aus alten Stücken kam, gab es kein Halten mehr. Plötzlich kamen aus allen Himmelsrichtungen Leute angehüpft, mit denen man vor gefühlten 100 Jahren schon die Konzerte besucht hat. Wundervoll. Am Ende war es zwar wieder etwas schwächer, aber egal. Ich hatte meinen Spaß.


11: Ellie Goulding - Delta, Essen (07.05.10)

Im Spätherbst 2009 lernte ich durch meinen Lieblings-Unbekannte-Bands-Podcast Ellie Goulding kennen, ein Mädchen mit Gitarre, das Popsongs spielte. Einige Zeit später wurden daraus ziemlich überproduzierte Elektropopsongs, die auch im Eins Live Tagesprogramm nicht weiter auffielen. Als ich das Debütalbum "Lights" zum ersten mal hörte, war ich ziemlich geschockt - was war da aus dem Gitarrenmädchen von Stücken wie "Not following you" (inzwischen von unser aller Lena Meyer-Landrut nahezu 1:1 neu aufgenommen und auf CDs verewigt) und "The end" geworden?!? Recht schnell stellte sich aber heraus: Das Album und die Songs waren trotzdem super - auch dicker Mainstreampop kann prima sein.

Zurück aber zum Konzert: Der Radiosender Eins Live veranstaltet einmal per anno die Aktion "Eine Nacht in..." und bucht dann nahezu alle Veranstaltungsstätten einer Stadt um dort Konzerte, Lesungen usw. zu veranstalten. Völlig unerwartet fand dies 2010 in meinem Wohnort Essen statt, wo ja sonst kaum ein gutes Konzert ist. Plötzlich hatte man Auswahl, was ja auch wieder ärgerlich ist. The Temper Trap auf dem Gelände der Zeche Zollverein hätte es z. B. noch gegeben. Ellie Goulding (sowie die Gruppe Delphic) spielten im Delta, einer Diskothek im Westviertel. Als genauer Ort (Fachjargon: "Floor") dort war der "Boxring" angekündigt, der sich auf Fotos auf der Homepage des Deltas auch als eben solcher entpuppte. Das schien super zu werden, die Band im Boxring und das Publikum drum rum. Leider war das dann doch nicht so, der Boxring wurde weggeräumt und eine normale Bühne an den Rand des Raums gestellt. Ellie Goulding ist nicht die beste Sängerin der Welt, auch nicht die schönste oder sonst was - aber sie hat mich an diesem Abend gnadenlos mitgerissen. Tolle Frau!

Laut last.fm übrigens mein meistgehörter Interpret 2010.

10: The Posies - Gleis 22, Münster (13.10.10)

Was soll man groß über die Posies schreiben? Eben.


09: The National - Haldern Pop (14.08.10)

Der National-Autritt beim Haldern 2008 ist als einer der besten dort in die Festivalgeschichte eingegangen und daran wird die Band auch nicht mehr rütteln können. Auch, wenn sie weniger technische Probleme haben als beim 2010er Headlineauftritt, das schaffen sie einfach nicht mehr.

Randanekdote: Da dies der letzte Auftritt des Festivals war, habe ich zuvor sämtliche Wertmarken versoffen. So stand ich nun also angetrunken vor der Hauptbühne und musste dringend für kleine Festivalgänger. Aber ich konnte nun nicht gehen... da vorne standen schließlich die mächtigen The National. So kam mir das Konzert einerseits endlos vor, andererseits war es aber auch viel zu schnell vorbei.


08: Kevin Devine - Amp, Münster (19.02.10)

Kennt ihr das, dass man eine Band nach einem überragenden Konzert gar kein weiteres mal sehen möchte? Kevin Devine hatte im Mai 2008 im Blue Shell ein solches Konzert gespielt. Es war nicht nur das "Konzert des Jahres 2008" in meinem allgemeinen Listenwahn, sondern wirklich das beste, das ich in den letzten Jahren gesehen habe. Danach konnte ich monatelang die CDs nicht mehr hören und ließ auch die nächste Tour aus. Fast zwei Jahre später traute ich mich dann doch wieder... vielleicht auch, weil ich das Amp so mag. Kevin Devine ist so unfassbar gut.

07: Gisbert zu Knyphausen - FFT, Düsseldorf (25.05.10)

Meinen Volkshelden Gisbert von und zu habe ich 2010 nicht weniger als fünfmal gesehen. Besonders erwähnenswert dabei vielleicht auch der Auftritt in einem Wartehäuschen am Münsteraner Bahnhof im Rahmen des Sozialpalast-Projektes. Bester Auftritt war aber das Maikonzert im Saal des Forum Freies Theater (FFT) in Düsseldorf. Den Auftakt machte der großartige Moritz Krämer mit einem sehr gelungenen Vorprogramm. Gisbert spielte anschließend beide Alben komplett und nocheinige weitere Stücke. Dabei sitzen in gemütlichen Theatersitzen entspricht genau meinen Vorstellungen eines gelungenen Abends.


06: Delphic - Delta, Essen (07.05.10)

Wie oben schon erwähnt war ich bei Ellie Goulding. Danach sollten noch Delphic spielen, die ich auf Grund des Intro-Hypes schon mal doof fand und deren einziges mir bekanntes Stück "Doubt" mich auch nicht grad vom Hocker riss. Naja, da ich ja ohnehin da war, wollte ich mir zumindest den Anfang angucken. Ich stellte mich also ganz nach hinten und wartete, dass die ganz bestimmt völlig überschätzte Band anfing. Selten hat mich eine Band so sehr vom Gegenteil überzeugt... das hat mich völlig weggeblasen. I wouldn't stop the red lights! Red light! Red light! Red lights!

05: Noah and the Whale - Luxor, Köln (25.04.10)

Die Briten von Noah and the Whale habe ich 2009 in Haldern zum ersten mal live gesehen - ein sehr unglücklicher Auftritt. Bekannt geworden sind sie durch eher fröhliche Folkpopnummern, das Debütalbum strotzte über große Längen vor Hits und Mitsing- oder -pfeiftiteln. Darauf freute ich mich und die meisten anderen Zuschauer wohl auch. Der Auftritt bestand dann aber fast ausschließlich aus neuen, traurigen Stücken vom kurz darauf veröffentlichten zweiten Album. Ich war völlig überfordert. Das genau dieses Album kurz darauf zu meinem Lieblingsalbum 2009 avancierte, ist das Erstaunliche - der Ersteindruck war wohl weniger ein Schlechtfinden der neuen Stücke, als die Enttäuschung über das Fehlen der ganzen Hits.

Ein neuer Anlauf im Luxor (nicht gerade mein Lieblingskonzertort) ist dann vollends geglückt. Ein wundervolles Konzert mit einem sehr aufmerksamen Publikum. An mehr kann ich mich eigentlich nicht erinnern...

04: Stornoway - Haldern Pop (12.08.10)

Als letzte Band am langen ersten Abend im Halderner Spiegelzelt endlich Stornoway! Wenns ums Indiefolkdingsbums von der Insel geht, bin ich ja immer dabei. Erst Noah and the Whale und Emmy the Great, dann Mumford & Sons und die überragenden Cherbourg (beste Band, die sich vor Debütalbumveröffentlichung auflöste aller Zeiten, mindestens...) und nun Stornoway. Mein Lieblingsalbum 2010, mein viertliebstes Konzert 2010.


03: Esben and the Witch - Haldern Pop (13.08.10)

Meine Neuentdeckung des Jahres 2010 sind Esben and the Witch aus Brighton. Im Frühjahr entdeckt, fürs Haldern gewünscht, fürs Haldern gebucht (wenn auch sicher ohne Zusammenhang zum vorherigen Punkt), wumm. Nightmare Pop haben sie ihre Musik mal irgendwo genannt, das käut die Presse (z. B. http://www.arte.tv/de/3565548.html) nun genüsslich wider - passender geht es aber auch nicht.

Die Bühne komplett in Nebel gehüllt, ausschließlich blaues und violettes Licht, die drei Musiker an Bass, Gitarre, Trommel und Elektrogedöns und dazu diese fesselnde, dämonische Musik. The xx meets deine schlimmsten Albträume. Ich denke, dass dieses YouTube-Video den Auftritt gut illustriert. Nach 25 oder 30 von geplanten 45 Minuten verlässt die Band mit einem leisen "Thank you" (so ziemlich das erste, was sie sagen) die Bühne und der Auftritt ist vorbei. Kurz, aber heftig.


02: Los Campesinos! - Gebäude 9, Köln (13.03.10)

Zum Los Campesinos!-Konzert hat Christoph hier seinerzeit einen schönen Bericht geschrieben. Ich weiß zwar viel weniger über die Band, habe keine Ahnung wie die Menschen auf der Bühne heißen und bei einem Großteil der Songs habe ich auch keinen Schimmer, wie der aktuelle Songtitel lautet (obwohl ich mitsinge) - dennoch liebe ich die Band. Nachdem die tollen Copy Haho vorher ein prima Vorprogramm gespielt haben, war dies wirklich ein würdiger Platz 2 dieser Liste. Und das nicht nur weil ich mein Lieblingslied der letzten Jahre, "The sea is a good place to think of the future", zum ersten mal live gehört habe. Einfach, weil die Gruppe so wundervoll spielfreudig, mitreißend und toll ist. Hoffentlich kommen sie bald wieder nach Deutschland.

01: The Low Anthem - Haldern Pop (14.08.10)

Den Platz 1 erobern The Low Anthem, ein echter Überraschungssieger. Zumindest wenn man sie nicht live gesehen hat. Vor dem Haldern kannte ich sie nur flüchtig und beinahe hätte ich sie gar nicht gesehen. Da mich Frightened Rabbit auf der Hauptbühne aber nicht wirklich überzeugten, ging ich einige Minuten früher und kam noch in das Spiegelzelt. Was ich da sah (hörte!) lässt sich schwer in Worte fassen. Die ruhigen Stücke, die Harmonie, die Stimmung, das mucksmäuschenstille Publikum, die überschäumende Begeisterung des Publikums zwischen den Stücken, die Musik, die Musik, die Musik! Es hatte etwas... religiöses. Als würde man als gläubiger Christ im Petersdom vom Papst persönlich die Segnung erhalten.

Im Frühjahr spielt die Band in Köln, allerdings ohne mich - besser kann es nicht mehr werden und ich möchte nicht, dass der Zauber Kratzer bekommt.

Die anschließenden Blood Red Shoes, 2008 noch auf meiner Bestenliste und eigentlich bei Haldern auch drauf gefreut, habe ich mir dann nicht angesehen. Das passte einfach nicht und ich musste erst mal diesen zauberhaften Konzertmoment verdauen.


Bleibt noch das schlechteste Konzert des Jahres... Viele Auftritte 2010 waren Mist, meist waren es Vorgruppen oder Bands auf Festivals, die man ohnehin nicht sehen wollte. Einige waren so egal, das es schon wieder nervte (Gary als Vorband von Klez.e in Oberhausen), andere nervten einfach nur (Sonic Boom Foundation beim Juicy Beats, Alex Amsterdam vor Kevin Devine). Schlimm auch der Auftritt von 2raumwohnung in Duisburg, die ich eigentlich von einem Konzert vor ca. 5 Jahren immer als gute Liveband im Gedächtnis hatte - fürchterlich. Sämtliche Vögel abgeschossen hat aber ein Auftritt beim - ja - Haldern Festival im Spiegelzelt. Jedes Jahr schaffen sie es dort zwischen den ganzen tollen Gruppen einen Totalausfall zu platzieren. 2009 war dies beispielsweise Little Boots, noch schlimmer wurde es jetzt mit I Blame Coco. Gezwungenermaßen musste ich mir den Auftritt ansehen, da ich auf die anschließenden Stornoway (siehe oben) wartete. Schlechte Songs, schlechte Musik, miese Stimme und optisch auch ein totaler Fehlgriff. Und wie guckte die überhaupt beim singen? Wenn Oliver beim Ellie Goulding Konzert nach einer Pistole verlangte, erhebe ich nachträglich mein Anrecht auf ein ganzes Waffenarsenal. Schauerlich.


My year in lists - die 20 besten Konzerte des Jahres 2010, Teil 2 (Oliver Peel)


Jetzt geht's ans Eingemachte, Freunde!

Meine Plätze 20-11 kennt ihr schon, nun sind die Top Ten der besten Konzerte an der Reihe. Jedes einzelne davon war sensationell und unvergesslich, so daß es mir schwer fiel, eine Reihenfolge zu etablieren. Aber wenn man Listen macht, dann muss man sich nun einmal festlegen, um der Sache Kontur zu geben. Hinzufügen will ich noch, daß ich bewußt kein einziges Konzert, das im Rahmen unserer Oliver Peel Sessions stattgefunden hat, in diese Liste gewählt habe, weil ich jeden Künstler, der in unserem Wohnzimmer musiziert hat, gleich gerne mochte. Ich will nicht die Shelleys gegen Snailhouse ausspielen, oder eine Gregory and The Hawk vor einen Jozef van Wissem (Foto und Video) setzen, etc. Ich liebe sie alle, diese mutigen Künstler die auf engstem Raum unter schwierigen Bedingungen ihr Bestes gegeben haben und sich quasi schutzlos fremden Menschen auslieferten. Nichtsdestotrotz waren mir diese intimen Sessions natürlich eigentlich die liebsten. Verständlich, oder?



Die besten Konzerte des Jahres, Plätze 10-1 (Oliver Peel)

10: Swans, Festival BBMix, Boulogne-Billancourt bei Paris, 28.11.2010:

Swans. Die Schwäne. Diese weißen Viecher mit dem langen Hals gelten ja ohnehin als aggressiv und auch die amerikanische Band, die sich diesen tierischen Namen gegeben hat, teilte mächtig aus. 2 Stunden lang wurde erbarmungslos die Noisekeule geschwungen und hinterher fühlte ich mich, als hätte mich ein Bus gestreift. Ich schrieb damals:

"Ein Konzert wie ein Arschfick. Ich fühle mich jetzt noch als seien Panzer über mich drübergerollt, als seien meine Ohren vergewaltigt worden. Ein schamanisches, brutalstmögliches Gewitter an verzerrten Gittaren, Paukenschlägen und gruseligen Tönen. So höllisch laut, daß nach circa einer Stunde der Strom aufiel. Als die Tontechniker eine halbe Stunde später den Schaden behoben hatten, ging es mit unbarmherziger Härte weiter und man hatte fast das Gefühl, als wolle die Band sich rächen und extra noch 500 Dezibel lauter spielen. Am Ende tropfte fast Blut aus meine Ohren."

09: Scout Niblett, Le Point Ephémère, Paris, 07.06.2010

Ach, die Scout! Wie sehr ich sie liebe! Die Engländerin mit Wohnsitz Amerika mochte ich schon seit Jahren, aber ein wirklich herausragendes, ihrem Talent angemessenes Konzert, war sie mir bis dato schuldig geblieben. An jenem 7. Juni 2010 aber war sie in ganz großer Form. Eine gute Stunde lang bot sie zusammen mit einem Drummer ein atemberaubend intensives Set, in der sich wunderbar verhaltene Passagen mit explosiven Ausbrüchen abwechseltem. Sie war bestens aufgelegt, scherzte viel und performte neben Klassikern Material ihres ausgezeichneten neuen Albums The Calcination Of Scout Niblett. So konzentriert und dennoch unverkrampft hatte ich sie noch nie erlebt. Ihre legendären Hänger und Plauderpassagen ließ sie aus und bewies, daß sie nach PJ Harvey wohl die beste weibliche Rockmusikerin ist.

08: Le Prince Miiaou, La Flèche d'or, Paris, 10.03.2010

Hinter dem kuriosen Namen verbirgt sich die junge Französin Maud-Elisa Mandeau, die voller Tatendrang ihre ersten beiden Alben im Selbstversuch auf den Markt gebracht hat. Trotz ihres enormen Talentes, fand sich kein Label, daß ihre mitunter seltsamen Songs herausbringen wollte. Ihrem Weg nach oben tat dies aber keinen großen Abbruch, denn Troy von Balthazar himself lud sie ein, sein Vorpogramm in der Maroquinerie zu bestreiten. Und die Musikpresse redet zu recht viel von ihr, gleich mehrfach gab es Artikel in den Inrocks und anderen etablierten Blättern. An der Eigenwilligkeit und dem unfassbaren Talent für die Bühne kommt man einfach nicht vorbei. Maud-Elisa ist eine schüchterne Frau, in der ein Vulkan brodelt. Unfassbar packend, wenn der live expoldiert. In der Flèche d'or hat sie mich zusammen mit ihrem Cellisten und ihrem Drummer in einen rauschhaften Zustand versetzt, hinterher standen mir Glückstränen in den Augen. Sie klingt als würde Cat Power jetzt Postrock machen und die durchgeknallten Xiu Xiu mit an Bord nehmen. Le Prince Miiaou traue ich in Zukunft einfach alles zu, sie ist eine der faszinierendsten Künstlerinnen, die ich je gesehen habe und hat ihren ganz eigene Stil. Niemand klingt wie sie. Ihre Konzerte sind der Oberhammer. In den nächsten Jahren wird sie sicherlich in dieser Liste irgendwann auf Platz eins landen.



07: Joanne Newsom, Festival Villette Sonique, Paris, 31.05.2010

Jonnan Newsom muss in den Top Ten auftauchen, alles andere wäre unverschämt. Das Genie (?) aus Kalifornien zupfte unermüdlich auf ihrer imposanten Harfe, setzte sich aber auch ab und zu hinter das Piano. Auffällig die Stöckelschuhe, die sie trug. Als Folkfan ist man ja meistens Damen gewöhnt, die barfuß performen, aber Joanna gönnt uns glücklicherweise einen viel eleganteren Anblick. Richtig hohe Dinger. Sexy! Und wie frech und schlagfertig diese Joanna ist, keinesfalls das schüchterne und authistische Wunderkind, das man beim Hören der CDs erwarten könnte. Zugeben muss ich allerdings, daß es gar nicht so leicht war, dauerhaft aufmerksam zu bleiben. Die Kunst von Fräulein Newsom ist fordernd, nicht leicht konsumierbar, verlangt volle Konzentration. Aber man wurde für seine Aufmerksamkeit reich belohnt und hinterher wollte der donnerde Beifall gar nicht mehr abreißen.

06: Syd Matters, Le Bataclan, Paris, 02.11.2010

Meine französische Lieblingsband, keine Frage. Ohne Unterstützung eines großen Labels und ohne Medienhype und Powerplay im kommerziellen Radio haben es die Jungs um Sänger Jonatahn Morali geschafft, große Locations wie das Bataclan auszuverkaufen. 2011 ist das legendäre Olympia dran, eine Sensation. Mit akribischer Arbeit, gutem Songwriting und einem genialen Sinn für harmonische Arrangements kann man es also doch noch weit bringen. Im Bataclan präsentierten Syd Matters die Lieders ihren neuen Werkes Wolfmother, die sich problemlos in das Altmaterial einfügten. Immer wenn ich diese sympathische Band sehe, fühle ich mich geradezu tiefenenstpannt, verzaubert und federleicht. Ihre Chorgesänge können es locker mit den Fleet Foxes aufnehmen und irgendwie sind sie in musiklaischer Hinsicht Brüder im Geister der famosen Amerikaner Midlake. Die Show im Bataclan war traumhaft schön und bewies, daß auch Franzosen erstklassige Musik machen können. Aber das wussten wir ja eigentlich schon längst...



05: Emily Jane White, L'Européen, Paris, 16.11.2010

Phänomenal, was Emily Jane White zusammen mit ihrer Band gezeigt hat! Die diskrete Kalifornierin hauchte sich 90 Minuten durch ein perfekt beherrschtes Set, gespickt mit anrührenden, tiefschwarzen Folksongs ihrer drei phantastischen Alben. Hinterher war klar, daß Emily Jane ihre Hauptkonkurrentinnen Alela Diane und Marissa Nadler musikalisch bereits überholt hat. Stimmlich jederzeit tadellos, songtechnisch überragend und unglaublich fesselnd, so brillant wie Miss White hatte ich Alela oder Marissa bisher noch nicht erlebt. Wenn doch die Presse ein bißchen mehr Notiz von ihr nehmen würde. Legitime Erbinnen von Johnny Mitchell oder Sandy Denny trifft man schließlich nicht alle Tage.

04: The National, Olympia, Paris, 23.11.2010:

Klar, ich könnte hier den elitären Blogger raushängen lassen und The National den verdienten Platz unter den besten 5 verwehren. Weil sie massentauglich geworden sind und sie inzwischen fast jeder kennt. Wäre aber albern, denn Matt Berninger und die beiden Zwillingsbrüder-Paare in der Band gehörten nun einmal zu den besten Gruppen des Jahres 2010. Ihr Auftritt im Pariser Olympia war legendär und unvergesslich. Die Amerikaner hielten dem Druck unter dem sie dieses Jahr plötzlich standen, einwandrei stand, und präsentierten sich locker und in bestechender Verfassung. Die sonore Baritonstimme von Matt funktionierte perfekt und die Gebrüder Dessner entlockten ihren Gitarren so etliche grandiose Riffs. Gegen Ende hin wurde der Gig immer intensiver und berauschender. Berninger hatte (auch mit Hilfe von ein paar Gläsern Wein) alle Blockaden gelöst und peitschte die Zuschauer förmlich auf. Als er (wie gewohnt) zu Mister November durch Publikum hetzte, gab es kein Halten mehr. Ich bekam mehrfach eine Gänsehaut, fühlte mich an Szenen von Joy Divison Konzerten erinnert. Die Schreiattacken von Matt gingen mir durch Mark und Bein und als die Band akustisch mit der Ballade Vanderlyle Crybaby Geeks abschloß, sah ich Sternchen. Die Trompete, war einfach zu schön. Episch!



03: Interpol, Trabendo, Paris, 17.09.2010

Ein paar Crashpropheten hören bei Interpol schon die Totenglöckchen klingen. Will heißen: es wird auf das baldige Ende der New Yorker Band spekuliert. Und das nur weil der exzentrische Bassist Carlos D Interpol verlassen hat und Leute, die das neue Album nicht oft genug gehört haben, von einem schwachen Werk sprechen.

Im recht intimen Pariser Trabendo (Kapazität höchstens 700) zeigten Paul Banks und co, daß das alles Unsinn ist. Nix Krise, nix schlechtes neues Album, nix personnelle Schwächung auf der Bassistenpostion. Stattdessen war Paul ungewöhnlich locker, höflich und gesprächig, die Band beeindruckend sicher und spielfreudig und David Pajo (ex Slint) am Bass ohne Fehl und Tadel. Alles flutschte, Hit reihte sich an Hit und die Stmmung war bombig. So fühlt es sich an, wenn wahre Champions auf der Bühne stehen. Sollen die Ratten und Miesmacher doch das angeblich sinkende Schiff verlassen, ich bleibe bei Interpol an Bord. Sie sind nun einmal die weltbesten Joy Divion- Klone und in manchen Phasen übertreffen sie sogar die legendären Engländer um Ian Curtis.

02: Sophie Hunger, Theéatre de L'Atelier, Paris, 06.12.2010

Sophie Hunger macht irgendwie immer mit mir was sie will. Wie sie das schafft, weiß ich gar nicht so genau. Ihre soulige Stimme ist eigentlich nicht unbedingt mein Wetter, ihr neues Album 1983 hatte ich selten gehört und indie oder gar cool ist die Schweizerin auch nicht die Bohne. Sie zieht nicht das typische Bloggerpublikum an, die sich nach neuen innovativen Bands, die von Pitchfork gehypt werden, die Finger abschlecken. Schon klar, Sophie ist nicht so trendy wie Twin Shadow, Sleigh Bells, No Age oder Animal Collective. Aber wißt ihr was? Ist mir wurscht! Viel wichtiger ist, daß ich bei Konzerten der Hunger 2 Stunden lang völlig gebannt zuhören kann und durch die bewegenden Lieder so ungemein viel Trost erfahre. Im Théatre de L'Atelier war die Spannung geradezu knisternd, die Emotionen überwältigend, der Applaus frenetisch. Sophie Hunger hatte die Franzosen (und die vielen Schweizer und Deutschen) zu Tränen gerührt und bei der am Piano vorgetragenen Ballade Rise And Fall merkte ich plötzlich, wie zwei Tropfen meine rechte Faust benetzten. Plitsch platsch. Der Song hatte mich mit voller emotionaler Wucht getroffen, mir das salzige Wasser aus den Augen getrieben. Ich wagte nicht meine Sitznachbarn anzusehen, schämte mich ein wenig. Dann aber sah ich, daß auch die Frau neben mir zum Taschentuch griff. Schluchz. Kitschig? Mag sein. Aber bei Sophie spürt man einfach, daß sie in ihrer Musik aufgeht, einen fast hypnotischen Zustand erreicht und die Gabe hat, diese Emotionen ungefiltert an das Publikum weiterzugeben. Den Auftritt im Theatre de L'Atelier werde ich nie vergessen und besonders bewegend fand ich , als Sophie nach einem unglaublich heftigen Applaus sich das Mikro griff, kurz innehielt (das macht sie immer) und gerührt in etwas holprigem französisch bekundete: "ce soir je ne vai pas pouvoir dormir, je garde tout cela dedans." - heute nacht werde ich nicht schlafen können, ich bewahre das alles in meinem Inneren.

Achso: Speech, ein Song ihrer alten Band Fischer ist ein unglaublicher Hammer, oder etwa nicht?



01: Alina Orlova, Café de la Danse, Paris, 08.11.2010

Noch so ein Konzert, das schonungslos auf die Tränendrüse drückte. Die litauische Pianistin Alina Orlova sang in ihrer Landessprache, auf russisch und auf englisch und hatte als einziges Instrument ihren Flügel zur Verfügung. Auf dem Album hört man hingegen viele andere Instrumente wie Geigen, etc. Aber gerade in der abgespeckten, reduzierten Variante gefiel mir das Ganze besonders gut. Alina sang und klimperte mich regelrecht in einen Rausch, bestach durch ihre natürlich-charmante Ausstrahlung und ihre vielen glänzenden Lieder und trieb das Publikum zu reißenden Beifallsstürmen. Textlich verstand ich nur Bahnhof, aber das war egal. Was zählte war die übermittelte Melancholie, diese typisch russische Schwermut, dieses flehentliche Aufbegehren gegen die Gemeinheiten des Lebens. Gegen Ende kapitulierte ich und flennte wie so ein kleiner Schuljunge. Jeglicher Widerstand gegen die Attacken auf das Tränenzentrum war zwecklos. Und dann klimperte sie bei den Zugaben auch noch auf einer Kalimba. Mann war das schön! Alina, diese Herzensbrecherin. Sie hat die Krone absolut verdient!